Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Versehrung und Verständigung

Deutsche und tschechische Jugendliche setzen sich für die verfallene Wallfahrtskirche Maria Stock ein

„Im Dunkel einer verlassenen Kirche setzen wir Licht-Zeichen unseres Glaubens als Ausdruck der Hoffnung.“ Das wünschten sich neben 50 deutschen und tschechischen auch einige slowakische Jugendliche sowie viele Erwachsene in Maria Stock/Skoky bei Luditz/Zlutice im Kreis Karlsbad/Karlovarsko in Tschechien beim Festival „LichtZeichen“. Und es gibt Hoffnung, daß die verfallene und in den letzten Jahren oft von Dieben heimgesuchte Kirche wieder mit Leben gefüllt wird. Einen Anfang machten schon mal die Jugendlichen.

Unmittelbar im Anschluß an das jährlich seit 1996 von der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde und dem tschechischen Jugendverband Rytmika Sumperk hier durchgeführte Zeltlager – dies lief ab 4. August – konnten sich die Gäste aus Deutschland, Tschechien (vor allem aus der Region) und von einer slowakischen Partnergruppe einen Eindruck von den während des Zeltlagers geleisteten Arbeiten der Jugendlichen machen. Sie erhielten aber auch Informationen über die Wallfahrtskirche und konnten in Arbeitskreisen verschiedene Themen diskutieren.

Am Beginn des zweitägigen Festivals stand ein Gottesdienst unter freiem Himmel. Danach konnten das Gotteshaus und dessen Umfeld besichtigt sowie ein Film über Maria Stock angesehen werden. Bis 1717 geht in dem 30 Kilometer östlich von Karlsbad gelegenen Wallfahrtsort das kirchliche Leben zurück. Die barocke Kirche wurde 1738 eingeweiht, bis 1945 lebten in dem Dorf etwa 170 Personen, vor allem Deutsche. Nach deren Vertreibung und einer kurzen Neubesiedlung des Ortes wurden alle Häuser bis auf die Kirche und das ehemalige Gasthaus abgerissen. Doch auch nach 1989 wurde die mitten in der Natur „verinselte“ Kirche mehrmals ausgeraubt, nur wenige Kunstschätze konnten in Sicherheit gebracht werden. Als es nichts mehr zu stehlen gab, kam es zum Vandalismus. Trauriger Höhepunkt: Im Herbst 2006 sägten drei junge Männer – alle um die 17 Jahre jung – die Kuppel des Daches ab, um das Kupfer zu stehlen. Auf Veranlassung des Bistums Pilsen wurde die Wallfahrtskirche schließlich zugemauert, damit es nicht zu weiteren Diebstählen und Vandalenakten kam. Für eine Woche war das Gotteshaus nun wieder offen, um in ein besonderes Licht gestellt und mit Leben gefüllt zu werden.

Erster Höhepunkt war ein Konzert des Prager Liedermachers Petr Linhart in der Kirche. „Zwei Türme halten sie mit Macht. Mit krummen Kreuzen auf dem Dach. Die Zeit springt in den Abgrund grau, Maria Stock, meine schöne Frau“, sang Linhart im Lied „Maria Stock“. Von seiner CD „sudéta“, die sich mit dem Sudetenland beschäftigt, brachte er viele Lieder, „Maria Stock“ trug er eigens zu diesem Anlaß erstmals in deutscher Sprache vor.

Der im nahen Ort Touzim beheimatete Verein „Pod Strechou“ will einen Wallfahrts- und Lehrpfad „Maria Stock“ schaffen. Der Vorsitzende Jiri Schierl präsentierte dieses Vorhaben, das kulturelle, touristische, naturschutzbezogene und religiöse Elemente beinhalten soll. Unterstützt vom Prämonstratenserklosters Tepl, das für Maria Stock zuständig ist, sollen EU-Fördermittel für eine dreitägige Wanderroute zur Kirche Maria Stock beantragt werden. In anderen Arbeitsgruppen ging es um das Thema „Berufung“ bzw. um aktuelle Aspekte im deutsch-tschechischen Verhältnis.

Konnten die Gäste bereits beim Linhart-Konzert einen Eindruck von der teilweisen Neugestaltung des Kircheninneren gewinnen, so gab es bei der Spätmesse und der Nacht der Lichter am Samstagabend noch weitere atmosphärische Erlebnisse. „Wir sahen es als unsere Aufgabe, der Kirche ein Stück des alten Glanzes zurückzugeben, die Kirche in einem positiven Licht darzustellen“, erklärt Matthias Dörr, der Jugend- und Kulturreferent der Ackermann-Gemeinde.

Die Künstler und Kunstpädagogen Christopher Vogl und Gabriel Gruß hatten mehrere Ideen: Aus dem Holz der abgesägten Kuppel entstand vor dem Eingang ein „Baptisterium“ als Reminiszenz an die ursprüngliche Holzkapelle. Darin wurde auch eine Kopie des Gnadenbildes angebracht. Der im Altarraum stehende Baldachin wurde zu einer Vorhalle umfunktioniert. In die Freiflächen über den Seitenaltären sowie in zwei Nischen wurden bemalte Fahnen gehängt, deren Bilder mit dem Lesungs- bzw. Evangeliumstext und mit Motiven im Gotteshaus (z.B. strahlender Sternenkranz) korrespondierten. Weitere Flächen wurden mit großen Mosaiken zum Thema „Freundschaft“ gefüllt – zwei sich küssende Menschen, Bezüge zum Kuß für den verlorenen Sohn im Gleichnis und zur Begegnung Marias mit Elisabeth. Die Wallfahrtskirche ist ja „Mariä Heimsuchung“ geweiht. Beim Gottesdienst wurden die Fürbitten mit Projektionen an die Decke der Kirche unterstrichen. In belichtete Diafilme ritzten die Jugendlichen Zeichnungen etwa der Kirche, von Jesus am Kreuz oder diverser Fiedenssymbole – „visuelle Fürbitten“ nennen das Vogl und Gruß.
In dieser Atmosphäre feierten die Jugendlichen mit Pater Miroslav (Seelsorger für die slowakische Minderheit im Bistum Pilsen), Kanonikus Anton Otte (Geistlicher Beirat der Ackermann-Gemeinde) und Dr. Robert Falkenauer (Generalvikar des Bistums Pilsen) den Samstagsnachtgottesdienst. Die Band „Piccola“ umrahmte ihn mit modernen geistlichen Liedern und lud im Anschluß noch zu einer Nacht der Lichter mit Taizé-Liedern ein.

Nach dem Frühstück am Sonntag, dem Zeltabbau und längeren Abschiedszeremonien endeten das Lager und das Festival „LichtZeichen“. Die Bilanz fiel positiv aus. Veronika Pátkova, Vorsitzende von Rytmika, meinte: „Es ist etwas möglich ohne große finanzielle Unterstützung, sondern mit gutem Willen.“ Und auch Adolf Ullmann, Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, war voll des Lobes: „Ich bin mit großer Zuversicht hierher gefahren und fahre noch zuversichtlicher wieder nach Hause. Das Festival ‚LichtZeichen‘ war und ist ein positives Signal, daß Deutsche und Tschechen wieder gemeinsam etwas schaffen können!“

Markus Bauer (KK)

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