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Ausgaben: Ausgabe 1306.

Stille Helden

Das Heimatwerk Schlesischer Katholiken gedenkt schlesischer Kirchenmänner im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Nahezu fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten den Weg nach Mainz zur Jahrestagung und Mitgliederversammlung des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken im Erbacher Hof – Bildungszentrum der Diözese Mainz – gefunden.

Der Präsident des Heimatwerkes, Professor Dr. Josef Joachim Menzel aus Mainz, begrüßte die Tagungsteilnehmer und zeigte sich erfreut darüber, daß der seit nunmehr gut einem Jahr amtierende Visitator für die Katholiken aus der Erzdiözese Breslau und dem Generalvikariat Branitz an der Tagung teilnahm. Sodann erinnerte Professor Menzel an den am 31. Dezember 2010 in Mainz verstorbenen Priester und Mainzer Ehrendomkapitular Prälat Dr. theol. h.c. Walter Seidel aus Waldenburg/Schlesien. „Seine vielseitige Begabung, Bildung, Religiosität, Spiritualität und Musikalität hat er aus Schlesien mit nach Mainz gebracht und hier in schöner Weise entfaltet. Walter Seidel ist ohne die schlesischen Mystiker und Gottsucher wie zum Beispiel Angelus Silesius, Dichter wie Joseph von Eichendorff und Kirchenmusiker wie Franz Schnabel nicht wirklich zu verstehen. Er lebte nicht nur unbewußt aus diesem schlesischen Erbe“.

Auf dieser Tagung wurden schlesische Selige oder Selige in spe der jüngeren Vergangenheit vorgestellt, die durch die Berührungen mit dem unseligen nationalsozialistischen System herausgefordert worden sind, sich für ihren Glauben und für ihre Mitmenschen vorbehaltlos einzusetzen. Außerdem wurde die seit sechzig Jahren bestehende Gemeinschaft evangelischer Schlesier, das evangelische Pendant zum Heimatwerk Schlesischer Katholiken, von ihrem Vorsitzenden präsentiert.

Monsignore Dr. Paul Mai, Regensburg, stellte in einem prägnanten Vortrag den am 23. Juni 1996 von Papst Johannes Paul II. in Berlin seliggesprochenen Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg vor, geboren am 3. Dezember 1875 im schlesischen Ohlau. Neben seiner engagierten pastoralen Tätigkeit, insbesondere in der Berliner Jugend- und Krankenseelsorge, betätigte sich Lichtenberg auch politisch in der Zentrumspartei. So überrascht es nicht, daß er schon früh in das Visier der Nazis geriet und Diffamierungen zu erdulden hatte, zumal zeitgleich mit Lichtenberg als Hauptvertreter für die NSDAP der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg saß. Als Propst der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale gelang ihm mit dem allabendlichen Gebet, in das er nach der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. zum 10. November 1938 auch die Priester in den Konzentrationslagern, die Juden und die Nichtarier einbezog, eine Intensivierung des religiösen Lebens. Schon 1933 wurde er von der Gestapo erstmals festgenommen und verhört. Letztlich wurde ihm sein öffentlicher Einsatz im Abendgebet für die Juden und die Häftlinge in den Konzentrationslagern zum Verhängnis: Zwei junge Frauen, die eher zufällig sein Abendgebet am 29. August 1941 hörten, denunzierten ihn um eines eigenen Vorteils willen bei der Gestapo. Am 23. Oktober 1941 erfolgte seine Verhaftung wegen „staatsfeindlicher Betätigung“, am 22. Mai 1942 wurde er wegen Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ und „Kanzelmißbrauchs“ zu zwei Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. Nach der Verbüßung der verhängten Strafe wurde er wegen „Gefährdung der Öffentlichkeit“ in Schutzhaft genommen und dem Konzentrationslager Dachau zugeführt. Auf dem Weg dorthin kam er schwerkrank in das Krankenhaus der Diakonissen in Hof, wo er am 5. November 1943 an den Folgen der Lagerhaft starb.

