Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1352.

Vergangenes Land

Galizien lebt nur noch in seinen Mythen und im Bewusstsein seiner multikulturellen Bevölkerung, „vergangen“ auch sie

Vergangenes-Land1Das habsburgische Galizien gibt es nicht mehr. Und doch existiert es in der Erinnerung vieler Völker, die einst dazu gehört haben. Wie sehen die Polen, die Ukrainer und die Juden Galizien? Was ist das Besondere daran? Das Internationale Kulturzentrum in Krakau widmet dem Mythos Galizien bis zum 8. März 2015 eine Ausstellung unter dem Titel „Mythos Galizien“. Danach ist sie im Wien Museum zu sehen.

Es muss einen Grund geben, warum ich in der Ausstellung an das Stück „Du und Du“ von Johann Strauss (Sohn) aus seiner Oper „Die Fledermaus“ denken muss. Welch eine majestätische Musik, dieser Wiener Walzer! Genauso majestätisch wurde Franz Joseph auf dem Bild „Der Kaiser auf einem Ball im Lemberger Rathaus“ von Juliusz Kossak festgehalten: Umgeben von noblen promenierenden Damen und Herren, sitzt er auf einem prachtvollen Thron – ein reifer, bereits ergrauter Mann mit gütigem, voll väterlicher Sorge.

In Folge der ersten Teilung Polens 1772 wurden Südpolen und die Westukraine von Wien annektiert und zum Kronland Galizien ernannt. Die Inspektionsreisen des Kaisers nach Galizien und in dessen Hauptstadt Lemberg als Teile der Habsburger Monarchie waren daher etwas Normales. Erinnerungen wie diese sind heute noch sehr lebendig, sagt Zanna Komar, die Kuratorin der Ausstellung: „Galizien verkörpert eine komplizierte Beziehung zwischen Zeit und Raum, da diese manchmal real, manchmal imaginär sind. Die Geschichten, die wir uns erzählen, entfalten sich völlig unterschiedlich. So sind auch verschiedene Mythen entstanden, da die Erzählperspektiven verschieden waren.“

Für die Polen war die Teilung eine nationale Tragödie. Für die Ukrainer bedeutete sie die Wiederherstellung ihrer nationalen Identität. Der ukrainische Ort Halytsch, im Mittelalter Sitz der Könige, gab in seiner lateinischen Übersetzung Galizien seinen Namen. Was die Namen betrifft, hat Galizien auch eine wichtige politische Bedeutung für die Juden, betont Professor Jacek Purchla, Initiator der Ausstellung. Daran werden noch heute die galizischen Juden in Israel erkannt: „Das war die Mutter des Staates Israel, aber auch das Symbol des Holocausts. Mutter Israels, da viele galizische Juden dorthin ausgewandert sind. Erkennen kann man sie an den per kaiserlichem Dekret vergebenen Familiennamen wie Rosenzweig oder Feldblum.“

Man streitet über die anderen Teile des Landes – manche meinen, sie gehören nicht zu Europa. Keiner stellt jedoch den europäischen Charakter der galizischen
Ukraine in Frage.

Die galizischen Juden dominierten den Handel. Auch dank Erdöl und Eisenbahn avancierte die ärmste Provinz der Habsburger Monarchie schnell zu einer wohlhabenden Gegend. Joseph II. von Habsburg sah Galizien als Kolonie, das Land sollte Wien komplett untergeordnet werden. Dank seines späteren Nachfolgers Franz Joseph genoss Galizien ein halbes Jahrhundert später einen gewissen Autonomiestatus.

Vergangenes-Land2Die Bevölkerung schätzte die Stabilität und die Glaubwürdigkeit des Staatsapparats. Im Gegensatz zu den preußischen und russischen Teilungsgebieten war hier zum Beispiel Polnisch erlaubt. So glaubten die Polen, der Weg zu ihrer Unabhängigkeit führe über Wien. Galizien spielte in der Tat eine wichtige Rolle, als Polen 1918 wieder unabhängig wurde. Der Historiker Krzysztof Zamorski: „Von dort kamen Beamte für die neue Staatsverwaltung und Professoren für die Universitäten, aber auch ein modernes Zivilgesetzbuch.“ Der größte Erfolg der zweiten Republik Polen sei es gewesen, einen homogenen Staat geschaffen zu haben, ohne dass eine Region besonders hervorgehoben wurde, meint der Experte.

Für die Ukrainer hat Galizien dagegen vor allem eine symbolische Bedeutung, sagt Professor Mykoła Riabczuk, Literatur- und Kulturwissenschaftler aus Kiew: „Der westliche Teil der Ukraine ist sicherlich europäisch. Man streitet über die anderen Teile des Landes – Brüssel, Paris und Moskau meinen, sie gehören nicht zu Europa. Keiner stellt jedoch den europäischen Charakter der galizischen Ukraine in Frage.“

Das bestätigen auch die Bilder in der Ausstellung. Sie zeigen Altbauten und Mietshäuser, wie man sie auch in Wien oder Berlin findet, mit Cafés und ihren bürgerlichen Besuchern. Der kulturelle Raum der Innenstadt des heutigen Lemberg/Lwiw ist eher habsburgisch und magdeburgisch, weit vom  sozialistischen Realismus der Sowjetunion entfernt. Die Kuratorin Zanna Komar erklärt: „Die westukrainische Jugend ist in dieser Atmosphäre großgeworden, war von dieser Art Architektur umgeben, lebte in und mit der Café-Kultur. Das hat diese Jugend stark geprägt, deswegen fühlt sie sich auch mit Westeuropa verbunden.“ Der Mythos Galizien sei heutzutage daher am meisten in der Ukraine lebendig, ergänzt Professor Jacek Purchla: „Schon Maria Theresia stachelte die ukrainischen nationalen Hoffnungen an. Es ist kein Zufall, dass unsere Ausstellung mit dem Majdan endet.“

Die letzte ukrainische Revolution machte deutlich, dass sich ein Großteil der Ukrainer in langer Tradition immer noch westlich orientiert und sich von Russland abgrenzen will. Das bestätigen Ausstellungsbilder mit Majdan-Demonstranten, die proeuropäische Transparente halten. Ikonen, wie zum Beispiel die Personifizierung des ukrainischen Ortes Halytsch in einer goldenen Rüstung, mit einem Schwert in der Hand, stärken auch das Nationalgefühl. Damit identifizieren sich wohl heute die proeuropäischen Kämpfer der Ukraine.

An einer Stelle in der Ausstellung erklingt „La Valse“ von Maurice Ravel, ein „choreographisches Gedicht“, wie es im Untertitel heißt. Es wurde gedacht als eine „Apotheose des Wiener Walzers“. Man erkennt darin die Melodie des anfangs erwähnten Straussschen Originals. Doch der feindselig klingelnde Walzer von Maurice Ravel, mit verzogenen Tönen und „gebrochener“ Dramaturgie, ist eine musikalische Metapher auf das Ende einer Epoche. Diese bunte, vielfältige Welt verschwand mit dem Zweiten Weltkrieg, der dieses multikulturelle Amalgam zerstörte.

Die 150jährige Geschichte Galiziens ist nun seit hundert Jahren Vergangenheit. Doch der Mythos dieses paradoxen Landes hat überlebt – in Israel, in Polen und in der Ukraine.

Arkadiusz Luba (KK)

«

»