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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1331.

Unumkehrbarkeit ist keine Rechtfertigung

Gut stände es nicht nur tschechischen Politikern zu Gesicht, ständen sie zur Losung der tschechischen Präsidentenflagge: Die Wahrheit siegt

UnumkehrbarkeitDie Wahl von Milos Zeman zum Staatspräsidenten der Tschechischen Republik hat gezeigt, dass fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine Mehrzahl der tschechischen Wähler immer noch Gefallen findet an demagogischen antideutschen Appellen. Er folgte damit dem Erfolgsrezept seines Vorgängers Vaclav Klaus, der die antideutsche Karte gegen seinen Konkurrenten bei der Präsidentenwahl, Jan Sokol, ausspielte, wenngleich etwas weniger vulgär als Zeman. Hinter diesen Verkrampfungen verbergen sich Traumata, denen nur schwer beizukommen ist.

Das von Klaus und Zeman repräsentierte kollektive Bewusstsein kann es sich offensichtlich nicht verzeihen, keinen überzeugenden Widerstand gegen das Naziregime geleistet zu haben, obwohl die Tschechoslowakei eine der stärksten Verteidigungslinien Europas und eine gut gerüstete Armee hatte.

Der Nachholbedarf an Widerstand war schon eine der Ursachen für die grauenhaften massiven Exzesse unmittelbar nach dem Krieg. Die Tschechen müssen damit leben, dass sie es – wie die Deutschen und Österreicher, aber im Unterschied zu Polen, Russen, Franzosen, Italienern und anderen – vor dem Mai 1945 nicht zu einer Partisanenbewegung gegen das Naziregime gebracht haben. Widerstand gegenein totalitäres Regime kann durch risikofreie Barbarei nicht nachgeholt werden.

Nicht zu unterschätzen ist die neidvolle Erfahrung, dass es den Sudetendeutschen, die aller Rechte und Habe beraubt wurden, schon einige Jahre nach der Vertreibung in der Bundesrepublik politisch und materiell besser ging als den Vertreibern. Die humanitäre Hilfe, die von den Verjagten bald in die alte Heimat floss, hat bei ationalistischen Tschechen die Demütigung eher vertieft als geheilt. Tschechische Pfarrer, die mit erheblicher Hilfe von sudetendeutscher Seite ihre verwahrlosten Kirchen renovieren konnten, verschwiegen oft aus Angst vor unliebsamen  Reaktionen ihrer Pfarrkinder die Herkunft der Mittel. Die These, dass es allein die Sudetendeutschen gewesen seien, die 1938 die 1. Republik zerstört haben, ist durch die unter freiheitlichen Bedingungen erfolgte Auflösung der Tschechoslowakei von 1993 unglaubwürdig geworden. Der geringen politischen Integrationskraft dieses Staates ist es weder zwischen 1918 und 1938 noch nach der Wende von 1989 gelungen, die Slowaken und andere Volksgruppen für sich zu gewinnen.

Zeman bietet als Rechtfertigung für die Vertreibung eine robuste Erklärung an: „Nach dem tschechischen Recht haben viele von ihnen Landesverrat begangen, ein Verbrechen, das nach dem damaligen Recht durch die Todesstrafe geahndet  wurde. Auch in Friedenszeiten. Wenn sie also vertrieben oder transferiert wurden, war das milder als die Todesstrafe.“ Der Vorwurf, die 5. Kolonne des Feindes zu sein, wird heute auch von der Türkei gegen die Armenier erhoben. Die Armenier haben in ihrem Kampf um die geschichtliche Wahrheit – im Unterschied zu den Sudetendeutschen – den Vorteil, dass sie ihr Staat verteidigt.

Der amerikanische Historiker R. M. Douglas stellt in seinem Buch „Ordnungsgemäße Überführung“ fest: „Während die Geschichte der Vertreibungen in Deutschland zu wenig bekannt ist, kann man für den Rest der Welt ohne Übertreibung sagen, dass sie bis heute das am besten gehütete Geheimnis des Zweiten Weltkriegs ist.“ Während die deutschen Regierungen geflissentlich alles tun, dieses Geheimnis zu erhalten, hat der unterlegene tschechische Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg das Tabu gebrochen, indem er erklärte, dass die Vertreibung der drei Millionen Sudetendeutscher ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Karel Schwarzenberg vertraute auf die Losung der tschechischen Präsidentenflagge: „Die Wahrheit siegt“. Seine Kritik an Edvard Benes und dessen Dekreten hat zu seiner Niederlage beigetragen. Wieder einmal in der tschechischen Geschichte hat mit Milos Zeman die Lüge gesiegt. Das Bedenkliche an Zemans politischer Moral ist, dass er nicht nur geschehene Vertreibungen rechtfertigt, sondern Vertreibungen auch heute noch für ein probates Mittel der Politik hält. Er empfiehlt Israel, zur Lösung des Palästinenserproblems das tschechische Modell der Massenvertreibung anzuwenden. Es habe sich bei der Lösung der Sudetenfrage bestens bewährt.

