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Ausgaben: Ausgabe 1347.

Vergib uns, wie auch wir vergeben unsern Polizisten

Das lehrte Václav Malý die Demonstranten von 1989 in Prag beten, heute lehrt er es weltweit – und hört nicht auf zu lernen

Vergib-uns„Ich bin aufgeregt – und glücklich, dass Sie beim Sudetendeutschen Tag mit dabei sind“, hieß Monsignore Dieter Olbrich, der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde und Visitator für die Seelsorge an den Sudeten- und Karpatendeutschen, Weihbischof Malý willkommen und freute sich über die Anwesenheit von Bernd Posselt MdEP, dem Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Monsignore Karl Wuchterl, dem Vorsitzenden des Sudetendeutschen Priesterwerks, und Propst Anton Otte.

Auf die 25. Wiederkehr der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei und die in vielen Staaten immer noch schwierige Menschenrechtssituation ging in seiner Einführung Matthias Dörr, der Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde und Moderator der Veranstaltung, ein. Darüber hinaus nannte er die wichtigsten Daten aus Malýs Vita: 1950 in Prag geboren, 1976 Priesterweihe, 1977 Unterzeichnung der Charta 77und 1981/82 deren Sprecher, 1979 Berufsverbot – Tätigkeiten u. a. als Heizer und Raumpfleger, Verhöre und Verhaftung durch die Polizei, 1989 Moderator bei den Kundgebungen im Rahmen der Samtenen Revolution, seit 1996 Prager Weihbischof und Engagement für Menschenrechte.

„Der Glaube war sehr wichtig, er war und ist der Grund des Lebens“, stellte Malý gleich zu Beginn seiner Erläuterungen fest. Er wurde in eine katholische Familie hineingeboren, die sich – im Gegensatz zu vielen anderen – von den Repressionen durch das kommunistische Regime in den 50er Jahren nicht vom Glauben abbringen ließ. Sein Vater musste den Lehrerberuf aufgeben, Václav Malý selbst war eines Tages der einzige Ministrant in der Pfarrei – aber der Glaube als „lebendige Beziehung zum lebendigen Gott“ wurde nicht verleugnet. Angesichts dieser Erfahrungen entwickelte sich beim heutigen Weihbischof der von den Eltern empfangene Glaube weiter.

Seine ursprüngliche Absicht, nach dem Abitur Archäologie zu studieren, revidierte Malý in Richtung Theologie. „Kurz nach dem Prager Frühling war noch eine freiere Atmosphäre in der Gesellschaft, es gab keine Probleme, Theologie zu studieren“, nennt Malý einen Grund für seine im April 1969 getroffene Entscheidung. Ein anderes Motiv war die Tatsache, dass sich die Haltung der Lehrer an der Hochschule nicht verändert hatte und sich das Leben zunehmend in eines in der Öffentlichkeit und eines in der Familie aufspaltete. Darin sah er im Priesterberuf eine wichtige Aufgabe: die Leute zu ermuntern, „wieder eine Überzeugung, einen festen Standpunkt im Leben zu haben“. Die Freiheit trotz politisch-gesellschaftlicher Repressionen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, das war Malýs zweite Motivation. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte er das Studium in Leitmeritz absolvieren, mit der Priesterweihe im Jahr 1976 als Abschluss.

Wegen Protesten gegen die Friedenspriester („Pacem in terris“) musste er zwei Monate auf die staatliche Genehmigung zur Ausübung der Priestertätigkeit warten. Als Kaplan wirkte er dann in einer Kleinstadt 60 Kilometer südlich von Prag, in dieser Zeit schloss er sich der Charta 77 an. Das hatte zur Folge, dass während seiner zweiten Kaplanstelle in Pilsen seine staatliche Genehmigung aberkannt wurde. Von einer „Untergrundkirche“ will der jetzige Weihbischof nicht sprechen, die Bibelkreise, Messen und Vorbereitung auf die Sakramente vollzogen sich in Kleingruppen in privaten Wohnungen. Sein Leben war damals geprägt von Verfolgung durch die Staatspolizei, religiösen Aktivitäten in Wohnungen und der Arbeit in der Charta 77 (Komitee zur Verteidigung ungerecht Verfolgter). Vor allem die letztgenannte Aktivität war mit den Werten Demokratie, Respekt und Menschenwürde verbunden, „eine Schule auch für die Zeit nach der Wende“, so der Weihbischof im Rückblick.

Der Kardinal hat mich aus dem Büro rausgeworfen, in dem ich jetzt sitze! Das ist ein Teil der Geschichte der katholischen Kirche in der Tschechoslowakei.

