Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1357.

Unwahrscheinlich wahr

In Zahlen und Bildern offenbaren die Archive des sowjetischen Imperiums die Dimension des Großen Terrors 1937/38

Unwahrscheinlich-wahrDiese Zahlen muss man sich durch den Kopf gehen lassen: 16 Monate lang täglich etwa 1600 Hinrichtungen, das sind rund  750 000 Tote – erledigt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Weitere etwa 800 000 Menschen wurden durch dieselben Standgerichte, die die Todesurteile aussprachen, zu mindestens zehn Jahren Gulag verurteilt. Von diesen Verurteilten überlebten vermutlich nicht mehr als 100 000. Und die kamen erst zwischen 1954 und 1956 frei. Die Haftverlängerung wurde in der Regel ohne Urteil ausgesprochen.

Das sind die nackten Zahlen in den Jahren des sogenannten Großen Terrors 1937/38 in der Sowjetunion. Zu diesen Zahlen muss man wissen, dass dem Angeklagten weder die Anklage mitgeteilt noch ein Recht auf Verteidigung zugestanden wurde und die Angehörigen keinerlei Informationen erhielten. Diese Männer und Frauen hörten für ihre Familien von einem Tag zum andern auf zu existieren. Diese Geheimhaltung bestand bei den meisten Opfern fort bis zur Auflösung der Sowjetunion. Als 1992 die sowjetischen Archive geöffnet wurden, kamen diese Vorgänge ans Tageslicht. Und die Nachfahren, inzwischen selber alt geworden, älter als ihre Väter oder Mütter zum Zeitpunkt ihres Todes waren, erhielten wenigsten diese Gewissheit. Und unter Umständen auch die Angabe eines Begräbnisortes. Aber das war eher die Ausnahme, denn oftmals wurden die Opfer irgendwo im riesigen russischen Reich verscharrt, oder der Friedhof wurde eingeebnet und bebaut.

Der Grund für den Großen Terror war, dass die bisher in der Revolution erfolgreichen Kader ersetzt werden sollten durch eine jüngere, besser ausgebildete, politisch und ideologisch ergebene neue Generation der „Ausführenden des ersten Fünfjahresplans“. Stalin ließ die noch lebenden Anhänger Lenins hinrichten, weil er „jegliche politischen, administrativen, beruflichen und persönlichen Bindungen, die solidarische Haltungen erzeugten“, verhindern wollte, denn sie bargen die Gefahr „verschwörerischer Kreise“. Ihm lag an der Förderung einer neuen jungen Funktionärsschicht, die ihm ihre Karriere verdankte und ihm grenzenlos ergeben war. Gelungen, könnte man sarkastisch anmerken und zur Tagesordnung übergehen.

Ein polnischer Fotograf – Tomasz Kizny – tat das nicht. Ihn interessierte allerdings nicht nur dieser Aspekt des Großen Terrors. Es gab da nämlich noch andere, nicht weniger brutale Aktionen, als „Nationale Operationen“ bezeichnet. Zu diesen gehörte eine „polnische Operation“, in deren Verlauf von 144 000 Verhafteten 111 000 erschossen wurden. Es ging dabei um die vollständige Liquidation der Organisation des polnischen Militärs und seiner für Sabotage, Spionage und Aufstände verantwortlichen oder ihrer verdächtigten Kader in Industrie, Transportwesen, Sowchosen und Kolchosen. Will sagen: Im sowjetischen Imperium sollten sich 144 000 polnische Spione aufhalten, derer man dringend habhaft werden musste.

Nach Öffnung der Archive stellte man fest, dass alle Opfer des Großen Terrors vor ihrer Hinrichtung fotografiert worden sind. In der Regel gab es ein Profil- und ein Frontalfoto. „Der Fotograf im NKWD-Gefängnis konzentrierte sich hinter der Kamera auf die präzise Ausführung seiner Aufgabe; die Menschen vor dem Objektiv wussten jedoch, dass ihr Leben auf dem Spiel stand.“ Dementsprechend ist der individuelle Ausdruck im Gesicht, in den Augen. Der Betrachter kann interpretieren, ob der oder die Fotografierte Angst zu erkennen gibt oder Gleichgültigkeit angesichts der ungewissen Situation oder oder oder.

Auf jeden Fall gibt jedes einzelne Foto dem Opfer seine Individualität und seine Würde zurück. Das ist der Effekt, der von den damaligen Machthabern und Schergen der Exekution mit Sicherheit nicht beabsichtigt war. Die Dokumentation der Opfer ist auf Vorschriften zurückzuführen, die genau eingehalten wurden. So war es z. B. notwendig, „einen Verurteilten zu fotografieren, um ihn vorschriftsmäßig zu erschießen“, was wiederum bedeutete, dass die Identität des Toten anhand des Fotos überprüft werden konnte. Man muss sich diesen Organisationsfetischismus vor Augen führen: Die Exekution des Opfers hat nach ganz bestimmten Regeln zu erfolgen und ist genauestens zu dokumentieren innerhalb eines geschlossenen Regelkreises.

Das alles unterliegt allerdings strengster Geheimhaltung, damit die Angehörigen des Opfers außerhalb dieses Regelkreises auf keinen Fall erfahren, wie und was passiert ist. Und damit die Machthaber sicher sein können, dass alles unter Verschluss bleibt, wird den Angehörigen mitgeteilt, dass die Verurteilten zu „Lagerhaft ohne Recht auf Briefverkehr“ verurteilt waren.

Besagter Tomasz Kizny hat mit Mitteln aus der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Gerda-Henkel-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft Memorial in Moskau eine Ausstellung realisiert, die Fotos von Ermordeten in den Gefängnissen des NKWD zeigt; er hat Friedhöfe bzw. Grabstätten oder deren Überreste mit Hilfe der Gesellschaft Memorial zu orten versucht, ist hin gereist und hat sie dokumentiert. Zu guter Letzt hat er Fotos mit Nachfahren der Opfer sowie Ausschnitte aus Interviews mit ihnen in den Katalog gestellt.

Im Haus der Preußisch-Brandenburgischen Geschichte in Potsdam war im März/April dieses Jahres die Ausstellung zu sehen. Der eindrucksvolle Katalog dazu ist dort zum Preis von 5 Euro erhältlich. Bestellungen via Internet über ww.hpbg.de/Ausstellung_DerGrosseTerror.html.

Ulrich Schmidt (KK)

«

»