Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Theologischer Thesaurus

Neu definiert: das Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa

Seine Weichen in Richtung Zukunft neu gestellt hat bei seiner jüngsten Mitgliederversammlung das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e. V., das seither, d. h. seit Ende Juli, auch einen neuen Namen hat: Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa e. V. heißt nun die am 10. Dezember 1958 gegründete Einrichtung. Damit sind neben inhaltlichen Neuorientierungen auch personelle und organisatorische Veränderungen verbunden.
An der Spitze des Instituts steht nun Professor Dr. Rainer Bendel (51), außerplanmäßiger Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er tritt die Nachfolge des seit 10. Dezember 1983 als 1. Vorsitzender amtierenden Monsignore Dr. Paul Mai an, der bis Jahresende 2014 das Diözesanarchiv und die Bischöfliche Bibliothek in Regensburg leitete. Mit dem Personalwechsel an der Spitze ist auch ein Umzug der Geschäftsstelle von Regensburg nach Rottenburg-Bad Niedernau verbunden sowie eine neue Struktur der Geschäftsstelle, was freilich noch einige Zeit in Anspruch nehmen und fließend vor sich gehen wird.S9-Bauer-Institut

Die Geschichte des Instituts reicht bis ins Jahr 1951 zurück. Damals gründete der Breslauer Diözesanarchivdirektor Prälat Dr. Kurt Engelbert (1886–1967) in Hildesheim zusammen mit seinem Bruder, dem Geistlichen Rat Msgr. Josef Engelbert (1891–1969) den Arbeitskreis für ostdeutsche Kultur- und Kirchengeschichte mit dem Ziel, das Wirken und die historischen Leistungen des Christentums und der Kirche in den früheren deutschen Siedlungsgebieten zu würdigen, zu dokumentieren und zu erforschen. Nach mehreren Umbenennungen und Wechseln der Geschäftsstellen und auch vor dem Hintergrund, dass die kirchlichen und staatlichen Zuwendungen zu wünschen übrig ließen, entschied man sich im Jahr 1958 zur Gründung eines selbständigen Instituts. Am 10. Dezember 1958 wurde in Königstein/Taunus das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e. V. gegründet mit Prälat Dr. Kurt Engelbert als 1. Vorsitzenden. Neben dem Vorstand gibt es einen Wissenschaftlichen Beirat (ca. 20 Personen) mit beratender Funktion. Die Hauptaufgabe des Instituts ist, so beschrieben in der Satzung, „die wissenschaftliche Erforschung und Darstellung der Kirchen- und Kulturgeschichte Mittel- und Ostdeutschlands sowie jener Gebiete Ostmitteleuropas, in denen deutsche kirchliche und kulturelle Einflüsse nachweisbar sind“. Daran arbeiten entsprechende Fachkräfte, der wissenschaftlichen Forschung dient eine Fachbibliothek. Darüber hinaus gibt das Institut mehrere Publikationen und Periodika heraus („Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands“, „Arbeiten zur schlesischen Kulturgeschichte“, „Archiv für schlesische Kirchengeschichte“) und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs durch die Vergabe des Kardinal-Bertram-Stipendiums.
Diese grundlegenden Tätigkeiten und Aufgaben werden auch in Zukunft bestehen bleiben. Aber es sei nun, so der neue 1. Vorsitzende Professor Bendel, eine „zeitgemäße und zukunftsorientierte Neuausrichtung“ nötig, d. h., neue Akzente sowohl in der inhaltlichen wie in der organisatorischen Arbeit sind zu setzen. Eine Grundlage ist für ihn die Teamarbeit, außerdem liegen ihm interdisziplinäre Kooperationen am Herzen – etwa mit den Bereichen Musik, Volkskunde und Kunstgeschichte sowie insgesamt mittelfristige Planungen der Arbeitstagungen und Themen.

Konkret stellen sich künftig für das Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ost-, Mittel- und Südosteuropa e. V. folgende Aufgaben:

• Dokumentation der religiösen Kultur in den Vertreibungsgebieten. Zwar sind hier schon Vorarbeiten geleistet, aber es fehlen noch viele Bausteine. „Vor allem muss man trotz aller offenen Flanken zu wenigstens vorläufigen Gesamtbildern kommen“, heißt es in einem Thesenpapier des Instituts.

• Erforschung öffentlichkeitsrelevanter Themen aus der Integrationsphase: zum Beispiel zum Wirken vertriebener christlicher Politiker auf Landes- oder Bundesebene und deren Mitgestaltung und Mitwirkung bei grundlegenden politischen Entscheidungen.

• Beantwortung der Frage, wo Vertriebene aus ihrer Herkunft und ihren Erfahrungen in der Vertreibung spezifische, aktuell relevante Kompetenzen erworben haben und einsetzen können (z. B.: Europavorstellungen, europäische bzw. europapolitische Ordnungsmodelle).

• „Bürgergesellschaft“ bzw. „Stärkung der Zivilgesellschaft“: Heimatvertriebene Politiker und Seelsorger haben damals verstärkt dazu aufgerufen, sich in den etablierten Parteien einzubringen, sich nicht abzusondern, damit die eigenen Interessen auch nachhaltig vertreten werden können.

• Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit. Dies könnte erreicht werden durch Aufgreifen von länderübergreifenden Themen, die Einrichtung länderübergreifender Foren und die Untersuchung multiethnischer Zielvorstellungen bzw. Ordnungsmodelle in ihren Stärken/Chancen und Schwächen.

Zur Umsetzung dieser Aufgaben schlägt das Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa e. V. folgende zwei Pfeiler vor: innere Koordination bereits bestehende kirchlicher Forschungseinrichtungen im Vertriebenenbereich und äußere Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen im In- und Ausland.

Diese sollen mit folgenden konkreten Maßnahmen in die Praxis umgesetzt werden: Planung, Organisation und Durchführung von internationalen und interdisziplinären wissenschaftlichen Fachtagungen, Anregung und Betreuung wissenschaftlicher Forschungsarbeiten – ebenfalls in internationaler und interdisziplinärer Kooperation, internationale Kooperation bei Projektanträgen, für die Einwerbung von Drittmitteln, Stipendien, in der Betreuung von Dissertationen usw., Redaktion der Periodika oder Koordination und Redaktion eines Sammel-Periodikums, breitenwirksame Öffentlichkeitsarbeit durch Exkursionen, Ausstellungen, Vortragsreihen, internationale Begegnungsforen in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen sowie Sammlung und Erschließung von Archivalien und Quellen.

Dem Institut ist es ein Anliegen, den Wissens- und Erfahrungsschatz der Erlebnisgeneration der Vertriebenen nicht einzufrieren, sondern vielmehr Grundlagen bereitzustellen, damit auch künftige Generationen sich mit ihren Fragen und Horizonten diesem Aspekt der europäischen Geschichte zuwenden können. „Die Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in den östlichen und südöstlichen Regionen Europas ist Erfahrungs- und Traditionsschatz für die gesamte Kirche in Deutschland – ostdeutsche Kirchengeschichte ist gemeinsame Kirchengeschichte – und bleibt eine Aufgabe für diese“, fasst der neue 1. Vorsitzende Rainer Bendel zusammen. Im Jahr 2016 wird sich die 53. Arbeitstagung mit dem Thema „Christen und Totalitarismus 1945 bis 1960“ beschäftigen.

Markus Bauer (KK)

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