Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1256.

Toleranz ist mehr Tun als Lassen

Kulturstiftung der Vertriebenen erinnert an die Altranstädter Konvention

Schloß Altranstädt westlich von Leipzig ist mit seiner vergleichsweise bescheidenen Gestalt gewiß nicht der Ort, an dem man den Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse vermutet. Und dennoch: Zum einen erfolgte dort der Friedenschluß des Jahres 1706, in dem August der Starke auf Druck des Sachsen besetzt haltenden Königs Karl XII. von Schweden den Verzicht auf die polnische Krone erklärte. Zum anderen benannte man nach Altranstädt die Konvention des folgenden Jahres, in der Karl XII., Schutzherr der Protestanten im Reich, und Kaiser Josef I., auf die Unterstützung des schwedischen Königs in der Zeit des Spanischen Erbfolgekriegs angewiesen, die konfessionellen Verhältnisse im zu den habsburgischen Ländern gehörenden Schlesien in neuartiger Weise regelten.

Den bislang in ihrer Religionsausübung stark behinderten evangelischen Schlesiern, die sich auch nach dem Westfälischen Frieden von 1648 massiven Rekatholisierungsbemühungen ausgesetzt sahen, wurde in der Alt-ranstädter Konvention das öffentliche Bekenntnis der Augsburgischen Konfession zugestanden. In den Fürstentümern Liegnitz, Brieg, Wohlau, Oels, Münsterberg und der Stadt Breslau mußten alle Kirchen und Schulen, die ihnen nach dem Westfälischen Frieden weggenommen worden waren, rückerstattet werden. Sechs in der Folge errichtete Gotteshäuser sollten später als „Gnadenkirchen“ – also als der Gnade des Kaisers zu verdanken – bekannt werden. Vier von ihnen – Hirschberg, Landeshut, Militsch und Teschen – sind heute noch zu bewundern. Schlesien war fortan ein anerkannt gemischtkonfessionelles Territorium, das einzige unter den habs­burgischen Ländern, und es sollte geradezu als Modellfall für die Verwirklichung religiöser Toleranz im frühneuzeitlichen Europa gelobt werden.

Aber war es das wirklich? Und wenn ja, wie entwickelte sich dieses Modell, was ist von ihm geblieben? 300 Jahre nach der Unterzeichnung der Altranstädter Konvention von 1707 und deren feierlichem Abschluß 1709 in Breslau setzten sich Historiker und Experten im Rahmen einer von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen auf der Leipziger Buchmesse veranstalteten Podiumsdiskussion mit diesen Fragen auseinander: Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Historiker an der Technischen Universität Chemnitz, Pfarrer i.R. Dr. Christian-Erdmann Schott, Mainz, Mitglied der Historischen Kommission für Schlesien und mit zahlreichen Publikationen als einer der profundesten Kenner der schlesischen Kirchengeschichte ausgewiesen, sowie Oberkonsistorialrätin Margrit Kempgen, Görlitz, die sich in einer Stiftung für die Bewahrung der geistigen Tradition des evangelischen Schlesien engagiert.

Unbestritten bedeutete die Altranstädter Konvention, wie Dr. Schott ausführte, für die schlesischen Protestanten einen beachtlichen Fortschritt. Nicht nur wurden ihnen die 125 rekatholisierten Kirchen zurückgegeben und die unbehinderte Religionsausübung garantiert, zudem konnten die Protestanten nunmehr auch öffentliche Ämter bekleiden, waren sie damit in ganz neuer Weise gesellschaftlich anerkannt. Aber auch für den Kaiser als Landesherrn brachte die Konvention bedeu­tende Vorteile, gelang es doch, die Protestanten als loyale Untertanen in das Staatsgefüge einzu­binden. Man organisierte das Luthertum in Konsistorien, als deren Präsidenten katholische Adlige fungierten, die auf die Wahrung der österreichischen Staatsdoktrin zu achten hatten. Das Luthertum wurde so gleichsam zum kontrollierten Juniorpartner der österreichischen Staatskirche und hatte nun seinerseits dafür zu sorgen, daß tendenziell anarchische Strömungen, etwa der Pietismus, unterbunden blieben. Mit echter Toleranz im Sinne der Aufklärung hatte all dies, so Dr. Schott, noch nicht viel zu tun. Dies sollte sich in Schlesien erst in preußischer Zeit durch die Politik Friedrichs des Großen ändern, dem kirchengebundene Religiosität fremd war und der es bekanntlich jedem Untertanen überließ, nach seiner Façon selig zu werden, sofern er nur ehrlich seine Steuern zahlte. König Friedrich II. ging es indes nicht mehr um die Integration der Protestanten in den Staatsverband, sondern um die der Katholiken, deren Zahl sich in Preußen durch die Eingliederung Schlesiens verdoppelt hatte. In der Tat gelang es, die katholische Kirche, die zunächst in vollen Rechten belassen wurde, für den neuen Staat zu gewinnen.

