Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1328.

Unsere Sorgen möchten wir haben

Eine Studienwoche in Bad Kissingen zeigt die Schwierigkeiten grenzüberschreitender Kulturarbeit: Grenzen weniger, Arbeit umso mehr

Die vierte HDO-Studienwoche, die wie die vorigen von Dr. Ortfried Kotzian initiiert und inhaltlich gestaltet wurde, stand unter dem Motto: „Deutsche Kultur im Osten Europas: Grenzüberschreitende Kulturarbeit im Dienste der Völkerverständigung“. Es konnten rund 50 Teilnehmer aus Deutschland, Tschechien, Rumänien und Polen begrüßt werden, darunter waren etwa die Hälfte Studierende aus Pardubitz, Olmütz und einigen Universitäten Rumäniens. Mitveranstalter war die Bildungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen mit dem Studienleiter Gustav Binder sowie als Mitorganisator Dr. Meinolf Arens aus Wien.

Im Anschluss an die Vorstellungsrunde wurde der bewegende Film „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ gezeigt, in dem es um die Begegnung mit zwei der letzten Juden in der Bukowina geht. Dr. Kotzian referierte in seinem Eingangsvortrag über „Möglichkeiten der Bewahrung des deutschen Kulturerbes im östlichen Europa und die damit zusammenhängende Entwicklung der grenzüberschreitenden Kulturarbeit im Dienste der Völkerverständigung“. Er zeigte dabei anschaulich die von vielen Brüchen geprägte Entwicklung dieser kulturellen Verflechtungen seit etwa 1950 auf.

Nur aufgrund des Interesses von Angehörigen der jüngeren Generationen an diesen Themenfeldern ist eine Tradierung von Wissen rund um die Geschichte und Lebenswelt der Deutschen im Osten Europas möglich. Eine maßgebliche Rolle bei dieser Vermittlungstätigkeit spielen die drei dafür von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) eingerichteten Stiftungslehrstühle in Pécs/Fünfkirchen, Cluj/Klausenburg und Olmütz/Olomouc, die zu diesem Symposium geladen worden waren.

Professor Dr. Gerhard Seewann aus Fünfkirchen, der Inhaber des dortigen Stiftungslehrstuhls für die Geschichte und Kultur der Deutschen in Ungarn, erläuterte dessen Aufgabenfelder und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ausführlich ging er auf die zentrale ökonomische und kulturelle Bedeutung der Deutschen in der Geschichte Ungarns vom Mittelalter bis in die Gegenwart ein. Er kritisierte die jahrzehntelange national konnotierte Historiographie Ungarns, die kaum Platz für andere Deutungsmöglichkeiten gelassen habe und die Gesellschaft systemübergreifend in einen auf Dauer unhaltbaren und gegenüber den benachbarten Völkern isolierten geistigen Zustand geführt habe.

Die Negierung der Rolle der Nichtmagyaren in der Geschichte des Landes und die gleichzeitige ethnozentrische Überhöhung und Deutung der Magyaren stellte er beispielhaft dar. Seine zentrale Aufgabe sieht Seewann in der Vermittlung neuer Fragestellungen und Forschungsmethoden.

Professor Dr. András Balogh, der Inhaber des Klausenburger Stiftungslehrstuhls für Deutsche Literatur und Kultur in Siebenbürgen sowie eines Lehrstuhls an der Budapester Universität, führte seine Arbeit in Rumänien vor. Die Studenten und Mitarbeiter sind Rumänen und Ungarn und in sehr kleiner Zahl Deutsche aus Rumänien. Inhaltlich beschäftigen sie sich mit den Verflechtungen von deutschsprachigen Texten und dem Schaffen von Deutschen und andersnationalen, deutsch schreibenden Autoren aus Rumänien in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei spielt der Blick auf ihre Vernetzung mit den jeweiligen Literaturlandschaften in den westlichen deutschsprachigen Ländern eine zentrale Rolle. Seminare und Konferenzen in Deutschland und Österreich sowie wechselseitige Forschungsaufenthalte in Rumänien und den beiden wichtigsten deutschsprachigen Staaten sind dabei von Bedeutung.

