Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1315.

Sucher jenseits der eigenen Ämter

Sieghard Rost schenkt uns zu seinem 90. ein Buch

Bild: Archiv

Die Vielseitigkeit und Prägekraft dieser Persönlichkeit ist von einem ganz besonderen Rang. Zu diesem gesellt sich die nur wenigen Menschen vergönnte Gnade, noch in hohem Alter mit geistiger Frische, kreativem Elan und robuster Gesundheit überall dabei zu sein, seine Positionen zu vertreten, sich einzumischen. Als Sieghard Rost im November 2011 mit zahlreichen Gästen in Nürnberg seinen 90. Geburtstag feiern konnte, war dem Jubilar sein hohes Alter in keiner Weise anzumerken.

Rost ist ein bis heute beliebter und angesehener Lehrer, zu dessen Schülern Persönlichkeiten wie der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein und der Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, Sigmund Gottlieb, zählen. Lange Jahre war er Kommunal- und Kulturpolitiker. Auf ihn geht das Studio Franken des Bayerischen Rundfunks in Nürnberg zurück. Neben Hans Maier, dem Kultusminister, der für sein e inspirierten Reden bekannt war, galt Sieghard Rost als der „Kultusminister“, der sich um die praktische Umsetzung vieler Projekte im Bayerischen Landtag zu kümmern hatte.

Als bewußter evangelischer Christ diente er seiner Kirche als Synodaler, der mit den Pazifisten debattierte, als gebürtiger Pommer und Vertriebenenpolitiker wandte er sich gegen eine blauäugige Ostpolitik, setzte sich für Europa als Vision ein, arbeitete in der Union der Vertriebenen der CSU mit, seit vielen Jahren auch im Ostdeutschen Kulturrat OKR, und legte die Fundamente für das Haus des Deutschen Ostens in München. All dies hat Rost immer auch durchdacht, aufgeschrieben und kommuniziert – als echter „homo politicus et scribens“.

Schon 2006 legte Sieghard Rost seine „Reflexionen zur deutschen Nachkriegsepoche“ unter dem Titel „Zeitzeuge“ vor. In zehn Kapiteln widmete er sich pädagogischen und bildungspolitischen Fragen, reflektierte seine Zeit im Bayerischen Landtag, vor allem die Jahre der politischen Polarisierung, und befaßte sich in einem Kapitel mit der Frage, ob Franken in Bayern benachteiligt wird. Der Band schließt mit deutschland- und gesellschaftspolitischen Aspekten, die Zeugnis ablegen von der geistigen Breite und Tiefe des Autors.

Der jetzt vorgelegte Band ist eine Lebenssumme des Jubilars. In sechs großen Kapiteln legt er – gegliedert und jeweils mit Einführungen versehen – ausgewählte Arbeiten aus mehr als fünf Jahrzehnten vor. Der Leser hat ein Kaleidoskop vor sich, das nicht nur Einblicke in das weite Schaffen des Autors bietet, sondern zugleich sehr viel Wissenswertes bereit hält und – was sicher das Wichtigste ist – Orientierung im tagespolitischen Durcheinander.

Eingangs widmet sich Rost gleich einem Schlüsselthema: „Macht ohne Moral – Nationalstaaten im Zeitalter des Imperialismus“, das er in einem vierfachen Diskurs pädagogisch gekonnt und einleuchtend bearbeitet als gute Vorbereitung für das zweite Thema, „Verführung im Dritten Reich“. So ist der Boden bereitet für die vier Großkapitel „Die deutschen Heimatvertriebenen und Aussiedler“, „Vaterland Deutschland“, „Pommern – ein deutsches Schicksalsland“ und „Wider den Zeitgeist“, das treffend gewählte Abschlußthema.

Dieses Buch kann man von vorn nach hinten oder umgekehrt, aber auch einfach nach Kapiteln oder Unterabschnitten lesen. Jeder Gedanke ist in sich – aus der Zeit heraus, aber auch losgelöst vom zeitgeschichtlichen Kontext – verständlich, einleuchtend und lehrreich. Vor dem Hintergrund der deutschen Nachkriegsgeschichte bildet das Buch das Kompendium eines in seinem Mithandeln auch mitdenkenden Zeitgenossen, der über Verantwortung nicht nur redet, sondern diese in vielfältigem Maße auch wahrgenommen hat. Und: Es findet sich vieles, das sich zu einem wahren Zitatenschatz fügt.

Deswegen kann hier auch nur eine kleine Kostprobe gewährt werden. Schon 1971, auf dem Höhepunkt der von Georg Picht proklamierten, einseitig fixierten „Bildungskatastrophe“, hören wir Sieghard Rost: „Zum Verständnis des menschlichen Lebens gehört nicht nur seine biologische Existenz und rationale Bewährung, sondern auch die metaphysische Sinnbezogenheit. Ohne entsprechende Sinn- und Wertorientierung gerät der Mensch in eine immer tiefere Kulturkrise. Das aber ist die eigentliche qualitative Bildungskatastrophe, die viel folgenreicher ist als Pichts angeprangerter quantitativer Bildungsnotstand.“ Wer die damalige Diskussion noch im Gedächtnis hat, kann Rost nur zustimmen; aber auch in die heutige, oft reichlich kurzatmige und meist auf die Finanzierungsfragen reduzierte Bildungsdiskussion trifft Rosts Bemerkung zielsicher.

Aus dem Jahre 2010 geben wir die klare Position Sieghard Rosts zum Streit um die Deutung des 8. Mai 1945 wieder: „Die einseitige Akzentuierung des Tages der Kapitulation mit ‚Befreiung vom Naziregime‘ trifft nur einen einzigen von vielen historischen Aspekten. Es müsste jeden Deutschen mit Scham und Empörung treffen, wenn politische und geistige Eliten den Siegern von 1945 eine moralische Befreiungsabsicht zumessen – ob aus historischem Unwissen oder despotischer Unterwürfigkeit, bleibt gleich. Wir sollten uns bewusst sein: Wer statt der Paradoxie aus Erlösung und Vernichtung lediglich einer Befreiung von Diktatur das Wort redet, verschweigt die Vernichtungsziele der Alliierten mit Deutschland, blendet die Sklaverei der deutschen Kriegsgefangenen aus, verhöhnt die Leiden der Vertriebenen mit ca. 2,5 Millionen Toten, vertuscht die Unterdrückung der Deutschen in der DDR nach 1945. Darum sollte als Deutung des 8. Mai 1945 das Heuss-Wort beibehalten werden: Wir waren erlöst und vernichtet zugleich. Die historische Wertung des 8. Mai 1945 darf nicht zum verklärenden Mythos beitragen, sondern muss mit nüchternem Verstand auf Grund der historischen Fakten zur Klärung führen!“

Als die vier Siegermächte mit dem vereinten Deutschland am 8. Mai 1995 im Berliner Schauspielhaus des 50. Jahrestages des Kriegsendes gedachten, fand keiner der Vertreter der Siegermächte ein Wort des Bedauerns für die Vertreibung oder das Los der Kriegsgefangenen – und das hat sich bis heute nicht geändert. Die Wahrheitssuche in Geschichte und Politik, wie wir sie Sieghard Rost verdanken, der sie in diesem Buch Ereignis werden lässt, geht also weiter. Er gibt ein nachahmenswertes Beispiel.

Klaus Weigelt (KK)

Sieghard Rost: Wahrheitssuche in Geschichte und Politik. Lauf an der Pegnitz 2011. 360 Seiten

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