Während die Geschichte der Vertreibungen in Deutschland zu wenig bekannt ist, kann man für den Rest der Welt ohne Übertreibung sagen, dass sie bis heute das am besten gehütete Geheimnis des Zweiten Weltkrieges ist.
R. M. Douglas

Die deutschen Regierungen haben sich überraschend schnell damit abgefunden. Nachdem Zeman wieder einmal diese seine politische Moral vorgetragen hatte, besuchte ihn Außenminister Joschka Fischer. Er kam mit der Botschaft zurück: „Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei waren noch nie so gut wie heute.“ Diese Einschätzung wurde in Folge von Bundeskanzler Schröder  und Bundeskanzlerin Merkel nach Besuchen in Prag mehrfach wiederholt. Diese  Politiker spielen ein leicht durchschaubares unredliches Spiel. Auf Vertriebenentreffen halten sie populistische Reden, um Stimmen für ihre Partei zu gewinnen. Auf internationaler Ebene vermeiden sie jeden Hinweis auf Ereignisse, die R. M. Douglas für „eine der schlimmsten menschengemachten Katastrophen“ hält, „die den Kontinent nach 1945 traf und auch den blutigen Zerfall Jugoslawiens in den neunziger Jahren weit übertrifft“.

Viele Pioniere der deutschtschechischen Verständigung sind zutiefst enttäuscht. Die Erwartungen, die sie jahrzehntelang bewogen haben, unter Risiken und Opfern den  Kontakt mit tschechischen Demokraten zu suchen und zu pflegen, sind nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht in Erfüllung gegangen. Ihre  Erwartungen zielten nicht auf eine Rückgabe von Hab und Gut. Sie wehren sich aber dagegen, dass die Einsicht in die Unumkehrbarkeit der Geschichte zu einer  Rechtfertigung vergangener Verbrechen pervertiert wird.

Die Olmützer Gemanistikprofessorin Ingeborg Fiala-Fürst sagt, Teil des Wahlkampfrepertoires sei die „deutsche Karte“ gewesen: „Das Schüren primitivster nationalistischer Affekte, aufgebaut auf alten, deutschfeindlichen nationalistischen Mythen des 19. Jahrhunderts und Missinterpretationen der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vor allem wir Germanisten, Historiker, die wir an der Beseitigung dieser Mythen, am Aufstellen differenzierter und wahrheitstreuer Perspektive auf die tschechisch-deutsche Geschichte unseres Landes und Europas, am ressentimentbefreiten Kontakt zwischen Tschechen und Deutschen durch wissenschaftliche und erzieherische Tätigkeit zu arbeiten glaubten, sahen unsere Anstrengungen der letzten Jahre wie ein Kartenhaus zerfallen. Zumal wir ja wissen, wie viel Anstrengung und auch Geld Deutschland, offizielle Stellen, Institutionen, Verbände, einzelne Personen in die Aufklärungsarbeit, den Kulturtransfer, den Wiederaufbau der tschechischen Wissenschaft, Kultur und Kunst, selbst der Infrastruktur in grenznahen Gebieten in Tschechien investiert haben: Stipendien, Lektoren, gemeinsame wissenschaftliche und Schul-Projekte, gemeinsame Historiker-Konferenzen, Wiederaufbau von Kirchen, Museen usw. War das alles umsonst? Trotz der Enttäuschung, die ich heute fühle, glaube ich an die Aufklärung.“

Dagegen sprechen Aussagen und Publikationen deutscher Regierungen. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes wurde 2005 die maßgebliche Informationsschrift „Tatsachen über Deutschland“ für das Ausland in 14 Sprachen veröffentlicht. In zehn Kapiteln werden auf 184 Seiten wichtige Punkte der deutschen Wirklichkeit behandelt. Zur Tatsache von 15 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen begnügt sich die Schrift mit folgender Feststellung: „Die ostelbischen Rittergutsbesitzer, die mehr als jede andere Machtelite zur Zerstörung der Weimarer Republik und zur Machtübertragung an Hitler beigetragen hatten, verloren Grund und Boden …“ Besser hätte es Zeman auch nicht sagen können. Karel Schwarzenberg hat mit seinem mutigen Auftreten im Wahlkampf einen moralischen Sieg nicht nur über Zeman errungen, sondern auch über deutsche Politiker, die Tatsachen über Deutschland verdrehen und verschweigen.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Besuch des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas wie ein Kontrastprogramm. In seiner Rede vor dem Bayerischen Landtag durchbricht er mehrere bisher von tschechischen Politikern unerbittlich gehaltene Barrieren. Er bedauert die Vertreibung der Sudetendeutschen, nicht nur der sudetendeutschen NS-Gegner. Er spricht mit gewählten Vertretern der Sudetendeutschen Landsmannschaft. „Wir bedauern, dass durch die nach dem Kriegsende erfolgte Vertreibung sowie zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung unschuldigen Menschen viel Leid und Unrecht zugefügt wurde, und  dies auch angesichts des kollektiven Charakters der Schuldzuweisung. Wir sind uns übrigens des wesentlichen Beitrags der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung dieses  Raums während der ganzen Geschichte bewusst.“

Dankbar und anerkennend haben sudetendeutsche Politiker auf die Worte und Gesten von Petr Necas reagiert. Sie sehen darin einen Durchbruch, auf den sie lange geduldig hingearbeitet haben. Staatspräsident Milos Zeman und Ministerpräsident Petr Necas repräsentieren zwei entgegengesetzte politische Lager. Mit Spannung blicken wir auf diese konfliktträchtige Kohabitation in unserem Nachbarland.

Adolf Hampel (KK)

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