Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1396.

Verheerende Zuversicht

Die tschechoslowakische „Maginot-Linie“

Erratisch, hässlich bis lächerlich wie alles wehrtechnische Beginnen – im Rückblick: Ladislav Solc, Panzersperren in der ehemaligen Grenzzone bei Heiligkreuz, Egerland Bild: KünstlerGilde

Tschechen hegen abergläubische Furcht vor Olympiastädten mit M (Melbourne, Mexiko, München, Moskau), weil die meist Unglück verhießen. Und sie scheuen Jahreszahlen auf Acht, weil die ihnen Unglück gebracht haben: 1938 mit dem unglücklichen Münchner Abkommen, 1948 mit dem kommunistischen „Putsch von Prag“, 1968 mit dem Überfall der kommunistischen „Bruderländer“. Schon die tschechoslowakische Staatsgründung 1918 stand unter keinem glücklichen Stern, befand General Eugène Mittelhauser (1873–1949), langjähriger Chef der französischen Militärmission in Prag: „In aller Welt gibt es kein zweites Land, dessen Grenzen so schlecht zu verteidigen sind wie die der Tschechoslowakei. Sie hätte solche Grenzen nie bekommen, herrschte nicht die allgemeine Überzeugung, es würde keinen Krieg geben.“

Stärkste Friedensgarantie war in tschechischen Augen die Schwäche Deutschlands, angesichts derer die eigenen verletzlichen Grenzen nicht sonderlich ins Gewicht fielen, obwohl sie auf drei Seiten zu Deutschland bestanden. Insgesamt maß die tschechoslowakische Luftlinie West–Ost 980 km, die längste Nord-Süd-Linie 240 km. Die Tschechen (6,4 Millionen 1930) spürten die potentielle Gefahr dieser Lage, weshalb ihre Politiker wie Masaryk und Kramár, Militärs wie Hanuš Kuffner (1861–1929) und andere abenteuerliche geopolitische Pläne entwarfen: „Donau-Staat“ Tschechoslowakei, tschechoslowakisch-serbischer Staatenbund, Deutsche in einem „Reservat“ etc. Solche Pläne drängten Deutschland auf die Seite antitschechoslowakischer Nachbarn – nur Rumänien spürte keine Aversion gegen Prag, desto ärger war sie in Polen, der Sowjetunion, Ungarn, Österreich. 1938, genau vor 80 Jahren, hätte das „goldene Prag“ registrieren müssen, dass es infolge eigener Fehler keine Freunde hatte. Das tat es jedoch nicht, es unterschätzte seine Gegner, etwa Polen, das Terroristen seiner „Olsa-Legion“ nach Nord-Mähren schickte, und es überschätzte seinen einzigen Verbündeten Frankreich, dessen „Maginot-Linie“, benannt nach dem Kriegsminister André Maginot (1877–1932), gegen Deutschland trügerische Sicherheit verhieß.

„In aller Welt gibt es kein Land, dessen Grenzen so schlecht zu verteidigen sind wie die der Tschechoslowakei. Das nur wegen der Überzeugung, es würde keinen Krieg geben.“

Kluge Tschechen wie der Historiker Emanuel Rádl (1873–1942) warnten ihre Landsleute: Die Deutschen waren nie fremde „Kolonisten“ in Böhmen, vielmehr bildeten sie seit ihrem Eintritt in die Regionalgeschichte mit den Tschechen eine ethno-linguale Einheit. Ihre gegenwärtige Schwäche werden sie überwinden, den Versailler Vertrag „korrigieren“, Österreich „anschließen“, das einst gegen Deutschland als „Waffe“ genutzte „Nationalitätenprinzip“ könnte zur „Waffe gegen die Tschechoslowakei“ werden, „deren Bevölkerung zu einem Viertel deutsch ist“. Ähnlich prophezeiten liberale deutsche Blätter wie Leopold Schwarzschilds „Tagebuch“ oder Maximilians Hardens „Zukunft“ der Tschechoslowakei ein nicht zu fernes „Ende“, falls sie fortfahre, die 2,4 Millionen Slowaken als zweites „Staatsvolk“, die 3,4 Millionen Deutschen aber als „nationale Minderheit“ zu bezeichnen und zu behandeln. Prag überhörte die Mahnungen selbst dann noch, als 1933 in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht übernommen, 1934 mit Polen einen Vertrag geschlossen und im März 1938 Österreich „angeschlossen“ hatten. Tschechen und Slowaken glaubten sich militärisch weit überlegen: 1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, und die Armee hätte im Notfall über 1,5 Millionen Soldaten aufbieten können, denen 1,2 Millionen Sturm-, 62 000 Maschinengewehre, 36 000 gepanzerte Fahrzeuge, 469 Panzer und 568 Kampfflugzeuge zur Verfügung standen.

