Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Unsentimental sentimentalisch

Kulturarbeiter aus Deutschland und östlichen Nachbarländern suchen in Bonn nach „Wegen in die Zukunft“

Über Zukunft reden ist einfach, das demonstrieren Wahrsagerinnen, Börsen- und allerhand andere Makler auf dem Markt oder im Fernsehen und auf Schritt und Tritt, dass es einem vor lauter Zukunft schier schwarz wird vor Augen. Was da Tag für Tag in die Welt gesetzt wird, ist wohlfeil und läßt sich dennoch gut verkaufen, weil die Welt eben ein Gedächtnis hat, das nicht über den Tag hinausreicht. Deshalb muß ein Gespräch über „Wege in die Zukunft“, wie es die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR in Bonn veranstaltete, gerade mit dem und am Gedächtnis arbeiten, an dem, was Walter Benjamin als „Eingedenken“ begriffen hat. Ihn rief Karol Sauerland, Warschau/Thorn, denn auch als Zeugen und Wegweiser auf bei der Suche nach den „unterschiedlichen Erinnerungsräumen“ in Polen und Deutschland. Denn es sind diese Erinnerungsräume, aus denen allein man sich wohlgerüstet auf jene „Wege in die Zukunft“ machen kann.

Im „Eingedenken“ lag für den einst gehetzten und schlechterdings unerlösten Benjamin die einzig mögliche „Gerechtigkeit“ und schließlich „Erlösung“, und wie viel allenthalben noch der Erlösung harrt auch in Europa und wie es immer mehr wird, je weiter man nach Osten kommt, das machte diese Tagung auf manchmal erschreckende, immer jedoch den Blick weitende Art und Weise deutlich. Klaus Weigelt, der Präsident der Stiftung, der mit der Leitung dieses zweiten Tagungsabschnittes das Erbe seines Vorgängers Eberhard Günter Schulz mit verbindlicher Eloquenz antrat, skizzierte eingangs die drei Koordinaten, in denen sich die rechten „Wege in die Zukunft“ ermessen lassen: Kulturarbeiter wie die im Bonner Collegium Leoninum versammelten Teilnehmer haben einen Reichtum zu beschwören und zu verkünden, der im öffentlichen Bewußtsein vernachlässigt werde, jenen der deutsch geprägten Kulturlandschaften im Osten, und das tunlichst mit missionarischem Impetus und ohne scheelen Blick auf das gerade „Gängige“, vielmehr mit aufmerksamem Blick vor allem auf die nachwachsenden Generationen, die wissen müssen, was ihnen entginge und verlorenginge, wenn nicht …

Daß viel verloren wäre, ja leider schon ist, das zeigten Christian-Erdmann Schott, Mainz, aus evangelischer und Werner Chrobak, Regensburg, aus katholischer Perspektive mit ihren „Aussichten für die kirchengeschichtliche und gemeindliche Arbeit zwischen den – jeweiligen – Kirchen Deutschlands und Polens“. Was die politischen Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Kirchen und ihr traditionelles geistliches und geistiges Gefüge ausgemacht haben, welche Brüche gerade die Boten der Erlösung, des Heils und der Nächstenliebe zu verkraften hatten und wie dabei Irrtum und Versagen, aber auch Zukunftsmut und Unverzagtheit gar nicht hierarchisch gestaffelt, sondern vom protestantischen Laien bis zum Apostolischen Stuhl „Ereignis“ wurden – und werden –, das ging den Hörern auf und damit eine für Katholiken wie Protestanten gleicherweise brisante Frage: Kann es angehen, daß all die große Arbeit, die in diesem Bereich geleistet worden und zu leisten ist, ob in der Geschichtsforschung, in der Vertriebenenseelsorge oder in der Aussiedlerintegration, daß all diese praktische christliche Mühe um den Mitmenschen mehr oder minder stillschweigend auf das Gleis des Ehrenamtes geschoben und damit abgeschoben wird?

So hatte das Lob von Joachim Sobotta, Düsseldorf, für den rastlosen Geschichtsforscher und Seelsorger Christian-Erdmann Schott schon einen Zug bitterer, wenngleich bestwilliger Ironie: Dem Pfarrer selbst komme unter anderen das Verdienst zu, daß es heute überhaupt noch einen Vortrag wie den seinen gebe, das sei mitnichten eine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis selbstloser Arbeit. Auch Christen haben es nicht leicht, um so weniger, wenn Nationalzwist und politische Grenzen zwischen sie getrieben werden, nicht miteinander und nicht mit den Einrichtungen, in denen sie geistlich beheimatet sind – und die ihnen ja oft als einzige Heimat blieben.

