Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Vergessenes Erinnern

Am 28. August jährte sich der Deportationserlaß des Obersten Sowjets der UdSSR zu den Wolgadeutschen zum 70. Mal

In der Bundesrepublik Deutschland ebenso wie in Rußland droht ein großes historisches Kapitel im Meer kollektiver Vergessenheit zu versinken: die Siedlungsgeschichte von Millionen Deutschen im russischen Zarenreich und dessen Nachfolgestaaten sowie die Auslöschung ihrer Heimatgebiete durch die Stalinschen Deportationen von 1941 mit der Spätfolge der weitgehenden Aussiedlung ihrer einstigen Bewohner in den binnendeutschen Raum.

Der 28. August wäre das geeignete Datum gewesen, um an all das zu erinnern, denn an diesem Tag jährte sich der Deportationserlaß des Obersten Sowjets der UdSSR zu den Wolgadeutschen zum 70. Mal. Doch auch 2011 gab es keine angemessenen Trauer- und Solidaritätsbekundungen, weder in Deutschland noch in der Russischen Föderation. Letztere verweigert bis heute die Entsendung offizieller Vertreter zu entsprechenden Gedenkveranstaltungen und bekundet keinerlei Mitgefühl. Präsident Putin ging in seiner achtjährigen Amtszeit nicht ein einziges Mal auf das Schicksal seiner rußlanddeutschen Landsleute ein, und auch Amtsnachfolger Medwedjew wollte sich an einer gemeinsamen deutsch-russischen Erklärung zur Erinnerung an die Massendeportation nicht beteiligen. Das vom Verfall seines Schriftguts bedrohte ehemalige Zentralarchiv der Wolgarepublik in Engels konnte 2004 bezeichnenderweise nur dank einer großzügigen Unterstützung der Bundesregierung in Höhe von 400000 Euro erweitert und modernisiert werden.

Der 1959 in Dschambul in Kasachstan geborene, seit 1991 in Deutschland lebende und heute an der Universität Heidelberg lehrende rußlanddeutsche Wissenschaftler Dr. Viktor Krieger bemängelt in einem Memorandum zum Jahrestag am 28. August, daß in Deutschland keine einzige wissenschaftliche Institution für die rußlanddeutschen Einwohner existiere, „weder ein eigenständiges Forschungsinstitut oder Stadtmuseum noch ein nationales Archiv oder ein Bibliotheks- und Dokumentationszentrum“. Noch deutlicher wird seine Kritik beim Blick nach Osten: „Bis heute gibt es in der Russischen Föderation kein zentrales Mahnmal für die deutschen Opfer der Deportationen und Arbeitslager, kein nationales Museum und Dokumentationszentrum, keine einzige Gedenkstätte auf dem Gelände eines ehemaligen Arbeitslagers. Im Schulunterricht wird ihre Verfolgung und Diskriminierung zur Sowjetzeit kaum thematisiert. Überhaupt fehlt dem historischen Gedächtnis der russischen Nation das Bewußtsein für das tragische Schicksal ihrer Mitbürger deutscher Herkunft.“

„Ein großes Befremden“, so fährt Krieger fort, „löste indes folgende Behauptung im gemeinsamen Kommuniqué aus, das während der 17. Sitzung der Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheit der Rußlanddeutschen im westsibirischen Tomsk, 16.–17. Mai 2011, vereinbart wurde: ‚Dabei plädieren die beiden Seiten für einen ehrlichen und verantwortungsvollen Blick auf die Ereignisse vor 70 Jahren. Die Deportation der sowjetischen Deutschen muss in einem historischen Kontext als Folge des Angriffs und der Besetzung der Gebiete der UdSSR durch Hitler-Deutschland betrachtet werden.‘

Als ob die Deportationen der koreanischen Minderheit im Jahre 1937 oder der Kalmücken, Tschetschenen oder Krimtataren 1943–1944 ebenfalls als ‚Folge‘ entsprechender ‚Angriffe‘ zu rechtfertigen wären! Ergebnisse der internationalen wissenschaftlichen Forschung, die sich vor allem auf Vorarbeiten der mutigen russischen Historiker und Archivare stützen, sind übereinstimmend: für das Stalinregime war der Angriff von Hitler-Deutschland nur der willkommene Anlaß, sich einiger unliebsamer Völkerschaften zu entledigen!“