War das Verhältnis der Konfessionen im preußischen Schlesien zunächst rein religiös bestimmt, so mischte es sich im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend mit Fragen der ethnischen Zugehörigkeit. Der in der Romantik aufkommende Nationalismus, der evangelisch mit deutsch und katholisch mit polnisch in eins setzte, verdeckte schließlich den von der Aufklärung bestimmten preußischen Ansatz der Toleranz. Wie Margrit Kempgen ausführte, gab es nach der Vertreibung der meisten Deutschen 1945 erst recht gegen die polnischen Evangelischen in Schlesien in Staat und Bevölkerung massive Vorbehalte, nicht nur weil sie eine andere Konfession als die Mehrheitsbevölkerung hatten, sondern auch, weil man sie als vermeintliche Deutsche beargwöhnte. Ihre Gemeinden sind heute teils von Lebendigkeit, teils aber auch von Überalterung geprägt.

Zwischen diesen polnischen und den wenigen verbliebenen tatsächlich deutschen Evangelischen in Schlesien gab und gibt es aber keine Komplikationen, vielmehr eine enge Partnerschaft. Eine kleine deutsche evangelische Minderheit besteht zurzeit nur noch in Breslau und in Liegnitz. Insgesamt sind es sechs deutschsprachige Gemeinden, die von der polnischen evangelischen Kirche betreut werden. Lediglich die Breslauer Gemeinde, die Zuzug von den Familien sich dort niederlassender deutscher Geschäftsleute erhält, dürfte langfristig vor dem Aussterben bewahrt bleiben. Bemerkenswert ist indes, daß in Görlitz, im bei Deutschland verbliebenen Teil Niederschlesiens, polnische evangelische Christen ein aktives Gemeindeleben entfalten, das über die Neiße hinweg zu den dortigen Glaubensbrüdern ausstrahlt.

Auch wenn, wie Margrit Kempgen bedauernd feststellte, die heutige katholische Kirche in Polen die Altranstädter Konvention nicht positiv bewertet – etwa erkennbar an der Abwesenheit hochrangiger Kirchenvertreter jüngst bei der Eröffnung der Ausstellung „Auf dem Weg zur Toleranz – 300 Jahre Altranstädter Konvention“ im Schlesischen Museum zu Görlitz, so steht die Konvention doch für das reiche Erbe Schlesiens, das heute Deutsche und Polen verbindet und das es verstärkt nutzbar zu machen gilt.

Dr. Schott ergänzte, daß die Bedeutung der schlesischen Kulturlandschaft nicht zuletzt aus der lange Zeit gelebten Bikonfessionalität der Region resultiere: Wirkten – vergröbernd gesagt – die Katholiken auf bildnerischer Ebene, so leisteten die Protestanten Groß­artiges auf literarischem Gebiet. Das von Toleranz geprägte Zusammenleben der unter­schiedlichen Konfessionen wurde somit zum Antrieb im kulturellen Wettkampf.  Auch Dr. Schott hob hervor, daß das auf diese Weise geschaffene Erbe als überaus reich gelten kann und der Region ihren heute erneut wahrgenommenen, eigenen Charakter verleiht. Für die evangelische Kirche nicht nur in Schlesien, sondern in Deutschland allgemein, erwies sich der gewaltlose, aber zähe Widerstand der schlesischen Protestanten gegenüber einem bevormundenden Staat, der in Altranstädt erfolgreich war, als wertvoll: Die Bekennende Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus stand in dieser Tradition, von den ca. 500 Pastoren der Bekennenden Kirche in Deutschland wirkten allein ca. 200 in Schlesien.

Schlesien – hierin zeigten sich alle Beteiligten der Diskussion einig – ist keine Sache der Vergangenheit. Es ist gemeinsames, lebendiges Erbe von Deutschen, Polen und Tschechen. Zu den hervorragenden Elementen dieses Erbes gehört die einst beharrlich ausge­handelte Altranstädter Konvention, die den Menschen der Region ein friedliches und fruchtbares Zusammenleben ermöglichte. Einen Dank sprach man daher abschließend dem Freistaat Sachsen aus, der mit der Förderung der Wiederherstellung des Schlosses Altranstädt, mit der genannten Görlitzer Ausstellung und weiteren Veranstaltungen zum 300. Jubiläum, nicht zuletzt auch mit dieser Podiumsdiskussion der Kulturstiftung auf der Leipziger Buchmesse, an das reiche schlesische Erbe und an Altranstädt als Vorbild für zukunftsweisende Konfliktlösungen in Europa erinnert.

Ernst Gierlich (KK)

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