Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1291.

Verschattung bourgeoisen Glanzes

Es handelt sich hier umd die Erinnerungen von Peter Spiro, dem 1918 geborenen Sohn des Malers Eugen Spiro (1874 Breslau – 1972 New York), an seinen einst berühmten Vater und seine weitverzweigte jüdische Familie, der z. B. die Künstler Balthus und Pierre Klossowski entstammten, ferner Reminiszenzen an Gerhart Hauptmann und Hans Purrmann, an Hiddensee und Salem, die goldenen Zwanziger Jahre und das bittere Exil – ein berührendes Dokument einer untergegangenen Welt, verfaßt von einem der letzen Zeitzeugen.

Thomas Mann, den Eugen Spiro porträtierte, hob 1944 in einem Katalogtext einer New Yorker Galerie Spiros „frühere angesehene Position in Deutschland als einer der Führer der Berliner Secession“ und auch sein „europäisches Prestige als vielleicht der begabteste und phantasiereichste Schüler und Erbe des französischen Impressionismus“ hervor.

Obwohl Spiro mit Liebermann, Corinth, Slevogt und Lesser Ury zu den führenden deutschen Impressionisten gehörte und sich Gemälde von ihm in bedeutenden internationalen Museen befinden, obwohl er zu den gefragtesten Porträtisten der Weimarer Republik zählte und auch auf zahlreichen Malreisen wunderschöne Landschaftsszenen schuf, ist er heute weitgehend unbekannt. Seit langem gibt es kein Buch, keinen Katalog in Deutschland zu ihm, so daß diese reich bebilderte Publikation eine Lücke schließt.

Es war eine Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs, eine Zeit der Suche und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in die Peter Spiro hineingeboren wurde. Am 16. Mai 1918 erblickte er als Sohn des bekannten Porträt- und Landschaftsmalers Eugen Spiro in Berlin das Licht der Welt.

Es war ein glänzendes Milieu. Man gehörte zum Großbürgertum, hatte namhafte Künstler, reiche Industrielle und erfolgreiche Politiker zu Freunden, war mit Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Hans Purrmann und Leo von König bekannt und genoß das Hauptstadtklima Berlins. Im Sommer fuhr die Familie auf die Prominenten-Insel Hiddensee, auf der sich die Großeltern Saenger-Sethe ein Haus gebaut hatten, Reisen nach Frankreich, Italien und in die Schweiz gehörten zum Jahresprogramm.

Peter Spiro erinnert sich. Und da kommt, wenn man wie er in geistiger Frische 91 Jahre alt geworden ist, einiges zusammen: der Kauf des ersten Radios, das ihn mit heute noch unvergessenen Schlagern bekannt machte wie „Ausgerechnet Bananen …“, „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt’ …“, der Charlottenburger Lunapark, die jährliche große Ausstellung der Berliner Secession – sein Vater war jahrelang deren Präsident.

Er erinnert sich an die Spiele im Kinderzimmer mit seinen Cousins Pierre Klossowski und Balthus, von welchen letzterer später als Maler Weltruhm erlangen sollte. Vor allem aber sind ihm Begebenheiten präsent, die Geschichte machten und bis heute unser Leben bestimmen. Da sind die Strömungen und Gegenströmungen in der Weimarer Republik, die Wahlaufrufe der Sozialisten und der Deutschnationalen Volkspartei, die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten, die ersten NSDAP-Aufmärsche, der Rücktritt Heinrich Brünings als Reichskanzler und Franz von Papens „Marburger Rede“ und die Einführung des Hitler-Grußes in der Öffentlichkeit. Die zum Klischee gewordenen „Goldenen Zwanziger“ in Berlin bekommen durch die Aufzeichnungen Peter Spiros ein anderes Gesicht, nämlich das der Hauptstadt eines Deutschlands, das sich quer durch alle Parteien vor allem gegen den als Schande empfundenen und wirtschaftlich untragbaren Versailler Vertrag auflehnt.

Peter Spiro besucht die Herder-Schule in Berlin, später eine der Salem-Schulen, Schloß Spetzgart am Bodensee, und schaut fasziniert auf das erstarkende Deutschland. Als Kind einer jüdischen Familie lernt er bald jedoch die Kehrseite kennen, den Rassenhaß der Nazis, die seinen Vater aller Ämter entheben und ihm Mal- und Ausstellungsverbot erteilen.Wie so viele saß auch Peter Spiro „zwischen den Stühlen“ – bis es 1935 die politischen Umstände notwendig machten, Deutschland zu verlassen. Zwar fand die Familie dank prominenter Fürsprecher eine adäquate Bleibe in Paris, doch die Künstlerkarriere seines Vaters war unterbrochen. Politisch brodelte es auch in Frankreich. Was Rang und Namen hatte, war aus Deutschland geflohen und richtete sich in Paris ein. 1940 bot auch Frankreich für Juden keine Sicherheit mehr: Peter, inzwischen Student in England, beschreibt die dramatische Flucht seiner Eltern über Marseille, Spanien und Lissabon nach New York.

Ein Schicksal, wie es turbulenter kaum sein kann. Ein Leben, das geprägt ist durch die respektvolle Erinnerung an die beiden Großväter, den Breslauer Rabbi Abraham Baer Spiro und den Vater seiner Mutter Elisabeth, Samuel Saenger, Diplomat und Lektor des S. Fischer-Verlages. Einen großen Raum nehmen die Erinnerungen an den Vater Eugen ein, an dessen Kunst und an dessen Maler-Kollegen. Peter Spiro selbst – im Brotberuf war er Ingenieur – malt auch und ist stolz auf seine Tochter, die Malerin Elizabeth, in deren Arbeiten das Spirosche Talent fortlebt.

Peter Spiro beschreibt eine für Deutschland glanzvolle und ebenso dramatische Zeit, die sich so nie wiederholen wird. Seine Mutter hatte recht, als sie am Ende ihres Lebens nach der Schilderung ihres Sohnes vom wiederaufgebauten Berlin traurig sagte: „Das gibt es wieder und das gibt es wieder, alles gibt es wieder, nur uns gibt es nicht wieder.“

(KK)

Peter Spiro: Nur uns gibt es nicht wieder. Erinnerungen.  Edition Memoria, Hürth 2010. 160 Seiten, 29,80 Euro. Bestellung bei Thomas B. Schumann, Kiefernweg 11, D-50354 Hürth, Telefon und Fax 0 22 33-6 72 82

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