Mit diesen Feststellungen harmonierte die beinahe sarkastische Selbstbespiegelung des tschechischen Archivars Karel Halla aus Cheb/Eger, der 2007 im Gebietsarchiv in Pilsen das bayrisch-tschechische Netzwerk digitaler Geschichtsquellen „Porta fontium“ initiiert hat und gemeinsam mit den Kollegen von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns betreibt: Solche Projekte stehen und fallen mit Einzelpersonen, und günstig sei es halt, wenn eben diese Person ein Narr sei wie er. Weil er es aber mit Begeisterung ist, arbeitet er seit Jahr und Tag mit seinen wenigen Leuten und einigem europäischen Geld an dieser digitalen Wiederherstellung eines Archivbestandes, den politische Gewalt dermaßen verheert und zerrissen hat, daß man lange an einer solchen Möglichkeit zweifeln mußte. Scanner und elektronische Bildverarbeitung, aber auch dokumentarische Akkuratesse bei der Aufbereitung der Texte und der Erstellung der jeweiligen Metadaten (Regesten, historische Kontextualisierung) und nicht zuletzt bayrische, sudetendeutsche und tschechische Professionalität und Begeisterung heilen historische Kriegswunden, das Wundpflaster heißt Verlinkung.

Als trefflich einander und untereinander verlinkt und verbunden, und zwar vom Volkstanz bis zum Internet-Auftritt, von der Arbeit in Presse und Funk bis hin zu Kunst und Literatur – in die er in einer eigenen Lesung einen reizvollen Einblick gewährte –, stellte Johann Schuth, Budapest, die „Ungarndeutschen in internationalen Netzwerken“ vor, und daß er seinen Vortrag pannonisch neckisch „Seitensprünge“ genannt hatte, korrespondierte mit der lockeren Diktion, in der dargestellt wurde, was noch vor zwanzig Jahren nicht im mindesten locker war, vielmehr dramatisch unvorstellbar erschien – und das beileibe nicht nur in Ungarn, oder dort gerade am wenigsten.

Gerade diese neuerdings so vielfachen Möglichkeiten zu Reisen, Kontakten und Kommunikation machen es um so schwerer zu verstehen, was Karlheinz Lau, Berlin, eindringlich beklagte: Das historische Ostbrandenburg liegt buchstäblich „vor den Toren der deutschen Hauptstadt“ und wird doch in der deutschen Öffentlichkeit allzu wenig als „Brückenlandschaft zwischen Deutschland und Polen“ wahrgenommen – was natürlich jenseits der Oder kaum anders ist. Die Vokabel von der „Brücke“, festrednerisch weidlich ausgeweidet, sie taugt wenig, wenn man dem klaren Wort eines Kommentators der „Märkischen Oderzeitung“ Gehör schenkt, den Karlheinz Lau zitierte: „Deutsche und Polen haben sich aneinander gewöhnt, lieben gelernt haben sie sich noch nicht.“ Und gerade Gewöhnung war noch nie der rechte Antrieb zum Kennenlernen, zur Suche nach dem Andern und dessen Wahrheit, die in Bezug zur eigenen gesetzt werden muß – zur Forschung also.

Überhaupt stellte sich die Geschichtsforschung, die „Wege in die Zukunft“ auftun soll – und wird –, den Tagungsteilnehmern als ein stetes Schürfen in einerseits unwirtlichen, andererseits erstaunlich ergiebigen Bergwerken dar. Es ist eine Hauer- und Kärrnerarbeit, aber zutage gefördert werden,  so der Richtige „vor Ort“ ist, erstaunlich klare, ja kristalline Einsichten.

Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin, wußte mit seinem pointiert enzyklopädischen, unsentimentalen, doch im besten Sinn sentimentalischen Vortrag nackte statistische Daten zu so finsterem Funkeln zu bringen, daß man sich fragte, woher man nur die Ignoranz nimmt, nach dem allem nicht oder nur gelegentlich zu fragen. Er unternahm eine kulturhistorische Reise vom siebenbürgischen Klausenburg nach Odessa, sodann in umgekehrter Richtung über Czernowitz, Lemberg, Breslau, Lublin, Wilna und Memel bis nach Königsberg, zeigte Bilder von all dem, was in den kriegsversehrten Städten noch von ihrer einst metropolitanen Dimension zeugt, und nannte Daten – allerdings diesmal keine Meta-, sondern schlicht kalendaristische und statistische Daten von erschütternder Einfachheit: In Odessa gab es Anfang des 20. Jahrhunderts 180000 Juden, heute gibt es
weder hier noch beispielsweise in Lemberg eine nennenswert präsente jüdische Gemeinde. Oder: Die meisten Zigeuner Deutschlands haben in Ostpreußen gelebt – einst. Wo sie alle sind, wissen wir, es bleibt zu lernen, wer sie waren und was sie für uns zu bedeuten haben. Ungeschehen zu machen ist nichts, so Uwe Neumärker, aber bewußt zu machen vieles.

Die Praxis seiner Stiftung euphorisiert genauso wenig wie die des Kulturzentrums Ostpreußen, über dessen deutsch-polnische Kooperationsunternehmungen Wolfgang Freyberg mit der dezidierten Gelassenheit dessen berichtete, der weiß, daß er die fundierten Argumente hat und daß diese sich schließlich auch in einer über Jahrzehnte propagandistisch geschädigten polnischen Kleinstadt durchsetzen, selbst gegen einen bildungsresistenten Bürgermeister. Seit 2004 erarbeitet sein Kulturzentrum zweisprachige Dauerausstellungen über die Geschichte etwa von Stuhm, Preußisch Holland, Saalfeld, Lyck oder Rosenberg, die heute in Polen liegen und deren Bewohner damit anschaulich über die deutsche Vergangenheit unterrichtet werden sollen – und siehe da, die Leute kommen, zu sehen, was war, um zu erfahren, was werden kann (wie ein einschlägiger Bericht in unserem Heft 1310 überschrieben war).

Grundbedingungen solchen Beginnens sind allerdings, und da scheint wohl manchem das Bild des Bergwerks wieder auf: Präsenz „vor Ort“, Sprachkenntnisse für den ungezwungenen und nur dann auch fruchtbaren Dialog und Austausch von Personal und mithin von – im eigentlichen wie im übertragenen Sinn – grenzüberschreitenden Erfahrungen.Nur durch solche Präsenz und die Kenntnis der polnischen Sprache kann auch der schon eingangs zitierte Germanistikprofessor Karol Sauerland eine so umfassende wie unbestechliche Diagnose der für Außenstehende oft rätselhaften polnischen Ereignisse der jungen und jüngsten Geschichte stellen, nur so kann er etwa die Rolle der Kirche als Animator und Moderator, wenngleich nicht Initiator der antikommunistischen Aufstandes definieren, nur so die für unsereins noch wenig faßbare charismatische Gestalt des Priesters Popielusko, ihre Wirkungsmacht und damit die Tragweite seiner Ermordung skizzieren.

Mit poetisch tastender Geste nähert sich jenem Land auch die Dichterin Monika Taubitz, der es in der Kindheit Heimat war, in dem sie aber jetzt nichts zu suchen habe – und dennoch habe sie etwas zu suchen, heißt es bei ihr so einfach wie erhellend, denn sie habe etwas verloren. Alle wissen, was das ist, Monika Taubitz aber erzählt gerade davon, daß nichts unwiderbringlich verloren sei, ja – nicht ohne Überschwang – davon, daß selbst ein ursprünglich schwer zu ertragender Gedanke „immer annehmbarer, ja, vertrauter“ werden könne: daß der Grabstein des Vaters nach Warschau transportiert worden sei und „einen winzigen Beitrag zum Wiederaufbau der schändlich zerstörten Stadt geleistet“ habe. „Wir sind längst in der Zukunft angekommen.“

Dort mochten sich die Teilnehmer nun allerdings noch nicht wähnen, und auch Klaus Weigelt malte zum Abschluß nicht vermeintlich erklommene Gipfel aus, sondern strichelte ein Bild von den Mühen der Ebene, die vor uns allen liegen: Am Ende einer jeden solchen Tagung tut sich neben Erkenntnissen, Einsichten und Aussichten vor allem eines auf: weiterer, weiterhin dringender Bedarf.

Georg Aescht (KK)

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