Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1276.

Tüchtige Kolonisten im Mahlwerk nationalistischer Politik

Die deutschen bäuerlichen Siedler im Königreich Polen bildeten eine weitgehend abgesonderte Gruppe von Landwirten, die als Einwanderer auf Betreiben der kongreßpolnischen Regierung sowie polnischer Grundherren angesiedelt wurden. Als freien und auf Zins gesetzten Bauern war es den Kolonisten möglich, sich an die vorgefundenen Bedingungen anzupassen und marktorientiert zu wirtschaften. Dies verschaffte ihnen eine wirtschaftliche Besserstellung, die sich jedoch zum Ausgang des 19. Jahrhunderts immer stärker verringerte. Während die einheimische Bauernschaft nach ihrer Befreiung und Landreform sowie im Zuge besserer agrotechnischer Aufklärung an Dynamik gewann, stagnierten die Höfe der deutschen Siedler, die sich nach wie vor an der Wirtschaftsführung der Einwanderergeneration orientierten und ihre Methoden anwandten.

Mit dem Eingang nationaler Sichtweisen in den öffentlichen Raum wurden die deutschen Kolonisten nicht mehr durch das Prisma des Ökonomischen betrachtet, sondern zunehmend als eine russen- und polenfeindliche, den antislawischen Bestrebungen Preußens und des Deutschen Reiches dienliche Bevölkerungsgruppe wahrgenommen.

Nach den ersten empfindlichen militärischen Rückschlägen im Ersten Weltkrieg suchte der russische Generalstab nach Sündenböcken und fand diese in der deutschen und jüdischen Bevölkerung des Westgouvernements. Mit der Deportation von deutschen Kolonisten aus Kongreßpolen in die inneren Gouvernements Rußlands beabsichtigten die russischen Militärs, sowohl von den eigenen Fehlern abzulenken als auch die Zustimmung und das Wohlwollen der Polen gegenüber Rußland zu fördern und zu festigen. Zeitgleich suggerierten die Liquidationsgesetze eine Bestrafung der inneren Feinde, was die einheimischen Bauern als eine Vorstufe zu einer erneuten Bodenreform wahrnahmen.

(KK)

Severin Gawlitta: Zwischen Einladung und Ausweisung. Deutsche bäuerliche Siedler im Königreich Polen 1815–1915. Verlag Herder-Institut, Marburg 2009. 380 S., 48 Euro

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