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Ausgaben: Ausgabe 1339.

Tschechisches Auferstehen deutschen Widerstands

Die vom Aussiger Historiker Tomas Okurka erarbeitete Ausstellung „Deutsche Antifaschisten in den böhmischen Ländern“ in Hof

Tschechisches-AuferstehenDer sudetendeutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Jahren 1938/45 ist heute weitgehend vergessen. Allein 20 000 sudetendeutsche Sozialdemokraten wurden damals, nachdem das Sudetenland am 1. Oktober 1938 von der Deutschen Wehrmacht besetzt und „reichsangeschlossen“ worden war, in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Zugleich flohen Zehntausende Gegner des Nationalsozialismus, um der Verfolgung zu entgehen, ins Landesinnere, vor allem nach Prag, wo sie aber, da sie Sudetendeutsche waren, unfreundlich aufgenommen und größtenteils zurückgeschickt wurden. Das aber bedeutete Festnahme und Verschleppung, wenn nicht die Hinrichtung. Etwa 7000 von ihnen, unter ihnen Wenzel Jaksch (1896–1966), gelang die Flucht nach England oder Schweden.

Nun haben tschechische Historiker in Prag und Aussig die Initiative ergriffen und sich dieses Themas, das ein Teil sudetendeutscher Geschichte ist, angenommen. Die tschechische Regierung in Prag, die sich sonst den Sudetendeutschen gegenüber wenig aufgeschlossen zeigt, hat am 24. August 2005, genau sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Resolution verabschiedet, worin sie „tiefe Anerkennung“ und „Reue“ den „deutschen Antifaschisten gegenüber“ bekundete, die in den drei Nachkriegsjahren und besonders nach dem kommunistischen Umsturz 1948 wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden waren. Diese Resolution war verbunden mit der Freigabe von Finanzmitteln für ein Projekt, das den umständlichen Titel trägt: „Dokumentation der Schicksale aktiver Antifaschisten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Maßnahmen betroffen waren, die in der Tschechoslowakei gegen die so genannte feindliche Bevölkerung ergriffen wurden“. Gemeint war damit die Sammlung von Zeitzeugenberichten, Archivforschung, die Einrichtung einer Datenbank der deutschen Antifaschisten, die Veranstaltung wissenschaftlicher Konferenzen und Vorlesungen, die Herausgabe von Publikationen.

So jedenfalls steht es in einem Prospekt zur Ausstellung „Deutsche Antifaschisten in den böhmischen Ländern“, die unter dem Titel „Vergessene Helden“ im Museum Bayerisches Vogtland in Hof zu sehen ist. Es ist eine Wanderausstellung, die aus Aussig an der Elbe kommt und auch schon in Wunsiedel gezeigt wurde. Beteiligt an dem Projekt sind das Institut für Zeitgeschichte an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag, das Nationalarchiv in Prag und das Museum der Stadt Aussig. Die westböhmische Stadt, tschechisch Usti nad Labem, erlangte am 31. Juli 1945 traurige Berühmtheit, als eine Explosion in einem Munitionsdepot im Stadtteil Schönpriesen die tschechischen Einwohner in Panik versetzte. Auf der Elbebrücke, die von der Altstadt in den Stadtteil Schreckenstein führte, stürzten sie an die 2700 Sudetendeutsche ins Wasser, Männer, Frauen und Kinder, die fast alle ertranken. Bis 1946 wurden 53 000 deutsche Aussiger nach Bayern vertrieben.

Wie man in der Hofer Ausstellung erfährt, waren am Widerstand nicht nur Sozialdemokraten beteiligt, sondern auch Kommunisten und vereinzelt Katholiken. Nach Leopold Grünwald gab es im Sudetenland, einschließlich der südmährischen Gebiete, 185 Widerstandsgruppen. Unter den Hitler- Gegnern war auch die Bergmannstochter und Jungkommunistin Hertha Lindner (1920–1943) aus Mariaschein bei Aussig, die am 27. November 1941 verhaftet wurde und ein Jahr in Brüx in Untersuchungshaft saß, dann nach Berlin überstellt, zum Tode verurteilt und am 29. März 1943, gerade 22 Jahre alt, in Berlin-Plötzensee enthauptet wurde. In Dresden, wo sie 1939/41 als Verkäuferin gearbeitet hat, ist noch heute eine Straße nach ihr benannt.

Es sind rund 20 Plakatwände, die man im Keller des Hofer Museums zu sehen bekommt. Auf diesen tschechisch und deutsch beschrifteten Plakaten, die durch Fotos aufgelockert sind, wird dem Beobachter zunächst die Geschichte der deutschen Volksgruppe in der Zwischenkriegszeit 1918/38 nahegebracht, sozusagen die Vorgeschichte des Widerstands. Dann werden die sieben Jahre bis zum Kriegsende behandelt und die Zeit danach. Der tschechische Historiker Tomas Okurka in Aussig, der die Ausstellung erarbeitet hat, ist nicht davor zurückgeschreckt, auf das Schicksal der Widerstandskämpfer in der Nachkriegs-Tschechoslowakei einzugehen. Sie wurden nämlich in gleicher Weise diskriminiert wie die Masse der Sudetendeutschen auch. Obwohl ihnen der Status, Antifaschist gewesen zu sein, vom Staat zuerkannt worden war, wurde das von der tschechischen Bevölkerung, in der eine antideutsche Stimmung herrschte, nicht akzeptiert. Sie galten als Bürger zweiter Klasse und wurden, als die Aussiedlungen 1945/46 einsetzten, von den tschechischen Behörden auf die Transportlisten gesetzt.

So wurden 135 000 sudetendeutsche Widerstandskämpfer in die vier Besatzungszonen in Deutschland verbracht. In Westdeutschland fanden sie später ihre politische Heimat in der 1951 in München gegründeten Seliger-Gemeinde. Josef Seliger aus Teplitz-Schönau war 1919/20 der erste Vorsitzende der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Einige kommunistische Widerstandskämpfer, die ins Moskauer Exil gegangen waren, haben nach 1949 im SED-Staat politische Karriere gemacht. So wurde Rudolf Appelt aus Niederhanichen bei Reichenberg DDR-Botschafter in Moskau, und Robert Korb aus Bodenbach brachte es bis zum Major im Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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