Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1369.

Tower Bridge aus Königsberger Sicht

Immanuel Kants Blick geht stets über lokale und temporale Bindungen hinaus – in Berlin versuchte man ihm zu folgen

Anderthalb Jahre nach der Eröffnung der Kant-Dekade 2014–2024 am 13. Oktober Seite-3-KK13692014 in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin (vgl. KK 1350, S. 3–5) durch Bundestagspräsident Norbert Lammert fand am 6. Juni 2016 in Berlin auf Anregung von Klaus Brähmig MdB eine erste Tagung unter dem Titel „300 Jahre Immanuel Kant – Der Weg zum Jubiläum“ statt. Die vier Verantwortlichen hatten sich reichlich Zeit genommen, die Tagesveranstaltung vorzubereiten. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), das Deutsche Historische Museum (DHM, Tagungsort) und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hatten ein anspruchsvolles Programm erarbeitet und Philosophen, Kant-Experten, Museumsfachleute, Politiker und engagierte Königsberger und Ostpreußen ins Zeughauskino des DHM eingeladen – etwa 200 Teilnehmer waren gekommen.

Als schwer zu beantwortende Frage stellte sich in der Tat heraus, was genau man will mit der inzwischen auf eine Oktave geschrumpften Kant-Dekade. Entsprechend vielfältig waren die Antworten. Ulrike Kretzschmar als Hausherrin des DHM verwies auf die Neuerwerbung ihres Museums, eine Miniatur mit dem Bildnis Kants aus dem Jahre 1795, die in Großaufnahme das Tagungsbanner schmückte und damit einen ersten Schritt der musealen Vorbereitung auf das Großereignis repräsentierte.

Staatsministerin Monika Grütters räumte ein, dass Politiker über den tagespolitischen Horizont hinaus auch eines Wertefundaments bedürften, und erklärte, dass Immanuel Kant zur Risikobewältigung heute einiges beitragen könne. Matthias Weber (BKGE) fragte, ob das Programm, die anwesenden Professoren und die Befassung mit seinem Werk wohl dem Weltweisen „geschmeichelt“ hätten. Es sei allerdings fraglich, ob er wegen dieser Tagung Königsberg verlassen hätte, was er ja nie getan habe. Volker Gerhardt (BBAW) forderte dazu auf, die Widersprüche der Kant-Urteile aufzuarbeiten, sich dem Problem von Kants Geburtsort Königsberg zu stellen und die Verständigung mit Osteuropa zu fördern. Sein Plädoyer für die verbleibende Kant-Oktave fasste er in dem Satz zusammen: „Mit Kant weiterdenken!“

Es waren die Philosophen, die der Tagung die Richtung wiesen und damit auch den weiteren Weg zum Jubiläum. Onora Baroness O’Neill aus Cambridge, Kant-Preisträgerin 2015, skizzierte in ihrem Eingangsvortrag „Warum immer noch ‚Zurück zu Kant‘?“ hilfreiche Ansätze aus der Vernunftphilosophie des Aufklärers: für aktuelle Fragen des Wissens – kein Skeptizismus, aber Bescheidenheit; für den Gebrauch der Freiheit – die vernunftgebundene Urteilskraft; für Politik und Zukunft – keine Vorhersehbarkeit, aber Gestaltungsauftrag; und für die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft – keine dogmatisch-kirchlichen, sondern bescheiden-vernünftige Positionen zur Besserung der moralischen Qualität des Menschen.

Der Tübinger Kant-Forscher Otfried Höffe stellte heraus, dass der Königsberger Philosoph trotz aller Ortsgebundenheit ein Kosmopolit gewesen sei, dem die Tower Bridge in London vor Augen stand, obwohl er sie nie gesehen hatte. Kants Begriff der Aufklärung habe gelehrt, dass Vernunft mehr sei als Wissen und dass der Verstand kein Privileg der Geburt, sondern ein Gebot für alle sei.

„Sapere aude“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, das sei die Absage an Platons „Aristokratie des Geistes“. Entsprechend formulierte Höffe, Kant sei es um eine „Demokratisierung“ der Vernunft gegangen. Kritik sei für ihn das Abwägen von Argumenten gewesen. Aus diesem Geiste habe er in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) ein Bürgerrecht formuliert, seine Kritik am Kolonialismus zum Ausdruck gebracht und die Grundlagen einer Weltrechtsordnung geschaffen. Recht war für Kant göttlichen Ursprungs: der „Augapfel Gottes auf Erden“. Ehrsucht, Habsucht und Herrschsucht seien die Antikräfte gegen Recht und Kultur.

In der Diskussion wurden die mangelnden Kenntnisse über Kant und seine Philosophie in der Gesellschaft beklagt; es wurde eine breite „Volksaufklärung“ gefordert. In Abwandlung eines bekannten Wortes von Schleiermacher formulierte Höffe, dass man gegen die heute vielfach auftretenden Feinde der Aufklärung, ihre „Verächter ohne Bildung“, mit Kant und seinen Argumenten öffentlich vorgehen müsse. Die demokratische Vernunft sei eine starke Vernunft; Kant habe ihr viel zugetraut.

Eine spannende Diskussion ergab sich aus der aktuellen Frage der Geltung von Recht. Marcus Willaschek (Kant-Kommission der BBAW) ging von der These aus, Recht sei gesinnungsneutral. Wenn der Staat es nicht schaffe, seinen Gesetzen Geltung zu verschaffen, dann sei das nicht das Verschulden des Einzelnen. Wie aber kann die Identifikation mit Gesetzen erreicht werden? Ohne eine derartige Identifikation kann ein Staat nicht existieren. Auch reiche eine äußere Konformität nicht aus, wie man am Beispiel der Gleichberechtigung der Frau sehen kann. Zur Identifikation mit einem solchen Grundrecht gehöre auch die innere Konformität.

