Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1236.

Stetig besser scheitern

Gert Fabritius malt es uns aufs schönste vor

Existentielle Koordinaten bestimmen das künstlerische Werk von Gert Fabritius (geboren in Siebenbürgen 1940). Davon kann sich der Betrachter bis zum 6. Mai im Museum im Kleinhues-Bau, Kornwestheim, überzeugen.

Schöpfung und Schicksal, Scheitern und Auflehnen, Dasein und Tod kommen in den Holzschnitt- und Gemäldezyklen des Stuttgarter Künstlers in mythischer Gewandung daher. Wie kaum ein zweiter versteht es Fabritius, die großen Mythen für die Gegenwart nutzbar zu machen – und nicht daran zu verzweifeln. Mit der tragischen Ironie des Skeptikers versucht er,  den Finger in die Wunde der menschlichen Ausweglosigkeit zu legen, statt Dasein und Tod eine verstärkte Daseinbesinnung im Tod anzusprechen.

So geht die Schiffs-Figuration in den „Mutmaßungen über die Arche“ über das tradierte Symbol christlicher Gnadenverheißung hinaus. Die Arche ist fragiler Seelenkutter, Teil einer vordergründig menschenleeren Traumflotte, deren Himmelsleitern und Stühle als surreale Accessoires den Betrachter auf die Fahrt mit ungewissem Ausgang einladen.

Auch Sisyphos ist bei Fabritius mehr als nur die antike Mythengestalt, mehr als die Verkörperung alles ausweg- und erfolglos Menschlichen. Er ist mehr als nur der sinnlos Schaffende, der den Stein mit immer wiederkehrender Anstrengung den Berg hinauf rollen muß. Bruder in der Ausweglosigkeit, stellt er sich dem im Labyrinth des Denkens gefangenen Minotauros als Spiegelbild und Projektionsfläche zur Verfügung, rastlos bemüht, das immer wiederkehrende Scheitern zu einem stetig besseren Scheitern werden zu lassen.

In seinen „Totentanz“-Zyklen bedient sich Gert Fabritius mal der mittelalterlichen Todesfiguration des Sensenmannes und Knochengerippes („Zieder Totentanz“), mal der Elemente (Luft und Wasser) oder aber der „Zivilisationserrungenschaften“ (Straße und Flugzeug) als Todes-Chiffren in einer zeitgemäßen Inszenierung des endzeitträchtigen Lebensreigens.

Letztlich fügen sich all die mythologischen Versatzstücke zu einer Kulisse und gleichzeitigen Projektionsfläche menschlichen Handelns, das im Wissen des einzelnen um die Absurdität allen menschlichen Bemühens nichtsdestotrotz im humanistisch-kulturellen Wertekanon fest verankert bleibt. Und die Kunst? Ein Kentaur, ein „Zwitter-Morgenabendrot / Zwei Hälften Sein im einz’gen Tod“, hat Fabritius’ Landsmann, der jüdisch-deutsche Dichter Immanuel Weissglas, geschrieben.

Irmgard Sedler /Günter Baumann (KK)

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