Tatsächlich ist die kollektive Verschleppung der Rußlanddeutschen aus dem europäischen Teil der UdSSR nach Sibirien und Kasachstan ein tiefschwarzes Kapitel in der Geschichte der Großmacht im Osten, das durch derartige Geschichtsklitterungen nicht aus der Welt zu schaffen ist und auch nicht allein mit der verbrecherischen Persönlichkeit Stalins erklärt werden kann. Ein Teil der Vorgeschichte ist bereits in den letzten Jahrzehnten der Zarenherrschaft und verstärkt im Ersten Weltkrieg auszumachen. Der sich rasch vergrößernde Landbesitz vor allem der schwarzmeerdeutschen Kolonisten in der heutigen Südukraine sowie die zunehmende Verbreitung des protestantischen Glaubens in der orthodoxen Bevölkerung dieser Landstriche (der sogenannte Stundismus) riefen antideutsche Pressekampagnen hervor, die durch das Unbehagen vor der wirtschaftlichen und militärischen Dynamik des wilhelminischen Deutschen Reiches zusätzlich genährt wurden.

Im Ersten Weltkrieg, den der Zar sofort zu einem „Vaterländischen Krieg“ vor allem gegen das Deutsche Reich und alle Deutschen erklärt hatte, mußten die eigenen deutschstämmigen Bürger sehr bald als Sündenböcke herhalten. Nach den vernichtenden Niederlagen in Ostpreußen wurden auf Drängen des Militärs die pauschal der Spionage verdächtigten deutschen Kolonisten, aber auch Juden aus den frontnahen Gebieten in das tiefe Hinterland zwangsumgesiedelt.

Von diesen ersten Deportationen waren Ende 1914 und 1915 rund 200000 Deutsche in Russisch-Polen, Wolhynien, Podolien und anderen Gebieten betroffen. Obwohl die Treue der Rußlanddeutschen zum Zarenregime bekannt war und etwa 250000 von ihnen als Offiziere und Soldaten gegen die Mittelmächte kämpften, entstand im Laufe des Krieges ein gesetzliches Regelwerk zur Liquidierung des deutschen Landbesitzes.

Daß es nicht schon damals noch schlimmer kam, verhinderte wohl nur die Februarrevolution von 1917 und die Machtergreifung der Bolschewiki. Insbesondere die Wolgadeutschen standen diesen in ihrer Mehrheit zunächst keineswegs grundsätzlich ablehnend gegenüber, zumal ihnen Lenins Nationalitätenpolitik das Recht auf eine sprachlich-kulturelle Eigenentwicklung samt Territorialautonomie zubilligte. So wurde die 1918 gegründete Deutsche Kommune an der Wolga 1925 zu einer Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) aufgewertet; außerdem bildeten sich nationale Landkreise (Rayons) in der Ukraine, auf der Krim, im Nordkaukasus, im Südural und in Sibirien. Obwohl angesichts der Rahmenbedingungen im zentral gelenkten kommunistischen System von einer wirklichen lokalen Selbstverwaltung nicht die Rede sein konnte, gab es einige institutionelle Errungenschaften, und die ethno-kulturelle Substanz der Deutschen im Sowjetreich schien gesichert.

Bereits Mitte der dreißiger Jahre änderte sich allerdings die Lage grundlegend. Das vom Ziel der schnellen Weltrevolution strategisch abrückende Stalin-Regime setzte fortan auf sowjetrussischen Patriotismus und rigiden Zentralismus. Man witterte überall innere wie äußere Verschwörungen und schottete sich ab. Sogenannte „feindliche Nationalitäten“ als mutmaßliche Fünfte Kolonnen ausländischer Mächte waren nun das Ziel von Massenverhaftungen und „prophylaktischen“ Deportationen. Bereits 1935 wurde das Leningrader Gebiet durch vollständige Aussiedlung der finnischen Minderheit „ethnisch gesäubert“, im Folgejahr fielen in der Sowjetukraine 69000 polnische und deutsche Grenzbewohner der Verbannung nach Nordkasachstan zum Opfer, ehe 1937 das Los der Deportation 170000 aus dem Fernen Osten nach Mittelasien umgesiedelte Koreaner traf. Im Zuge des Großen Terrors von 1937/38 starben besonders viele Angehörige der Diaspora-Minderheiten; der Anteil ermordeter Deutscher lag mit 14,7 Prozent (bei nur 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung) besonders hoch. Ein Fünftel der deutschen Männer zwischen 20 und 59 Jahren in der Ukraine kam in diesen beiden besonders schrecklichen Jahren um.