Höffe unterstrich, dass Kant für Gesetze „Zustimmungswürdigkeit“ verlange; hier habe der Staat eine Bringschuld, er müsse seine Bürger zu einer moralischen Identifikation mit seinen Gesetzen bewegen. An der Diskussion dieser keineswegs nur rechtsphilosophischen Frage wurde besonders deutlich, wie schnell man aus der „trockenen“ Beschäftigung mit der Kant’schen Philosophie und Ethik in brandaktuelle Fragestellungen gelangen kann.

Die vom Moderator des nachmittäglichen Podiumsgespräches, Patrick Bahners Seite-5-KK1369(„Frankfurter Allgemeine Zeitung“), eingebrachte Frage „What would Jesus do?“ (Was täte Jesus?) erwies sich schnell als untauglich im Hinblick auf Kant. Wie aber soll es weitergehen mit diesem geschichtsphilosophischen Projekt? Geht es um eine Frage der Geschichtskultur im Deutschen Historischen Museum? Oder um ein Problem der „Jubiläumskultur“? Da sei die gerade zu Ende gehende Luther-Dekade mit ihrer Schleife um das kulturprotestantische Bild kein gutes Beispiel.

Wie soll also das Kant-Bild des Jubiläums aussehen? – Mehr Chiffre als Inhalt? Nein. Es gehe erst einmal darum, Fundamente in der Öffentlichkeit im Sinne von Aufklärung zu schaffen: Kant müsse exemplarisch für das Haus der Kulturen, für europäische und globale Perspektiven, für Kant als Kosmopolit vermittelt werden. Klischees seien typisch deutsch, aber für Kant untauglich. Wichtig sei von Anfang an eine Vertiefung und Differenzierung des Bildes von Immanuel Kant und seinem Denken. In diesem Sinne kann man die erste Tagung unter den Stichworten Aufklärung, Darstellung, Dialog und Internationalität und unter dem Motto „Mit Kant weiterdenken“ zusammenfassen.

Zur Aufklärung könnten als Schriftenreihe herausgegebene Vortragsreihen, Materialien für den Philosophie-Unterricht an Gymnasien, Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, ein Internetauftritt mit einer Kant-Ikonographie und ein Logo beitragen, unter dem alle diesbezüglichen Aktivitäten erkennbar sind und zusammengefasst werden.

Für Darstellungen ist die Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft bereits seit langem als Pionier aktiv. Die großen Kant-Ausstellungen 2004 und 2010 in Duisburg brachten die weltweit größten Kantsammlungen Tausenden von Interessierten nahe. Dem gleichen Ziel dienten auch der große Kant-Katalog 2004 und das Buch „Kant der Europäer“ 2010, an dem zehn renommierte europäische Kantforscher mitwirkten und dem Norbert Lammert ein Geleitwort widmete. Zudem kuratierte die Stiftung 2009 die erste und bisher einzige Kant-Ausstellung in Kaliningrad, die von dem ersten Kant-Katalog in russischer Sprache begleitet wurde. Zukünftig wird, nach dem Umzug der Kant-Sammlungen von Duisburg nach Lüneburg, dort nach der Fertigstellung des Erweiterungsbaus im Ostpreußischen Landesmuseum der zentrale Ort sein für eine Dauerausstellung zu Kant und für das Jubiläumsjahr 2024 (vgl. KK 1367).

Der mit der Tagung begonnene interdisziplinäre Dialog sollte fortgesetzt und in regelmäßigen Abständen vertieft werden. Ein solcher Dialog sollte nicht auf Duisburg, Lüneburg oder Berlin begrenzt bleiben, sondern bundesweite Resonanz haben. Dazu ist die Drucklegung der Vorträge und ggfs. ihre Übersetzung, zumindest ins Englische und Russische, erforderlich, ergänzt um die Herausgabe einer jährlichen Kant-Zeitschrift durch das BKGE für die Dauer der noch verbleibenden Oktave.

Schließlich hat die Stiftung Königsberg auch für die Internationalität bedeutende Vorarbeiten geleistet, nicht nur durch die erwähnte Ausstellung im Jahre 2009 und den russischen Kant-Katalog, sondern auch durch die aktive Beteiligung an der 450-Jahr-Feier der Königsberger Universität 1994 in Kaliningrad und durch zahlreiche weitere wissenschaftliche und kulturelle deutsch-russische Kontakte in Kaliningrad. Diese gilt es auf ganz Osteuropa auszuweiten und im Zuge der nächsten Jahre eine deutsch-russische kooperative Vorbereitung des Jubiläums zu gewährleisten, z. B. im Rahmen des Petersburger Dialogs. Dafür ist Kontinuität erforderlich. Der bei der Tagung anwesende deutsche Generalkonsul in Kaliningrad, Michael Banzhaf, zeigte sich angesichts dieser Perspektiven sehr interessiert.

Es bleibt zu wünschen, dass die Verantwortlichen dieser ersten Tagung in ihrem Engagement nicht erlahmen, die Zahl der beteiligten Institutionen um weitere einschlägige ergänzen und der Erwähnung Immanuel Kants in der Konzeption 2016 durch einen Haushaltstitel für den Haushalt 2017 eine finanzielle Grundlage verschaffen.

Klaus Weigelt (KK)

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