Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1217.

Tue Kluges und rede darüber

Die OKR-Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“ im Münchner Haus des Deutschen Ostens vorgestellt

Der erste Brief der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat an Autoren, mit denen man eine Studienbuchreihe über Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche in Angriff nehmen wollte, geht auf das Jahr 1985 zurück, als Gorbatschow in Moskau an die Macht kam und damit denkbar wurde, was bis dahin jenseits allen Vorstellungsvermögens gelegen hatte. Auch der OKR ging da ein Vorhaben an, dessen Schwierigkeit man nur ahnen konnte. Und doch lag 1992, als die Tschechoslowakei zerfiel, mit Fritz Peter Habels „Die Sudetendeutschen“ der erste Band vor. Dieser Autor war es denn auch, der den dialektischen Synchronismus zwischen dem historischen Geschehen der letzten beiden Jahrzehnte und dieser Publikation pointiert skizzierte. Auch wenn es so aussehen mag, Wunder sind weder in der Politik dieser Zeit noch bei der Arbeit an dieser Studienbuchreihe geschehen, Bewunderungswürdiges allerdings schon.
Herbert Fleissner, der Verleger des Münchner Hauses LangenMüller Herbig Nymphenburger, der sich durch den damaligen Stiftungspräsidenten Herbert Hupka zu der nicht sonderlich gewinnträchtigen Kärrnerarbeit hatte vergattern lassen, schrieb, wie bei der Vorstellung der abgeschlossenen Reihe im Münchner Haus des Deutschen Ostens dessen Direktor und Autor des letzten Bandes, Ortfried Kotzian, dokumentierte, 1990 mit geschäftlich fundierter Skepsis an den von der Stiftung beauftragten Herausgeber Wilfried Schlau, der zeitliche Ablauf der auf zwölf Bände angelegten Veröffentlichung könne vorerst dahingestellt bleiben. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen erschien ihm verfrüht.

Aus leidvoller Erfahrung setzte der Verleger seinen Hoffnungen damals schon enge Grenzen, und einiges an einschlägigen Erfahrungen sollte ihm auch die OKR-Studienbuchreihe noch bescheren. Wilfried Schlau allerdings konnte über seine geduldige, ebenso verständnisvolle wie verständige, umsichtige wie beharrliche herausgeberische Koordination, die von Ingeborg Schubbe als Referentin sorgfältig unterstützt wurde, und über seine Mitarbeit als Autor von „Die Deutschbalten“ und des Übersichtbandes „Die Ostdeutschen – Eine dokumentarische Bilanz 1945–1995“ nicht berichten, da er, inzwischen 89, sich die Reise nach München nicht mehr zumuten kann. Lustvoll griff dafür Herbert Fleissner auf Wilhelm Busch zurück: „Gehabte Schmerzen, die hab’ ich gern.“

Die öffentliche Aufmerksamkeit für die Thematik ist in der Zwischenzeit spürbar gewachsen, so daß diese Studienbücher als Grundlagen einer sachlichen und breitenwirksamen Diskussion über die Geschichte der Vertreibungsgebiete, der Vertriebenen und deren Integration in der Bundesrepublik Deutschland unentbehrlich sind.

Diese Integration bezeichnete die bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Christa Stewens, als eine der bedeutendsten kulturellen Leistungen des deutschen Volkes und wich, wie aus dem zahlreichen und, wie sich zeigte, hellhörigen Publikum bemerkt wurde, von ihrem Redetext wesentlich ab: „Die Besonderheit der Bücher liegt darin, daß sie deutlich machen, daß das Schicksal dieser deutschen Vertriebenen nicht Ende einer jahrhundertealten Entwicklung ist. Sie bekräftigen vielmehr, daß die Geschichte weitergeht und daß neue Erfahrungen mit der Integration in unsere Gesellschaft gesammelt werden können.“ Nicht „konnten“ – denn diese Bücher haben an Aktualität und Gültigkeit nicht eingebüßt.

Im Gegenteil, der Präsident der Stiftung, Eberhard G. Schulz, strich in seinem Dank an die Beteiligten heraus, wie trefflich auch die Buchreihe neben anderen Projekten belegt, daß der Ostdeutsche Kulturrat mit seinem Stiftungszweck und seinem publizistischen und veranstalterischen Beginnen sehr wohl einem ganz und gar aktuellen Bedürfnis zu genügen sucht und das nach Maßgabe der bereitgestellten öffentlichen Mittel auch vermag: sich der Geschichte zu vergewissern, um auf die komplizierten Fragen der europäischen Gegenwart zukunftsträchtige Antworten zu finden. Damit schloß er sich dem Präsens der Satzaussage an, die Christa Stewens mit Bedacht gewählt hatte. Bedürfte es noch eines Beweises für die Aktualität, der rege Publikumszuspruch in dem gastlichen Haus im Herzen Münchens hat ihn geliefert.

Folgerichtig mahnten deshalb die Autoren der Reihe, die ihre jeweiligen Bände in kurzen Referaten vorstellen konnten, mit Blick auf potentielle Förderungsgeber die fortschreitende Aktualisierung durch bearbeitete und ergänzte, bis zur unmittelbaren Gegenwart fortgeschriebene Neuauflagen an.

Noch an Ort und Stelle wurde zwischen dem Präsidenten des Ostdeutschen Kulturrates und dem Verleger eine neue Edition des Bandes „Die Rußlanddeutschen“ vereinbart, an deren Bearbeitung sich der Verfasser Alfred Eisfeld als Kenner auch der neuesten Entwicklungen unverzüglich machen wird. Wie kein anderer hat dieser Band zum einen das Informationsdefizit, zum anderen jedoch auch das wachsende einschlägige Interesse in der bundesdeutschen Öffentlichkeit offenbart.

