Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Verbot der Vereinfachung

Podiumsdiskussion zur Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung

Leipzig liest, und Leipzig hört auch zu, so hoffen zumindest (v. l.) Friedrich Zempel, Dr. Jens Baumann, Professor Dr. Frank-Lothar Kroll und Falk Drechsel
Bild: der Autor

Rund eine Million Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler kamen infolge des Zweiten Weltkrieges nach Sachsen. Erst nach der deutschen Vereinigung konnten sie hier ihre eigenen Organisationen aufbauen, sich der kulturellen Erinnerungsarbeit widmen, sich um die Pflege guter Beziehungen zu ihren einstigen Heimatgebieten bemühen. Will man diesen wichtigen Teil der neuesten Zeitgeschichte sachgerecht aufarbeiten, darüber hinaus Perspektiven für die weitere Arbeit der Vertriebenen entwickeln, sollte damit schon angesichts des fortgeschrittenen Alters vieler der Protagonisten nicht länger gezögert werden.
Dies hat auch der Freistaat Sachsen im Rahmen seiner sich aus dem Bundesvertriebenengesetz ergebenden Verpflichtungen erkannt und fördert daher derzeit ein Projekt, das sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte der sächsischen Vertriebenenverbände widmet. Als dessen Ergebnis sind u. a. Masterarbeiten zur Thematik, eine Wanderausstellung sowie Veranstaltungen insbesondere in Schulen des Freistaats vorgesehen.

Den Auftakt hierzu bildete eine von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, in Verbindung mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa, Potsdam, veranstaltete Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Moderiert von Professor Dr. Frank-Lothar Kroll, Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz, äußerten sich Dr. Jens Baumann vom Sächsischen Staatsministerium des Innern, Friedrich Zempel von der Stiftung Erinnerung, Begegnung, Integration, sowie Falk Drechsel, Gymnasiallehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde aus Dresden.

Angesichts der Tabuisierung des Themas Flucht und Vertreibung konnten, so Friedrich Zempel, in der DDR lediglich ältere Menschen bei Westreisen Kontakte mit organisierten Vertriebenen in der Bundesrepublik pflegen. Die Möglichkeit zum Aufbau eigener landsmannschaftlicher Organisationen wurde daher nach 1989 freudig ergriffen.

Auch wenn in Sachsen auf den alten Revanchismus-Vorwürfen beruhende Ressentiments der Bevölkerung ohne Vertreibungshintergrund noch lange nachklangen, so war doch, laut Zempel, die Ablehnung der Vertriebenen und ihrer Organisationen hier insgesamt geringer als in den alten Bundesländern. Die Vertriebenen fanden, so Dr. Baumann, bald Unterstützung seitens des Freistaats Sachsen, der sich insbesondere zur Förderung von Kulturmaßnahmen verpflichtet sah und die im Westen geltenden Regelungen übernahm. Seit 1992 wurden und werden Verbände, Museen und Institutionen, die Partnerschaften zu den ehemaligen Ostgebieten unterhielten, gefördert. Sachsen führte so auch, wie Bayern und Hessen, einen eigenen alljährlichen Tag des Gedenkens an Flucht und Vertreibung ein.

Gleichwohl haben nach Falk Drechsel 40 Jahre SED-Propaganda bis heute ihre Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen, was sich etwa darin zeigt, dass an den Schulen die Thematik bislang allenfalls am Rande behandelt wird. Dies sei ein Versäumnis, da die Vertreibung nach wie vor in vielen Familien ein bestimmendes Geschichtsnarrativ sei, das es aufzuarbeiten und von subjektiver Legendenbildung zu befreien gelte.

Ein verstärktes Interesse am Schicksal der nach 1945 vertriebenen Deutschen und eine zunehmend objektive Darstellung in den Medien konstatierte Friedrich Zempel in der Folge der aktuellen Flüchtlingskrise. Er war sich mit der Runde einig, dass es bei aller Vergleichbarkeit keine einfache Gleichsetzung des Vertreibungsgeschehens von vor 70 Jahren und heute geben dürfe. Was die Möglichkeiten einer nicht auf Bittstellung, sondern auf Leistung beruhenden Integration der geflohenen Menschen betrifft, so könne man indes aus den Erfahrungen der damaligen Flüchtlinge lernen.

Was geschieht nun nach dem absehbaren Abtreten der Erlebnisgeneration? Kann das Thema von Flucht und Vertreibung, vielleicht verstärkt institutionalisiert, weitergeführt werden?

Falk Drechsel sieht hier nicht zuletzt die Schule in der Pflicht, die sächsischen Lehrpläne entsprechend zu überarbeiten. Friedrich Zempel zeigt sich skeptisch angesichts der allgemeinen Schwierigkeit, Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen, verweist aber gerade im Hinblick auf die jüngere Generation auf zukunftsweisende Projekte von Erinnerungs- und Begegnungsstätten. Die staatliche Ebene wird die auf Kulturpflege und Verständigung mit den Nachbarn in Europa angelegte Arbeit der Vertriebenen, so Dr. Jens Baumann, weiter nach Kräften unterstützen.

Die Diskussion endete mit dem Appell von Professor Dr. Frank-Lothar Kroll an die zahlreichen Schüler unter den Zuhörern, sich mit Flucht und Vertreibung weiter zu beschäftigen, einem Thema, das angesichts der Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland zunehmend an Bedeutung gewinne.

Ernst Gierlich (KK)

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