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Ausgaben: Ausgabe 1346.

„Verrückt, aber ungewöhnlich verrückt“

Der Erstling des Architekten Erich Mendelsohn in seiner Heimatstadt Allenstein ist wiedererstanden

verrückt1„Mendelsohns Bet Tahara in Olsztyn/Allenstein, das ist sozusagen sein Debütwerk, das er als Student gemacht und in seinen Werklisten lange verschwiegen hat“, erklärt Ita Heinze-Greenberg, Kunsthistorikerin und Mendelsohn-Spezialistin. „Dieses Projekt hat an revolutionärem Geist natürlich keinen Bestand neben dem Einsteinturm.“

Allerdings: Bevor der Einsteinturm in Potsdam erbaut wurde, stand Mendelsohns Erstlingswerk schon sieben Jahre lang in Allenstein. Hier hat alles begonnen.
Ich laufe durch das heutige Allenstein und bleibe eine Weile am neuen Rathaus stehen. Die Spieluhr schlägt eine volle Stunde und spielt die heutige Ermland-Hymne: „O, Warmio moja miła“. Die Hymne von Ermland, einst südliches Ostpreußen, gibt den Charakter dieses Landes und seiner Leute wieder: heterogen und kosmopolitisch, der Region verbunden und integriert.

Das war um die Jahrhundertwende nicht anders, wie viele Quellen belegen. 1812 stellte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen durch sein „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate“ 30 000 Juden der christlichen Bevölkerung rechtlich weitgehend gleich. Bis zum Zweiten Weltkrieg wohnten sie hier friedlich mit Deutschen, Polen, Masuren und Ermländern zusammen.

Vor zweihundert Jahren, 1813, kamen die ersten jüdischen Siedler nach Allenstein. Die meisten von ihnen stammten aus dem Grenzgebiet zwischen Großpolen und dem Danziger Pommernland. Die größte jüdische Gemeinde Ostpreußens war in Königsberg. In Allenstein lebten über 600 Personen jüdischen Glaubens und machten ca. zwei Prozent der Stadtbevölkerung aus. Die deutschen Juden hier waren reich, emanzipiert, hervorragend organisiert und in die einheimische Bevölkerung integriert, meint der Historiker Rafał Betkowski: „Die Stadtpforten wurden nicht für alle geöffnet. Gern gesehen waren wohlhabende, ausgebildete Juden, die schon Vermögen besaßen und Deutsch sprachen. Sie revolutionierten den Handel. Sie vergaben Kredite, verkauften Manufakturprodukte und pflegten den Direktvertrieb.“

Zu ihnen gehörte die Familie Mendelsohn. Der Familienvater betrieb an der Ecke des alten Marktplatzes ein Geschäft für Herrenbekleidung und Lederwaren. Der geschätzte Bürger war Führer der freiwilligen Feuerwehr und Vorstandsmitglied des Kriegervereins. Seine Kontakte reichten über die jüdische Gemeinde hinaus bis zum Stadtrat. Diesen Beziehungen sei es zu verdanken, dass sein Sohn das Reinigungshaus, das Bet Tahara, neben dem jüdischen Friedhof bauen konnte. „Der damalige Gemeindevorsitzende Dr. Isaac Kamnitzer war mit Mendelsohns Vater eng befreundet“, erklärt Betkowski. „Das Reinigungshaus wurde am 5. September 1913 von Mendelsohn persönlich eröffnet, es wurde zu einem Jahresereignis in Allenstein. Kamnitzer erhielt die Schlüssel, die er dann dem Regierungsvertreter überreichte.“

Der gewiefte Student nutzte sein Allensteiner Projekt gleich zweifach. Er reichte die Pläne seinem Münchner Professor für Baustilkunde ein. Jahre später erinnerte er daran in seinem Vortrag „Zur Entwicklung der zeitgenössischen Architektur“: „Als Student weigerte ich mich, irgendetwas Historisches zu zeichnen. (…) Als Renaissanceaufgabe lieferte ich meinen ersten wirklichen Bau – (…) in meiner Heimatstadt –, über den mein Professor sagte, er habe nichts mit Renaissance zu tun, ihn aber doch großzügig als ‚verrückt, aber ungewöhnlich verrückt‘ akzeptierte.“

Dreißig Jahre lang diente das Mendelsohnsche Reinigungshaus der jüdischen Gemeinde in Allenstein. Nach der Auflösung des Ghettos wurden die hiesigen Juden 1943 in Konzentrationslagern vernichtet. 1952 übernahm das polnische Staatsarchiv das Gebäude und blieb bis 1996. Zehn Jahre lang stand daraufhin das Reinigungshaus leer und verfiel. „Es war eine Bruchbude“, verrät mir ein Obdachloser. „Man hat sich hier mit Kumpels getroffen und Bier getrunken“, sagt er.

