Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Unterricht im Denken und Gedenken

Unterricht im Denken und Gedenken

Preis „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ für Eckard Scheld

Nach eingehender Beratung hat die Jury aus einem Kreis von mehr als 50 Kandidaten Studiendirektor Eckhard Scheld als verdienten Träger des Hessischen Preises „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ 2011 vorgeschlagen. Der hessische Sozialminister ist diesem Vorschlag gefolgt.

Eckhard Scheld arbeitet an der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg. Darüber hinaus ist er seit Jahren in der Lehrerbildung tätig und führt Begegnungen seiner mit Schülern vor allem in östlichen Nachbarländern durch. Unter ihnen ragt eine heraus, die jetzt auch bei der Preiszuerkennung eine Rolle spielte. Sie liegt bereits 20 Jahre zurück und führte 1991 in die Stadt Aussig (Usti) an der Elbe. Die Schüler der zehnten Klasse der Wilhelm-von-Oranien-Schule aus Dillenburg in Hessen hatten sich bereits im Jahr zuvor intensiv mit dem deutsch-tschechischen Verhältnis beschäftigt und hatten an dem hessischen Schülerwettbewerb „Aufbruch in ein neues Europa“ teilgenommen. Mit dem Gewinn aus dem Wettbewerb verwirklichten sie dann die einwöchige Studienreise. Die hessische Landeszentrale für politische Bildung hatte zur Begründung des Sonderpreises an die Schüler formuliert: „Anerkennung verdient insbesondere das vielfältige Engagement für die Verständigung zwischen beiden Völkern.“
Heute auf diese Begegnung angesprochen, berichtet Eckhard Scheld, daß er 1990 – wie fast alle Welt – neugierig auf die Entwicklung in der Tschechoslowakei unter ihrem charismatischen Präsidenten Václav Havel war. Dieses Gefühl habe sich auf die Schüler übertragen und bei einigen sogar zur Begeisterung geführt. Diese hatten bereits während des Wettbewerbs einen offenen Brief an den Primator der Stadt Aussig gerichtet mit der Bitte, an der Elbebrücke eine Gedenktafel zur Erinnerung an das Massaker von 1945  anzubringen. Eine Antwort erhielten sie nicht. Das ungesühnte Massaker ließ den deutschen Schülern aber keine Ruhe.

Sie schrieben dann an Jiri Grusa, den tschechoslowakischen Botschafter in Bonn, der zur deutschfreundlichen Elite seines Landes gehört und aufgeschlossen genug war, die Idee gut zu finden und die Schüler in ihrem Anliegen zu bestärken. In die Hoheit der Stadt konnte er zwar nicht eingreifen. Er ermutigte aber die Dillenburger Schüler auch zum Besuch ihres tschechischen Nachbarlandes, „das nach langer Zeit mit offenen Händen seine Gäste empfängt, Gäste, die mit der begrüßenswerten Absicht kommen, tiefe und persönliche Kontakte zu knüpfen und ihren Beitrag zum Abbau alter Vorurteile als Priorität bei der Durchsetzung des alten Traumes vom vereinigten Europa zu betrachten“. Und weiter: „Leider haben wir auf euren Brief an die Stadt Usti/n.L. noch keine Antwort erhalten. Wir bleiben aber in dieser Angelegenheit noch miteinander in Kontakt und werden es euch sofort wissen lassen, wenn wir darüber Informationen erhalten.“

Ihrem Fachlehrer Eckhard Scheld war es inzwischen gelungen, zur Durchführung einer Schülerbegegnung mit dem örtlichen Gymnazium Stavbaru Kontakt aufzunehmen. Die Schüler erlebten trotz der Abweisung durch den Primator bei dieser Begegnungsreise in Aussig einige unerwartet interessante Tage mit den tschechischen Schülern. Sie wurden begleitet von dem Schriftsteller Ota Filip und einem Team des Bayerischen Rundfunks. Nicht wenig erstaunt waren sie, als sie mit den tschechischen Kollegen und Lehrern über das Geschehen auf der Brücke sprechen wollten. Die tschechischen Schüler und offenbar auch die Lehrer wussten fast nichts. Das tat der Freundschaft der jungen Leute keinen Abbruch. Der Begegnung in Aussig folgte der Gegenbesuch 1992 in Dillenburg.

Für eine Gedenktafel an der Aussiger Brücke war die Zeit Anfang der 1990er Jahre noch nicht reif. Aber die Aktion wurde zu einem kleinen Anstoß, der schließlich allen Hindernissen zum Trotz zu der ersten Gedenktafel an das Pogrom auf der Brücke im Jahre 2005 führte. Auf Anregung ihres Lehrers hatten die Schüler nach der Devise gehandelt: Wer der Wahrheit zum Sieg verhelfen will, darf sie sich nicht selbst überlassen.

Mitentscheidend für die Zuerkennung des Preises waren auch zwei DVDs über den „Weg der Königsberger Diakonissen von Königsberg nach Wetzlar“. In einem Unterrichtsprojekt der Spurensuche in Hessen am Altenberg bei Wetzlar, die weiterführte über die Zwischenstation Berlin bis nach Kaliningrad im Königsberger Gebiet, brachte Eckhard Scheld die Schüler dazu, diesen Film zusammenzustellen. Die unterrichtliche Entfaltung des Projekts und die Mobilisierung der Fertigkeiten der beteiligten Schüler brachten es mit sich, dass der Film auch auf russisch synchronisiert werden konnte und somit das Projekt eine besondere Wirkung der Verständigung im Kaliningradskaja Oblast entfaltete. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß das russische Personal des heute weiterbestehenden Krankenhauses in Königsberg/Kaliningrad eine genaue Information darüber sehen kann, wer den Grund für ihr Krankenhaus zu preußisch-deutscher Zeit gelegt hat, wie das Schicksal derer verlief, die es vor ihnen führten und wie die Wetzlarer Diakonissen nach der Wende den Kaliningrader Schwestern geholfen haben.

Eckhard Scheld hat mit Schülern und Lehrern – auch über Hessen hinaus – zahlreiche Begegnungen angeregt und durchgeführt. Schüler führt er immer wieder bei Projekt- und Hausarbeiten sowie in Wettbewerben zu Höchstleistungen. Das geht weit über die üblichen Pflichten eines Lehrers hinaus. Einige Male wurde das bereits bekannt.

Die Verleihung des Hessenpreises „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ des Jahres 2011 fand am 18. Juni 2011 am „Tag der Vertriebenen“ während des 51. Hessentages in Oberursel statt.              

Gerolf Fritsche (KK)

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