Mit Humor erzählte er, dass dem damaligen Prager Kardinal František Tomášek dieses Engagement Malýs nicht ganz recht war. „Er hat mich aus dem Büro rausgeworfen, in dem ich jetzt sitze ich im selben Büro! Das ist ein Teil der Geschichte der katholischen Kirche in der Tschechoslowakei.“ Für Václav Malý war das Politik im Sinn einer „bürgerlichen Verantwortung für das Gemeinwohl“. Und auch für die Vertiefung seines Glaubens war diese Zeit wichtig – trotz Berufsverbot als Priester und Tätigkeiten als Heizer in zwei Prager Hotels, als Toilettenputzer, rund 250 Verhören, sieben Monaten Haft und grober Behandlung durch die Staatspolizei, Verlust des Führerscheins und des Passes, der Bewachung seines Hauses. Das Angebot zur Emigration lehnte er auch wegen seiner Priestertätigkeit ab. Etwas Schutz boten seine Kontakte zu internationalen Journalisten und Diplomaten, die ihn immer wieder besuchten.

Trotz der politischen Rahmenbedingungen Ende der 80er Jahre (Druck Reagans auf die Sowjetunion, die Menschenrechtsfrage ernst zu nehmen, Glasnost und Perestroika, Pontifikat Johannes Pauls II.) ist für Malý der Umbruch in der Tschechoslowakei plötzlich gekommen. Ein Faktor für ihn waren aber die unabhängigen Menschenrechtsbewegungen in mehreren Ostblock-Staaten, die mit dem Runden Tisch in Polen die bekannten weiteren Entwicklungen im Jahr 1989 auslösten. Für den Weihbischof war die wirtschaftliche Lage in seinem Land im Herbst 1989 nicht so gravierend, dass sie Demonstrationen ausgelöst hätte. Die Proteste sieht er eher im Kontext der veränderten internationalen Lage, der Situation im kommunistischen Lager und in der Gesellschaft der CSSR. Überraschend für ihn war die breite Unterstützung – darunter ca. 10 000 Arbeiter, obwohl der Großteil der Führungsleute der Demonstranten in der Bevölkerung unbekannt war. „Das war der Bruch, es war nicht mehr nur eine Sache der Antikommunisten“, schilderte Malý, der die Demonstrationen als Moderator begleitete und auch das Vaterunser betete mit dem Hinweis auf die darin enthaltene Bitte um Vergebung, was konkret den Polizisten galt. Dass die Wende friedlich ablief, begründete er mit der Tatsache, dass die Wirtschaft durch die Demonstrationen nicht behindert war. Aber auch die strikte Gewaltlosigkeit seitens der Demonstranten war für Malý ein Grund für den friedlichen Verlauf.

Heute sind, so der Weihbischof, diese Ereignisse vielfach vergessen – auch wegen der aktuellen Situation mit sozialen und politischen Problemen (Beschäftigung, Rechtssystem). „Bisher fehlt eine strukturierte Bürgergesellschaft“, analysierte Malý den Ist-Zustand in Tschechien mit handelnden Politikern auf der einen und ohnmächtigen Bürgern auf der anderen Seite. Daher rührt auch eine „Laune gegen die EU“, führte er weiter aus und riet der Kirche, sich mehr zu öffnen.

Denn in Tschechien suchen viele Menschen zwar nach geistlichen Erlebnissen, wollen sich aber nicht an eine Struktur oder Religion binden, sondern ihre eigene Mixtur aus verschiedenen Angeboten zusammenstellen. Malý sieht die katholische Kirche im Tschechien der Zukunft weniger als Volkskirche, sondern als eine Kirche kleiner aktiver Gruppen, aus denen kleine Gemeinden mit spirituellen Erfahrungen geschaffen werden können. Parallel dazu ist für ihn eine positive Präsentation der Kirche in den Medien nötig.

Seine Erfahrungen als politisch Verfolgter bringt der Weihbischof in sein Engagement für Menschenrechte ein – in Kuba, China, Weißrussland, Tschetschenien, Irak usw. „Ich bin Christ, der zu den anderen Verfolgten geht und Solidarität ausdrückt“, beschreibt er diesen Teil seiner Tätigkeit, den er eher als Privatmann ausübt. Er will bei seinen Reisen zuhören, die Lage kennenlernen und ganz normalen Menschen, die Verfolgung erleiden, begegnen.

„Ich danke Gott, dass ich in Europa lebe“, fasste Weihbischof Malý nach der Schilderung einiger Beispiele diesen für ihn selbst so lehrreichen Aspekt seines Wirkens zusammen.

Markus Bauer (KK)

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