Seit 2005 kümmert sich die Kulturgemeinschaft Borussia um das gesamte Objekt. Bis vor kurzem entmüllte und sicherte man das beinahe komplett ruinierte Reinigungshaus. Die Renovierungsarbeiten standen unter der Aufsicht der Denkmalpflegerin Julia Martino. Sie wollte die Struktur des Reinigungshauses so wenig wie möglich verändern, die vorhandene Bausubstanz bewahren und seine Schönheit zur Geltung bringen: „Es ist nicht viel übrig geblieben von dem Original“, bedauert sie. „Wichtig war es also für mich, den einmaligen Putz sowie die vielfarbigen Wandmalereien zu retten und die Tür- und Fenstertischlerei zu rekonstruieren. Auch die Terrazzofliesen brauchten viel Zuwendung“, erzählt Martino und wühlt in einem Plastikeimer mit Mosaikglas.

verrückt2Es gab Überraschungen in ihrer Arbeit. Unter einem Trümmerhaufen in der Nähe des Reinigungshauses fand Martino goldene, kobaltblaue und smaragdgrüne Mosaikstücke sowie vielfarbige Simsfragmente. Sie sind von den Innenwänden abgelöst und weggeworfen worden, bevor das Staatsarchiv hier einzog. Trotz der vierzig Jahre unter der Erde haben sie ihre intensiven Farben bewahrt, freut sich die Denkmalpflegerin: „Die blauen und die grünen Mosaike schmückten die Stützen; die goldenen bildeten einen Spruch Salomons aus der Bibel: „‚Sicherlich gibt es eine Zukunft, deine Hoffnung wird nicht zerschlagen.‘ Gold hat dessen Bedeutung unterstrichen“, erklärt Martino.

Das Geld kam von der Stadt Olsztyn und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Freiwillige aus Polen, Deutschland und Russland halfen bei den Renovierungsarbeiten. Eine von ihnen war Marianne Zygota aus Gütersloh. Sie erinnert sich gerne an das Tahara-Haus und zeigt es ihrer Familie, die gerade zu Besuch ist: „Jeder Mosaikstein steht für einen Freiwilligen, der in den letzten Jahren hier war. Das ist unglaublich, was wir da rausgeholt haben. Von außen sieht man nicht, wie schön das Gebäude ist, wie schön die Innenarchitektur ist. Und man glaubt gar nicht, wie hoch die Decken sind. Das sieht man von außen alles gar nicht. Man denkt, das ist einfach ein ganz normales Gebäude.“

Mendelsohn definierte sich als „Orientale aus Ostpreußen“ und fühlte sich den beiden Welten zugehörig. Die verwendeten Farben spiegeln die Kultur des Ostens wider. Das Tahara-Haus in Allenstein sehe sowieso sehr jüdisch aus, meint Edan Sultán, Architekturstudent aus Tel Aviv, den ich bei meiner Recherche in Israel treffe: „Zuerst die floralen Mosaikmuster. An vielen Orten gibt es den Davidstern. Die Symbolik der Innengestaltung ist daher jüdisch. Es gibt aber auch architektonische Züge, die jüdisch sind. Vor allem die gewölbte Decke und die zwölf schmalen Fenster, die die zwölf Stämme Israels verkörpern.“

Das vor kurzem neueröffnete Tahara-Haus ist heute ein Zentrum für den interkulturellen Dialog und Sitz der angesehenen Kulturgemeinschaft Borussia. Seminare, Jugendtreffen, Lesungen finden hier statt. Eine solche Verwendung wünschte man sich für jedes jüdische Gebäude, sagt Monika Krawczyk, die Direktorin der Stiftung zum Erhalt des jüdischen Erbes, rechtliche Verwalterin des Hauses: „Die Angebote der Kulturgemeinschaft Borussia sind lobenswert und anregend. Ohne solche Nichtregierungsorganisationen, die sich auch für das jüdische Erbe in Polen interessieren, wären wir nicht in der Lage, uns kontinuierlich um all die von uns renovierten Gebäude zu kümmern.“

Unter den knapp 50 von Mendelsohn realisierten Bauwerken befinden sich unterschiedlichste Formen. Auch ihre Funktionen sind verschieden: von Kauf- und Bürohäusern über Villen, Bibliotheken und Fabriken bis hin zu Universitäten und Synagogen. Das Haus der Reinigung und das Gärtnerhaus auf dem jüdischen Friedhof Allenstein hat Mendelsohn in seinem Werkverzeichnis nie erwähnt. Seine Biographin Ita Heinze-Greenberg ahnt den Grund: „Ich glaube nicht, dass er sich für sein Frühwerk geschämt hat, das hat sicherlich allein einen sozusagen didaktischen Grund. Wenn man so einen Einsteinturm als Debüt setzt, dann markiert man damit natürlich auch eine Karriere. Da bricht jemand auf zu neuen Ufern; und das ist ein faszinierendes Debüt, gleichsam ein Paukenschlag, allein schon der Name des Bauherrn Einstein.“

In Allenstein verbrachte Mendelsohn die ersten zwanzig Jahre seines Lebens, die ihn geprägt haben. Er ging dann nach Berlin und München studieren und arbeitete danach selbständig als Architekt. Der Einsteinturm, den er nach dem Ersten Weltkrieg in Potsdam baute, brachte ihm Ruhm und weitere Aufträge.

1933, als die Nazis an die Macht kamen, musste er ins Exil gehen. Der Weg führte ihn über Holland, England und Palästina schließlich in die USA. Um das Land kennenzulernen, bereiste er es intensiv, immer mit einem Zelt unterwegs. Mit einem Zelt – dem Symbol der Freiheit und der ewigen Bewegung. Stets betonte er seine Bindung ans Ermland: „Als jemand, der in einem kleinen landwirtschaftlichen Städtchen geboren wurde, inmitten der Felder und Wälder, lernte ich langsam zu atmen sowie Sonne und Regen als sich ergänzende natürliche Ereignisse hinzunehmen. Da mir klar wurde, dass hohe Bäume eine lange Wachstumszeit benötigen, lernte ich in großen Perioden zu denken und das öffentliche Geklapper unseres Geschäfts wie auch das Geschwätz persönlicher Eitelkeit zu meiden.“
Ob in Deutschland, England, Palästina oder Amerika, Mendelsohn blieb ein Ostpreuße. Das aber ist schon eine andere Geschichte.

Arkadiusz Łuba (KK)

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