Ein Schlesier, dessen Seligsprechungsverfahren bislang noch nicht zum Abschluß gekommen ist, ist der am 10. Oktober 1880 im oberschlesischen Beuthen geborene Bischof Maximilian Kaller. Dietrich Kretschmann, Berlin, skizzierte mit anrührenden Worten Kallers Lebensbild. Dieser wuchs in Beuthen heran. Nach den philosophischen und theologischen Studien in Breslau sowie der Zeit im Priesterseminar wurde er am 20. Juni 1903 in Breslau zum Priester geweiht und nach zweijähriger Kaplanszeit in Groß Strehlitz nach Rügen entsandt. Am 4. Mai 1917 wurde Kaller zum Pfarrer der Berliner St. Michael-Gemeinde ernannt, ebenso katholische Diaspora wie Rügen. Am 6. Juli 1926 berief ihn Papst Pius XI. zum Leiter der ca. 140000 Katholiken umfassenden Administratur Tütz-Schneidemühl. Als Bischof von Ermland schließlich entwickelte er den Seelsorgeplan der „Wandernden Kirche“. Kaller geriet schon bald unter die mißtrauische Beobachtung durch die Nationalsozialisten, als er vor den Märzwahlen 1933 konstatierte, daß der Nationalsozialismus für einen Katholiken nicht wählbar sei; am 7. Februar 1945 wurde er zwangsweise aus seinem Bistum entfernt und nach Halle an der Saale verbracht. Im August 1945 kehrte er in seine Diözese zurück, wurde aber von dem polnischen Erzbischof Augustin Kardinal Hlond zum zum Weggang gezwungen. Am 24. Juni 1946 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Sonderbeauftragten für die im Westen Deutschlands angespülten Ostflüchtlinge und Heimatvertriebenen katholischen Glaubens. Schon ein Jahr später, am 7. Juli 1947, starb Maximilian Kaller in Franfurt am Main.

Pfarrer Dr. Christian Erdmann Schott, Mainz, stellte in seinem Vortrag die Gemeinschaft evangelischer Schlesier vor, die im Herbst 2010 in Wiesbaden unter dem Leitthema „Bewahrung – Bewährung – Ermutigung“ das sechzigjährige Jubiläum gefeiert hat. Einen großen Bogen schlagend, stellte er die Spannungen innerhalb der evangelischen Kirche Schlesiens während der Nazi-Zeit dar (Bekennende Kirche – Deutsche Christen), die neben ermutigenden Worten am Vorabend der Vertreibung auch mit in den Westen Deutschlands genommen worden sind, ging auf die Schwierigkeiten ein, die den ankommenden evangelischen Schlesiern im Westen u.a. auch von Seiten der evangelischen Landeskirchen entgegenschlugen, und stellte kurz die Zeitschrift „Schlesischer Gottesfreund“ vor, die von der Gemeinschaft evangelischer Schlesier nun schon seit sechzig Jahren herausgegeben wird.

Der Sonntag, zweiter Tag der Jahrestagung, begann mit der Heiligen Messe, die von Pfarrer Wolfgang Blau unter Assistenz von Visitator Dr. Giela zelebriert wurde.

Professor Hugo Goeke, Münster, stellte dann zum Abschluß der Jahrestagung mit einfühlsamen und ergreifenden Worten das Leben des jüngsten schlesischen Seligen, des Glatzer Kaplans Gerhard Hirschfelder vor, dessen Leben sich so früh vollendet hat. Gerhard Franziskus Johannes Hirschfelder wurde am 17. Februar 1907 in Glatz geboren. Seine alleinerziehende Mutter ließ ihm, obwohl sie sich um den Lebensunterhalt mühen musste, eine gymnasiale Schulbildung angedeihen. Hirschfelder wurde
Mitglied der katholischen Jugendbewegung „Quickborn“. Nach Überwindung der Schwierigkeiten wegen seiner nichtehelichen Geburt wurde er am 31. Januar 1932 zum Priester geweiht. In der Grafschaft Glatz leistete er hervorragende Arbeit, insbesondere in der Jugendseelsorge, und erhielt im Februar 1939 – in dieser Zeit kam seine Mutter auf tragische Weise ums Leben – in Habelschwerdt einen neuen Wirkungskreis als Kaplan, im Juli 1939 zusätzlich auch die Funktion des Diözesanjugendseelsorgers für die Grafschaft Glatz.

Die Drangsalierungen durch die Nationalsozialisten nahmen in Habelschwerdt gerade vor dem Hintergrund der neuen Aufgabe zu und führten wegen seiner kompromißlosen christlichen Einsatzes für die Jugend
zu seiner Verhaftung am 1. August 1941 durch die Gestapo. Nach Monaten der Haft in Glatz kam er ins KZ Dachau, wo er, von schwerer körperlicher Arbeit, Hunger und Krankheit gezeichnet und geschwächt, aber im Glauben gestärkt, am 1. August 1942 starb.

Die die Tagung abschließende Mitgliederversammlung des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken erbrachte im wesentlichen neben dem Bericht über die stattgefundenen und die geplanten Aktivitäten des Heimatwerkes die Wiederwahl des Vorstandes (Vorsitzender Professor Menzel, stellvertr. Vorsitzender Herbert Gröger, Beisitzer Dr. Bernhard Jungnitz, Georg Kresse, Maria Skladny und Christoph Tenbohlen) und die Mitteilung, daß nach Jahren der Vorbereitung die Clemens-Riedel-Stiftung, deren Ziele u. a. der Erhalt des kulturellen Erbes Schlesiens und die Pflege schlesischen Volkstums sowie die Beförderung der deutsch-polnischen Verständigung sind, im Jahre 2010 sowohl die kirchliche als auch die staatliche Anerkennung erhalten hat.

Bernhard Jungnitz (KK)

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