Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1247.

Stiefkind der Geschichte

Sprachliche Spaltung und nationaler Zusammenhalt an der oberen Oder – Oberschlesien als Thema im Münchner Haus des Deutschen Ostens

Oberschlesien sei bis heute ein Stiefkind der Geschichtsschreibung geblieben. So sagte jüngst der studierte Historiker und gebürtige Oberschlesier Matthias Lempart in einem Vortrag, den er im Rahmen der bekannten Reihe des Münchner Hauses des Deutschen Ostens über die in Bayern heimisch gewordenen Vertriebenen hielt. Lempart entwarf ein Bild Oberschlesiens und der Oberschlesier, bei dem die Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte im Mittelpunkt stand. Dabei ging es nicht nur um das Gebiet des preußischen Regierungsbezirkes Oppeln von 1914, sondern um das ganze Oberschlesien, das sich in alter Zeit aus den Herzogtümern Oppeln und Troppau sowie dem Neisser Bistumsland zusammensetzte, letzteres ein weltliches Territorium der Bischöfe von Breslau.

Lempart begann mit dem Jahre 1202, dem Jahr, seit dem Oberschlesien als Eigenexistenz faßbar ist. Die mittelalterliche deutsche Besiedlung, die Oberschlesien in ein ebenso deutsches Land wie Niederschlesien zu verwandeln versprach, kam im 15. Jahrhundert ins Stocken, ein Rückgang folgte. Gründe waren die Pestkatastrophe um die Mitte des 14. Jahrhunderts, die die deutsche Volkskraft nachhaltig schwächte, und, vor diesem Hintergrund, die Hussitenzüge einschließlich der ihnen folgenden Kriege im 15. Jahrhundert. Zuletzt war die deutsche Ostkolonisation allein von den Neustämmen, vor allem den Schlesiern, getragen worden. Eine allgemeine Agrarkrise, die den Getreidepreis verfallen ließ, kam hinzu. Zahlreiche Bauernhöfe, ja ganze Dörfer wurden aufgegeben, Wüstungen entstanden. Teile der Bevölkerung begaben sich auf Wanderschaft.

Während westlich der Oder, vor allem im fruchtbaren Neisser Bistumsland um Neisse, Grottkau, Ottmachau und Patschkau sowie, südöstlich davon, in den Lösgebieten um Zülz, Oberglogau und Leobschütz polnische Bevölkerungsreste in dem dort bereits prägenden deutschen Volkstum aufgingen, gewann östlich der Oder, im inneren Oberschlesien sowie, nordwestlich davon, im Kreuzburger Gebiet (wie um Namslau und Groß Wartenberg) auf oft sandigen Böden ein zahlenmäßig überlegenes Polentum die Oberhand, indem starke deutsche Inseln sprachlich polonisiert wurden. Zudem geriet das Deutschtum in fast allen Städten Oberschlesiens, soweit sie nicht im geschlossenen deutschen Sprachgebiet lagen, bis 1500 in die Minderheit, so in Oppeln, Gleiwitz und Beuthen.

Wie Lempart hervorhob, ist die Kenntnis dieser Vorgänge unerläßlich, wenn man die Geschichte Oberschlesiens im 19. und im 20. Jahrhundert verstehen will. Denn über die Jahrhunderte hinweg sind die einstigen bevölkerungsgeschichtlichen Grundverhältnisse wirksam geblieben, so einschneidend auch seit dem Ausgang des Mittelalters drei Tatbestände in den Weg Oberschlesiens eingriffen: die Herrschaft des Hauses Habsburg seit dem Jahre 1526; die Reformation und die Gegenreformation sowie die Einverleibung in das Königreich Preußen seit 1742.

Selbst die Industrialisierung Oberschlesiens, die der preußische Staat seit dem Ende des 18. Jahrhunderts betrieb, konnte trotz einer enormen Vermehrung der Bevölkerung deren hergebrachte innere Gegensätze nicht aufheben. Denn der starke Zufluß der Arbeitskräfte speiste sich fast ganz aus dem Lande selbst; nur das Führungspersonal, Kaufleute und Lehrer kamen aus dem Inneren Deutschlands, wodurch sich freilich insbesondere in den Städten das deutsche Element als Träger der modernen Zivilisation merklich verstärkte und stabilisierte. Das blieb auch für den zahlenmäßig stark angewachsenen polnischsprachigen Volksteil nicht ohne Folgen, zumal sich die Verbindung zur polnischen Hochsprache und Kultur im Laufe der Jahrhunderte infolge der politischen Zugehörigkeit zu Böhmen, Österreich und Preußen gelockert hatte, der Zustrom polnischer Arbeiter aber nur schwach war.

Als nach dem Ersten Weltkrieg das staatlich wiedererstandene Polen Anspruch auf fast ganz Oberschlesien erhob, da begründete es das mit dem vermeintlichen Polentum der Oberschlesier. Aber die von den Friedensstiftern von Versailles schließlich auf deutsche Proteste hin zugestandene Volksabstimmung vom März 1921 (unter Ausschluß der Kreise Neisse, Grottkau, Falkenberg und der westlichen Hälfte des Kreises Neustadt, in denen der Ausgang als unzweifelhaft erschienen war) ergab knapp 60 Prozent der abgegebenen Stimmen für Deutschland. Lempart konnte unter Hinweis auf zahlreiche Einzelergebnisse vor dem Hintergrund der Volkszählung von 1910, die auch das Bekenntnis zur Muttersprache erfragt hatte, zeigen, daß die Option für Deutschland weit über den Kreis der deutschen Muttersprachler hinausgegangen war. Dennoch wurde Oberschlesien im Herbst 1921 geteilt, wobei nicht nur die Kreise Rybnik und Pleß, in denen sich deutliche Mehrheiten für Polen ergeben hatten, sondern auch die Industriestädte Kattowitz und Königshütte an Polen fielen, in denen 85,4 bzw. 74,7 Prozent der Stimmen für Deutschland abgegeben worden waren.

Oberschlesien litt hinfort an einer das Land zerschneidenden, einer „blutenden“ Grenze, wie man damals sagte. Doch wer ahnte damals auch nur, daß es bald um die ganze Existenz dieses deutschen Grenzlandes gehen sollte?

Peter Mast (KK)

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