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Ausgaben: Ausgabe 1397.

Väterchen oder Verheerer?

Thomas Masaryk und das Zwielicht der Geschichte

Ohne seine selbstbewusst dezidierte Haltung und Führung konnte und wollte sich niemand die Tschechoslowakei vorstellen: Thomas Masaryk
Bild: Wikimedia Commons

Im Ausland begegnet man ihr häufiger als im heimischen Tschechien, der historischen Fotografie vom 14. August 1937, als sechs Uniformierte den verstorbenen Thomas Masaryk (geboren 1850), Staatsgründer und Staatspräsident der Tschechoslowakei, zur letzten Ruhe trugen. Die sechs braven Soldaten standen für die sechs größten Volksgruppen des jungen Staats: Tschechen und Slowaken (zusammen 9,7 Millionen laut Volkszählung von 1930), Deutsche (3,3 Mio.), Ungarn (692 000), Ukrainer (550 000), Polen (82 000).

Die Armee war ein Hort des interethnischen Friedens, die 974 000 Soldaten (1936), davon 20 Prozent Deutsche, verband slawisches Gemeinschaftsgefühl und deutsche Disziplin, was die Armee aus einer zutiefst antimilitärischen Bevölkerung heraushob.

Die Tschechoslowakei wurde am 28. Oktober 1918 auf dem Prager Wenzelsplatz feierlich proklamiert, entstand faktisch aber schon fünf Monate früher, als im amerikanischen Pittsburgh, Zentrum der zahlenstarken Diaspora überseeischer Slowaken und Tschechen, am 31. Mai 1918 im Beisein Masaryks das „Pittsburgher Abkommen“ verabschiedet wurde – als „politisches Programm, das sich um einen Zusammenschluss von Tschechen und Slowaken in einem selbständigen Staat“ bemühte.

Der neue Staat war von Anfang an eine „Masaryk-Republik“. Vermutlich ist selten ein Politiker so einmütig verehrt worden wie „Väterchen“ (Tatícek) Masaryk von den Tschechen. 17 Jahre lang versah er sein Amt, viermal wurde er ohne Konkurrenten für sieben Jahre wiedergewählt (1918, 1920, 1927, 1934). Eigentlich hätte er nur zweimal wiedergewählt werden dürfen, aber das interessierte im In- und Ausland niemanden, weil keiner sich die demokratische und ökonomisch hoch entwickelte Tschechoslowakei ohne Masaryks Führung vorstellen konnte und wollte.

Nur wenige Weitblickende sahen den Geburtsfehler von Masaryks Kreation. Zu ihnen gehörte der deutsche Publizist Leopold Schwarzschild (1891–1950), der am 22. Juli 1922 in seiner liberalen Wochenschrift „Das Tagebuch“ prophetisch warnte: „Soeben werden die Ergebnisse der Volkszählung (Februar 1921– Anm. W. O.) in Böhmen veröffentlicht. Danach hat Böhmen 4 382 802 Tschechen und 2 173 230 Deutsche. An dieser Ziffer wird ein System scheitern! Unmöglich, einen gemischt-nationalen Staat so regieren zu wollen, als wäre er von einer einzigen Nation bewohnt.“ Über diese Gefahr wollte Masaryk mit neuen Sammel-Begriffen hinwegtäuschen – „Tschechoslowaken“, „tschechoslowakische Sprache“ etc. -, um so die numerische Stärke der zur Minderheit unter Tschechen degradierten Deutschen zu verstecken. Noch deutlicher war 1921 der deutsche Autor Richard Coudenhove-Kalergi (189–1972), der von Tschechen und böhmischen Deutschen gar nichts hielt: „Beide Völker leiden an kleinlicher Gehässigkeit und an dem engen Horizont ehemaliger österreichischer Provinzler.“ Überragend war für Coudenhove-Kalergi nur einer: „Thomas G. Masaryk ist heute die bedeutendste Gestalt unter den Staatsmännern Mitteleuropas.“

Nach 1990 hat eine Prager Zeitschrift Coudenhove-Kalergis Essay in tschechischer Übersetzung publiziert, dabei aber dessen Elogen auf Masaryk ausgelassen. Masaryk war kein tschechischer Nationalist, als solcher hätte er 1886 nicht die historischen „Handschriften“ als freche Fälschungen im Dienste tschechischen Überlegenheitsanspruchs seit tausend Jahren entlarvt. Aber der in Brünn, Leipzig und Wien ausgebildete Philosoph, Sohn einer mährischen Deutschen, war ein antideutscher Eiferer, was 1928 der Prager Philosoph Emanuel Rádl (1873–1942) als Verkennen von Realitäten sah: „Die Tschechoslowakei ist von drei Seiten vom deutschen Volksstamme eingeschlossen (…) Das Nationalitätenprinzip, das man im Kampf gegen Deutschland anwendete, wird in dessen Händen zur Waffe werden. Auch zur Waffe gegen die Tschechoslowakei, deren Bevölkerung zu einem Viertel deutsch ist.“