Mit dem Zweiten Weltkrieg radikalisierte sich die kommunistische Politik gegen „unliebsame“ Völker nochmals. 1940/41 traf es Hunderttausende Polen, Ukrainer, Juden, Moldauer, Esten, Letten und Litauer, die aus den annektierten Gebieten im Westen in die asiatischen Landesteile verschleppt wurden. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion und dem überraschend schnellen Vorrücken der Wehrmacht mußten die „verräterischen“ Rußlanddeutschen wiederum als Sündenböcke herhalten. Bereits Mitte August 1941 begann eine völlig unorganisierte Räumung der Krim von den dort beheimateten rund 53000 Deutschen, die zunächst in den Nordkaukasus gelangten.

Auf einer geheimen Politbüro-Sitzung vom 26. August 1941 ordnete Stalin dann die Auflösung der Autonomen Wolgarepublik und die Zwangsumsiedlung ihrer deutschen Bewohner unter Federführung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) an. Zwei Tage später erfolgte die formaljuristisch notwendige Zustimmung durch das (machtlose) Staatsoberhaupt Michail Kalinin, der im Namen des Obersten Sowjets den Ukas „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ unterzeichnete.

Der Erlaß unterstellte den Deutschen das Vorhandensein von „Tausenden und Zehntausenden Diversanten und Spionen“ in ihren Reihen, die „nach einem aus Deutschland gegebenen Signal“ Sprengstoffanschläge verüben sollten. Die Verbannung anderer rußlanddeutscher Volksgruppen beispielsweise aus den noch nicht besetzten Teilen der Ukraine, aus dem Kaukasus oder aus Großstädten wie Moskau, Leningrad und Saratow verlief in den nachfolgenden Wochen und Monaten auf der Grundlage zusätzlicher geheimer Regierungsbeschlüsse.

Bis Ende 1941 wurden im Zuge der größten Deportation der Sowjetgeschichte 794 059 Deutsche aus dem europäischen Landesteil allein aus ethnischen Gründen nach Sibirien und Kasachstan „umgesiedelt“, darunter 438 715 Wolgadeutsche. Es handelte sich um eine totale Vertreibung und Entrechtung der Opfer, verbunden mit der Ausmerzung aller ihrer kulturellen Spuren. Deutsche Hochschulen, Theater, Orchester und Bibliotheken mußten schließen, Unmengen an Büchern wurden verbrannt, und fast alle Bestände des erst 1925 gegründeten Zentralen Museums der ASSR der Wolgadeutschen in Engels sowie andere kostbare Sammlungen gingen durch unsachgemäße Lagerung oder schlichtweg durch Raub und Plünderung für alle Zeiten verloren. Deutsche Ortsbezeichnungen verschwanden, so dass es fortan an der Wolga kein Balzer und kein Mariental mehr gab, sondern nur noch ein „Krasnoarmejsk“ bzw. „Sowetskoje“.

Sämtliche rußlanddeutschen Deportierten, auch die während des Großen Terrors noch nicht ermordeten Angehörigen der politischen und kulturellen Eliten sowie die bis dahin im Felde stehenden deutschstämmigen Soldaten, kamen in entlegene ländliche Verbannungsorte. Fast alle Jugendlichen und Erwachsenen mußten in Arbeitslagern beim Eisenbahnbau, in Industriebetrieben, Bergwerken oder beim Holzfällen in den endlosen sibirischen Wäldern schuften. Keine andere Volksgruppe in der Sowjetunion wurde in dem Maße ausgebeutet wie die etwa 350000 rußlanddeutschen Zwangsarbeiter. Ihre Sterblichkeitsrate lag laut Hochrechungen aus einzelnen Lagern bei über 20 Prozent. Die bösartige kollektive Stimmungsmache gegen die „deutschen Faschisten“ dauerte jahrelang an und schwächte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nur langsam ab. Längst hatten die propagandistisch geschürten Ressentiments bei den anderen Nationalitäten Eingang in das Bewußtsein breiter Schichten gefunden und das Verhältnis zu den deutschen Mitbewohnern nachhaltig vergiftet.

Der Neubeginn der entwurzelten, in sozialer Hinsicht völlig durcheinandergewirbelten und auf sich gestellten Rußlanddeutschen war somit von einer schweren Hypothek belastet, die ihre ethno-kulturelle Zukunft im sowjetischen bzw. postsowjetischen Machtbereich außerordentlich problematisch erscheinen ließ oder sie vielleicht von vornherein unmöglich machte. Letzteres auch deshalb, weil die Führung in Moskau zu keiner Zeit willens war, die zögerliche Rehabilitierung der deutschen Opfer mit einer umfassenden Wiederherstellung ihrer Bürgerrechte einschließlich des Rechts auf Heimat zu verknüpfen. Die Aussiedlung in den binnendeutschen Raum war nur eine Frage der Zeit und der politischen Umsetzbarkeit.

Martin Schmidt (KK)

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