Professor Dr. Ingeborg Fiala-Fürst, die stellvertretende Leiterin des Stiftungslehrstuhls in Olmütz, beschrieb die schwierige Genese und die Aufgaben dieser Einrichtung. Hauptthema ist die von der Forschung lange vernachlässigte deutsche Literaturlandschaft in Mähren, der immerhin Autoren wie Robert Musil entstammen. Da nach der nahezu vollständigen Vertreibung und späteren Auswanderung der Deutschen auch aus Mähren und wegen des allgemeinen Desinteresses in der dortigen Gesellschaft an ihren deutschen Bezügen auch Kenntnisse der deutschen Sprache sich auf einen sehr kleinen Kreis reduzieren, ist die Germanistik in Olmütz von herausragender Bedeutung für die Bewahrung und Vermittlung deutschen Literaturerbes in Mähren und darüber hinaus. Das Engagement der international gut vernetzten Mitarbeiter zeigt sich in zahlreichen Veranstaltungen und Veröffentlichungen.

Die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, Dr. Zuzana Finger aus München, berichtete über Erfolge und Vorhaben im Rahmen des bayerisch-sudetendeutschtschechischen Kulturaustausches seit der Wende. An den zahlreichen regionalen Veranstaltungen nehmen fast ausschließlich Sudetendeutsche und in kleinerer Zahl Tschechen teil. Kaum beachtet werden diese Programme von der sonstigen Bewohnerschaft Bayerns. Ein zentrales Problem liegt in der Gewinnung jüngerer Menschen für die Thematik.

Dr. Petr Rojik aus Rotava/Rothau, ein Vertreter des Kulturverbandes der Deutschen in der Tschechischen Republik, beschrieb in seinem Vortrag die Geschichte seines 1969 gegründeten Verbandes. Der Verband ist bemüht, zum einen den verstreut lebenden Deutschen in Tschechien durch Veranstaltungen aller Art Räume für Begegnungen und den Gebrauch ihrer Muttersprache zu geben und der Mehrheitsgesellschaft zumindest punktuell Einblicke in die Lebenswelt und Kultur ihrer deutschen Mitbürger zu ermöglichen. Zentrales Problem ist die deutliche Überalterung der deutschen Minderheit in Tschechien.

Professor Dr. Franz Metz aus München referierte über 300 Jahre Musik bei den Donauschwaben. Er beschrieb in seinem Beitrag, den er mit zahlreichen Hörproben untermalte, Aktivitäten, Möglichkeiten und Probleme bei der Sicherung, Erforschung und Präsentation der donauschwäbischen Musikkultur. Dabei betonte er, dass die ethnien- und sprachenübergreifende Verwobenheit von Musik und Musikkultur für die Regionen Banat, Schwäbische Türkei und Batschka typisch war. Hier kam es zu wechselseitigen Prägungen böhmischer, ungarischer, süddeutscher, serbischer, rumänischer und anderer regionaler Musiktraditionen und Elemente sowohl im säkularen als auch im sakralen Bereich.

Als letzter auswärtiger Referent berichtete Robert Leiter, der Koordinator des bayerischen Schülerwettbewerbs „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“, über dieses seit Jahrzehnten erfolgreiche Projekt. Neben der Präsentation einiger Wettbewerbe aus den letzten Jahren und der Beschreibung von Methodik und Aufgabenstellung wurde auch der aktuelle Wettbewerb vorgestellt, der sich auf die Staaten Serbien, Kroatien und Slowenien bezieht und dabei auch die deutschen Bezüge ihrer jeweiligen Kultur und Geschichte berücksichtigt. In vielen Staaten des östlichen Europas, so in Polen und Rumänien, wird der Schülerwettbewerb und seine pädagogische Konzeption gerne angenommen und geschätzt.

In einem abschließenden Beitrag würdigte Gustav Binder, der Studienleiter des Heiligenhofes, die jahrzehntelange diese Institution maßgeblich prägende Arbeit von Dr. Ortfried Kotzian, der Anfang 2013 als Leitender Regierungsdirektor des HDO in den Ruhestand verabschiedet wurde. Sein zentrales Anliegen, die Grenzen, Sprachen und Völker überschreitende Bewahrung des deutschen Kulturerbes im östlichen Europa, die Erinnerung an die Geschichte der Deutschen in diesem Raum und die Sondierung von Möglichkeiten, den dort verbliebenen deutschen Gemeinschaften ein gleichberechtigtes und würdevolles Leben zu ermöglichen, sind als Aufgaben für kommende Generationen zu verstehen.

Meinolf Arens (KK)

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