Allerdings ist nicht dezidiertes Selbstbewusstsein, sondern gerade Skepsis die Mutter allen Lesens, wie in schillernden Farben Lotte Laserstein illustriert
Bild: Exil-Sammlung Thomas B. Schumann, Edition
Memoria

Zum Herbst 2018 haben Masaryks „Botschaften“ erneut Hochkonjunktur bei unseren Nachbarn hinter dem Böhmerwald, beispielsweise seine außenpolitische Kampfansage vom 28. Oktober 1918, dem Gründungstag der Republik, gegen Russland („Lenins Taktik ist die Taktik Iwans des Schrecklichen“) und gegen das Erbe des „Österreichisch-ungarischen Zarismus“. Oder sein außenpolitischer Rundumschlag am Tag seiner Vereidigung (22. Dezember 1918), den er vor allem gegen die drei Erscheinungsformen der Deutschen richtete: 1. Deutsche in Deutschland („jahrhundertealter deutscher Drang nach Osten“), 2. Deutsche in der Tschechoslowakei („kamen ursprünglich als Emigranten und Kolonisten“), 3. Österreicher („Habsburger Unfähigkeit und Falschheit“).

Masaryk, vormals Hochschullehrer in Chicago und Diskussionspartner von Präsident Woodrow Wilson, träumte von „Vereinigten Staaten von Europa“ unter tschechoslowakischer, also seiner Führung. Dazu mussten, wie er am 22. Dezember 1918 ausführte, zunächst drei Erzfeinde Europas beseitigt werden: deutsches Preußentum (prusáctvi), Habsburger Austrianismus (rakusáctvi) und russischer Dschingiskhanismus (dzingischánstvi). Auch die Ungarn erschienen gefährlich, für die „der Slowake kein Mensch ist“. In jedem Fall waren sie bedrohlicher als „unsere Deutschen“, die nur ein „Opfer des verlogenen Austrianismus“ waren. Als zweiter Schritt müsse ein Verteidigungswall von „achtzehn kleinen Völkern, von Finnen bis hinab zu Griechen“ formiert werden, besser noch eine Reihe von Föderationen, etwa zwischen der Tschechoslowakei und Polen oder Rumänien oder was sonst eine „direkte geografische Verbindung“ zu Südslawen bringen könnte. Die Tschechoslowakei pflegt zu vielen Völkern in der Nachbarschaft „freundschaftliche Beziehungen“, und sie hat bereits „Angebote“ von Volksgruppen („ungarische Rusinen“, „Karpato-Russen“), sich Masaryks Staat als „autonome Teile“ anzuschließen. Was für eine Zukunftsvision, wenn erst „das pangermanische Mitteleuropa ersetzt sein wird durch die Annäherung der Staaten von der Ostsee bis zur Adria, und weiter über die Schweiz bis nach Frankreich. Das wäre ein starker Wall gegen die Deutschen“.

Das war vor einhundert Jahren, bis heute ist Masaryks Bild von den „fremden“ Deutschen, die als räuberische „Kolonisten“ ins Land strömten, tschechisches Gemeingut. Daran hat auch die „Deutsch-tschechische Erklärung“ vom Dezember 1996 nichts geändert, die eine „lange Geschichte fruchtbaren und friedlichen Zusammenlebens“ beschwor, getrübt durch deutsche Untaten wie das „Protektorat Böhmen und Mähren“ (1939) und tschechische Vertreibungen von über drei Millionen Deutschen ab 1945.

Davor gab es Phasen friedlicher Koexistenz, die nach 1990 Präsident Václav Havel zum Leitbild seiner Deutschlandpolitik machte. Dabei folgte er seinem Mentor Pavel Tigrid (1917–2003), dem charismatischen Herausgeber der Zeitschrift „Svedectvi“ (Zeugenaussage), die jahrelang ein antitotalitäres „Denkparlament“ gewesen war. Bei aller Verehrung für Masaryk verurteilte Tigrid den „Personenkult“ um ihn, mehr noch die in seinem Antigermanismus wurzelnde Vertreibung von Deutschen. Wenigstens eine Million hätte man aus der „Kollektivschuld“ ausnehmen und im Lande lassen können, als „zivilisatorische Balance“ zwischen Tschechen und Slowaken.

Das hätte Masaryk nicht gefallen, wäre aber seinem Staat bekommen, wie Tigrid 1993 in einem Interview mit mir betonte: „Ich glaube, mit ihrer Anwesenheit hätten wir den Staat retten können, ganz sicher sogar. Dazu aber hätten die Deutschen keine ‚Minorität‘ sein dürfen“.

Wolf Oschlies (KK)

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