Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

Süße Selbstvergessenheit der Zuckerproduzenten

Mangels kulturellen Gedächtnisses ins wirtschaftliche Fiasko

Wenn es um die süßen Sachen geht, können die Leute ganz schön sauer werden, vor allem aufeinander. Zwischen die Verbände der Zuckerrübenpflanzer und ihrer Abnehmer, der Zuckerfabriken, auf der einen und der Zuckerverwender auf der anderen Seite (das sind ziemlich viele) ist zwar Feindschaft gesetzt seit Anbeginn, aber so schlimm wie im letzten Jahr war es eigentlich noch nie. Beide Seiten befehdeten sich öffentlich mit ärgster Bitternis.

Der Grund: Die EU wollte die Zuckermarktordnung „reformieren“, die in dem Mega-Ärgernis der EU-Agrarpolitik eines der Großärgernisse ist, seitdem es sie gibt. Inzwischen wurde sie auch reformiert, und zwar gründlichst. Dieses Wunderwerk hatte der EU-Lebensmittelwirtschaft Zuckerpreise beschert, die stets mehr als doppelt so hoch waren wie auf dem Weltmarkt. Das wollte die EU seit 2004 endlich ändern, und das wurde und wird  von den Zuckerverwendern mit Geräusch begrüßt, bedeutet es doch, daß ein überteuerter Rohstoff endlich billiger wird.

Die Rübenpflanzer und die Zuckerkonzerne sind dagegen in die Schlacht gezogen. Ihre Hauptwaffe war eine Anzeigenkampagne – bezahlt eben von den Zuckerkonzernen, mit dem Titel: „Wir stehen zu unseren Wurzeln!“ (Gemeint waren natürlich die Rübenwurzeln.)

Gleichwohl konnte und kann man diesen Slogan nur eine Unverschämtheit nennen. Die „Wurzeln“ stecken nämlich im niederschlesischen Ackerboden, in Cunern bei Wohlau. Dort hat Franz Karl Achard einen neuen Produktionszweig der Landwirtschaft und eine neue Industrie und ihre Technologie der Rübenzuckerfabrikation begründet. Das war 1801. 1821 ist er dort verarmt und vergessen gestorben, nachdem er sich für seine Idee und deren Umsetzung selbst ruiniert hatte.

Obwohl eindringlich darauf aufmerksam gemacht, daß 2001 ein Gedenkjahr für einen Pionier der Weltzuckerwirtschaft und der Biotechnologie ist, der dem Welterbe der Wissenschaftsgeschichte angehört, haben die Zuckerkonzerne, auch die genossenschaftlichen, dafür nur verächtliches Schweigen oder die Bemerkung gehabt, „daß uns dafür keine Mittel zur Verfügung stehen“. Dafür haben sie es lieber dem Haus Schlesien und dem Kreis Wohlau/Wolow überlassen, im Kloster Leubus eine kleine Gedenkstätte für Achard und die erste Zuckerfabrik der Welt einzurichten.

So war das, so ist das und so bleibt das, wenn Zuckerkonzerne „zu ihren Wurzeln stehen“.

Dietmar Stutzer (KK)

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