Mitunter empfand man Angst vor Deutschen, gegen die 1936 in allen Grenzgebieten „Staatsschutz-Abteilungen“ (SOS) aufgestellt worden waren. Seit Anfang Mai 1938 betrieb die deutsche Presse massive antitschechoslowakische Propaganda, am 18. und 19. Mai 1938 kam es laut Medienberichten entlang der sächsischen und bayrischen Grenze zu deutschen Truppenkonzentrationen („Mai-Krise“), die die tschechoslowakische Armee in der Nacht zum 20. Mai mit einer Teilmobilmachung beantwortete. Zu den regulären Armeeangehörigen kamen noch 30 Bataillone von Zoll, Gendarmerie und Polizei. Der Mobilmachungsplan von 1936 sah ein Aufgebot von 972 747 Mann vor, darunter 192 844 Deutsche. Dass die Hälfte der Wehrpflichtigen deutscher Nationalität der Mobilmachung nicht folgten, war in jedem Fall bezeichnend und eine indirekte Bestätigung tschechoslowakischer Fortifikation.
Prag hielt sich an das Beispiel der Maginot-Linie, die die Franzosen ab Ende der 1920-er Jahre erbaut und deren Pendant die Tschechen ab 1933 geplant und ab 1935 gebaut hatten. Als am 23. September 1938 Deutschland, England, Frankreich und Italien das Münchner Abkommen schlossen, durch welches die Tschechoslowakei ganze 29 140 Quadratkilometer als „Sudetengau“ verlor, staunte alle Welt, wie rasch und restlos die Enkel des „braven Soldaten Schwejk“ kapituliert hatten: Ihre Waffen, Geschütze, Flugzeuge etc., die im März 1939 an die Deutschen übergeben wurden, erweckten bei diesen einiges Unverständnis und sogar Verblüffung: „… und die haben sich ergeben!“

Das galt erst recht für die tschechoslowakischen Grenzbefestigungen. Die französische Maginot-Linie war sozusagen „für die Ewigkeit“ konzipiert und gemacht, denn sie sollte das Land vor dem „alten und künftigen Feind Deutschland“ schützen. Ganz anders die tschechoslowakischen Befestigungen, die im Norden, Westen und Südwesten besonders solide ausgeführt worden waren und nur so lange vorhalten sollten, bis die Mobilmachung in vollem Umfang lief. Darin war man sich ganz sicher: Die Festungsbesatzungen waren Eliteeinheiten, bestens ausgebildet und kampfbereit. Zudem waren sie „kostengünstig“, wie Festungsexperte General Karel Husárek (1893–1972) vorrechnete: Um deutsche Divisionen aufzuhalten, seien 600 000 Mann nötig. In Festungen untergebracht, reichten 165 000 Mann, deren Feuerkraft und Munitionsbedarf besser zu berechnen und effizienter zu planen seien.

P.S. In dem Kölner Forschungsinstitut, in dem ich bis 2000 tätig war, stand in der Bibliothek der imposante „Tschechoslowakische Militäratlas“, der die alten Festungen exakt verzeichnete. Dass sie wertlos waren, als 1938 die Tschechoslowakei von Édouard Daladier (Frankreich), Neville Chamberlain (England) und Benito Mussolini (Italien) an Hitler ausgeliefert wurde, ist längst historisches Allgemeinwissen. 1936 gab es nur einen Experten, der Festungsbauten nicht viel zutraute, den französischen Oberst Charles de Gaulle. In einer Unterredung mit Premier Léon Blum redete er Klartext: „Nichts ist so wenig sicher wie das, was Sie gerade loben. Schon 1918 gab es keine unüberwindliche Linie, und seither sind Panzer und Flugzeuge auf den Plan getreten. Selbst die machtvollste Linie wird durch konzentrierte Schläge von Panzern und Flugzeugen durchbrochen. Wenn es dazu kommt, wird unsere befestigte Linie von Massen deutscher Panzer und Flugzeuge eingedeckt. Wenn wir dem nichts entgegensetzen können, wird alles verloren sein.“ Prophetischer Oberst: Genau so kam es 1940.

Wolf Oschlies (KK)

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