Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1355.

Unverwandt

So blicken Kinder auf ihr Vertreibungsschicksal, und wir sollten ihrem Blick folgen

UnverwandtIn Bayern fanden 1945 viele Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten eine neue Heimat, auch im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben. Im Jahr 1950, so Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, hatten sie in Schwaben einen Anteil von 25 Prozent. Grund genug für den Bezirk, diesen Flüchtlingsströmen genau 70 Jahre danach eine Ausstellung zu widmen, aus einer speziellen Sichtweise allerdings, nämlich der der Flüchtlingskinder. Denn sie sind es, die heute noch Zeugnis über die Geschehnisse ablegen können, wo konkrete Exponate fehlen. Sie wissen, was für Eindrücke und Gefühle der Wechsel in eine fremde neue Heimat bei ihnen hervorgerufen hat.

Ausstellungskuratorin Stefanie Kautz sah bei diesem Ausstellungskonzept „eine der letzten Gelegenheiten“, Zeitzeugen zu befragen und ihr Erleben zu dokumentieren. Während der bereits laufenden Vorbereitungen zur Ausstellung erfuhr das Thema Flüchtlinge angesichts der aktuellen politischen Lage plötzlich eine schmerzliche Aktualität. Betroffen von Flüchtlingsströmen war auch der Bezirk Schwaben. Wieder kamen (und kommen) Menschen, um sich in der Fremde eine Heimat zu suchen – auch Kinder. Die Idee, die beiden Aspekte desselben Themas zu verknüpfen, ergab sich zwangsläufig. Obwohl die beiden Gruppen von Flüchtlingskindern Generationen trennen und die Flüchtlinge heute aus ganz anderen Kulturkreisen stammen, lässt sich die Parallele nicht leugnen: Dem persönlichen Empfinden nach haben sie das gleiche Schicksal, müssen sich in einer fremden Umgebung einen Platz suchen, gegen Vorurteile und Unfreundlichkeit ankämpfen und für Verständnis dankbar sein.

Die eher übersichtliche Ausstellung im idyllischen Ambiente des Schlosses Höchstädt hoch über der Donau ist unter diesem Aspekt zweigeteilt: Zwei Räume widmen sich den Zeugnissen von Heimatvertriebenen – Gegenstände, Fotos und Tondokumente, die abrufbar sind. In zwei weiteren kommen Flüchtlingskinder von heute mit Fotos, Steckbriefen und eigenen Zeichnungen zu Wort und Bild. Der Dokumentation zu den Heimatvertriebenen gingen Interviews voraus, in denen Flüchtlinge aus dem Sudetenland, aber auch aus Ostpreußen, Schlesien und der Bukowina ihre Kindheitserinnerungen preisgaben. Sie waren damals zwischen fünf und elf Jahre alt. Manche Erinnerungen stammen auch von Kindern, die selbst gar keine Flüchtlinge waren, aber als Kinder von Flüchtlingen die latente Stigmatisierung erleben mussten. So lebt Dr. Ortfried Kotzian, ehemaliger Leiter des Augsburger Bukowina-Instituts und des Hauses des Deutschen Ostens in München, seit Jahrzehnten mit einem Geburtsort im Personalausweis, der ihm nichts bedeutet. Seine Mutter musste dahin zur Entbindung, weil diese den Flüchtlingsfrauen woanders nicht gestattet war. Geschichten wie diese sind in der Ausstellung thematisch zusammengefasst, schriftlich, aber auch in einer Hörstation abrufbar. Fotos und Karten erleichtern die Zuordnung und die Vorstellung vom Leben vor 70 Jahren.

Eine besondere Rolle spielt der Ausstellungsort selbst: Im Schloss Höchstädt, dem damals ein Altenheim angegliedert war, waren auch Flüchtlinge untergebracht. Die Familie von Anna Waschner hat vier Jahre lang da gelebt. Im Rahmenprogramm bietet sie eine Führung durch das Schloss ihrer Kindheit an. Der Vater hatte als Hausmeister ein kleines Zimmer zugeteilt bekommen, Küche gab es keine, die Essensversorgung wie auch die Wäsche liefen über das Altenheim. Ergänzt werden die Erinnerungszeugnisse durch einige wenige Ausstellungsobjekte – Koffer, Puppen, Kinderwagen. Den heutigen Erwartungen kommt ein eigens erstelltes Computerspiel entgegen, wo man erfahren kann, wie es ist, sein bisheriges Leben auf einen Koffer zu reduzieren und das Wichtigste auswählen zu müssen.

In dieser Hinsicht hat sich an der Flüchtlingsrealität auch heute nicht viel geändert. Für den zweiten Teil der Ausstellung hat Fotografin Christina Bleier intensiven Kontakt mit sechs Flüchtlingskindern (7 bis 12 Jahre alt) und ihren Familien aus dem Irak, Syrien, der Ukraine, Serbien und Mazedonien aufgenommen und diese in ihrem Alltag in Augsburg begleitet. Die Kinder wurden selbst aktiv und haben „ihr Deutschland“ in Fotos und Zeichnungen festgehalten. Aus liebevoll selbstgestalteten Steckbriefen entstanden Ausstellungsdisplays, die die Erlebniswelt der Kinder, aber auch ihre Wünsche und Träume festhalten und Aufschluss darüber geben, dass Kinder unabhängig von Zeit und Raum ähnlich „ticken“. Dieser Teil der Ausstellung wird nach dem 12. Oktober 2015 auch noch in der Stadtbücherei Augsburg gezeigt.

Die ungewöhnliche Koppelung der Flüchtlingsschicksale von vor 70 Jahren und von heute mag den einen oder anderen Ausstellungsbesucher befremden. Den Ausstellungsmachern ist jedoch durch diese unkonventionelle (wiewohl naheliegende) Betrachtungsweise der Bogen gelungen, der leider allzu oft übersehen wird: Not, Krieg, Unrecht fordern immer unschuldige Opfer unter den Schwächsten, und diese erfahren zu allen Zeiten ähnliche Befindlichkeiten. Aus der Heimat flüchten müssen bringt, unabhängig von allen politischen Konnotationen, Leid über die Menschen. Und Kinder reagieren da sensibel, auch wenn sie sich vordergründig schnell mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Die Zeitzeugen von vor 70 Jahren haben, wie sich in den Interviews zeigt, auch aus der Distanz noch viel in ihrem Erinnerungsgepäck, das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Die Ausstellung „Neustart“ ist im Schloss Höchstädt im Landkreis Donau-Ries bis zum 4. Oktober zu sehen und wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm (Ferienprogramm, Führungen, Zeitzeugenberichte usw.) flankiert. Informationen dazu gibt es unter www.bezirk-schwaben.de.

Halrun Reinholz (KK)

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