Wichtig wäre nun, so einvernehmlich die Autoren sowie Stimmen aus dem Auditorium, solches Interesse auch durch Übersetzungen in die Sprachen der Länder zu wecken, in denen die Herkunftsgebiete der einzelnen Vertriebenengruppen heute liegen. Der Band „Schlesien und die Schlesier“ liegt nach Auskunft des Herausgebers Joachim Bahlcke polnisch vor, ebenso gibt es eine Übersetzung des historischen Teils des Baltikumbandes ins Estnische und ins Lettische. Letztere wurde vom Herausgeber und Autor Wilfried Schlau initiiert, von der Carl Schirren Gesellschaft bezahlt und an die Schulen in Estland und Lettland verteilt. Bei anderen Bänden allerdings zeitigt die Sprachen- bzw. Ländervielfalt Schwierigkeiten bei der Auswahl und der Setzung von Prioritäten, falls ein so umfangreiches Projekt überhaupt Förderer fände.

Der Band „Die Donauschwaben“ beispielsweise müßte, so der Autor Ingomar Senz, ins Rumänische, Ungarische, Serbische und Serbokroatische übersetzt werden, von Ortfried Kotzians Buch über „Die Umsiedler“ oder jenem über „Die Deutschen zwischen Karpaten und Krain“ ganz zu schweigen. Doch ändert der Schwierigkeitsgrad nichts an der Notwendigkeit, vielmehr betonte der Autor letzteren Bandes, Ernst Hochberger, angesichts des Kenntnisstandes in jenen Regionen gerade die besondere Dringlichkeit.
Je schärfer die Grenzziehungen jeder Art, ob sprachlich, historisch oder geographisch, beabsichtigt sind, desto deutlicher wird, welches wissenschaftliche Wagnis Wilfried Schlau auf sich genommen und wie souverän er es gemeistert hat. Schon die Gedankenspiele von Eberhard Völker um die Definition der Begriffe Hinter- und Vorpommern oder das von seinem Mitautor Karlheinz Lau erhobene Petitum, dem historischen Ostbrandenburg als kleinstem reichsdeutschem Vertreibungsgebiet mit den höchsten Opferzahlen einen Einzelband zu widmen, warfen Schlaglichter auf die bei einem solchen Vorhaben sich auftuenden Dilemmata und unumgänglichen Kompromißlösungen. Diese hat man gefunden und wird sie auch weiterhin finden, schließlich handelte es sich bei dieser Buchvorstellung beileibe nicht um einen Schlußpunkt.

Auch Peter Mast, der die Geschichte Ost- und Westpreußens in seinem Band als 1945 abgebrochen beschrieben und beklagt hat, hielt es für verfrüht, in der derzeit noch eher unterschwelligen dortigen Entwicklung, zumal in Königsberg, eine von einer neuen Generation heutiger Bewohner ausgehende kulturelle Bewegung zur Vergewisserung und Spurensuche zu sehen, in deren Verlauf der deutschen Prägung und Tradition zu neuer historischer Geltung verholfen würde. Es gilt, jene Regungen zu beobachten, ihre kulturelle Wertigkeit zu fördern – es gilt also, den Band „Ost- und Westpreußen“ nach Möglichkeit zu übersetzen, aber auch den allfälligen kulturellen Veränderungen entsprechend fortzuführen.

Ortfried Kotzian stellte am Rande seiner „Umsiedler“ ebenfalls grundsätzliche Überlegungen an, die über den abgeschlossenen Band hinausweisen. Diese Deutschen haben Hitler und Himmler, die „radikalsten Umsiedler“ überhaupt, ihrer Heimat entrissen und zynischerweise „heim ins Reich“ geholt. Dadurch blieben sie zwar vom roten Terror verschont, wurden aber erst recht zu nationalistischen Zwecken mißbraucht. Für sie gilt dasselbe wie für alle Vertriebenen: Das heutige Europa, das heutige Deutschland mit seiner modernen Kultur und Wissenschaft darf den Verbrechern ihren Triumph nicht gönnen, darf es nicht zulassen, daß diese aus so mannigfaltigen Kulturlandschaften stammenden Menschen und deren Nachkommen über einen politisch korrekten Kamm geschoren und in eine historische Ecke gestellt werden, daß all die wertvollen Eigenarten, die ihnen die deutsche und europäische Kulturgemeinschaft verdankt, nur noch museal gewürdigt werden, daß es also ein Bessarabiendeutscher in Brasilien leichter hat als in Deutschland, sich als solcher zu bekennen, ohne scheele Blicke zu ernten.

Eberhard Günter Schulz sprach sich in seinem Schlußwort für die Arbeit am konkret Machbaren aus, wie es die Stiftung Ostdeutscher Kulturrat schon mit ihren anderen Publikationen und der Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ praktiziert. Durch verschiedene Arbeitsvorhaben werde man auch weiterhin neben der 800jährigen Geschichte besonders den Beitrag des historischen deutschen Ostens zur Kultur ins Bewußtsein der Öffentlichkeit heben und damit einer wahrhaftigen guten Nachbarschaft zwischen den Völkern Europas dienen können. Deshalb plädierte auch er dafür, das Übersetzungsprojekt voranzutreiben, nur so könne der kommunistisch-nationalistische Schleier vor dem Geschichtsbild der östlichen Nachbarn endlich gelüftet werden.

Den klaren, den offenen Blick ermöglichen die Studienbücher der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, sie fordern und fördern ihn zugleich.

(KK)

«

»