Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

Verständigung ist konkret oder gar nicht

Frühjahrstagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) zu ihrem ureigenen Thema in Glogau

Freunde und Mitglieder der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) trafen sich zahlreich auf der Frühjahrstagung, um der Frage nachzugehen, wie die deutsch-polnische Verständigung konkret in die Tat umgesetzt werden kann. Dabei wurde das niederschlesische Glogau als Veranstaltungsort nicht zufällig gewählt. Diese Stadt verkörpert ein gelungenes Beispiel dafür, wie Deutsche und Polen ihre Geschichte bewältigen und sich für eine gemeinsame Zukunft einsetzen können.

Schon vor der Wende traf sich eine Reihe von heimatvertriebenen deutschen Glogauern mit den dort angesiedelten Polen. Damals bot sich den Besuchern ein trauriger Blick: der einst schöne und während des Zweiten Weltkrieges zerstörte historische Stadtkern wurde in der Folgezeit nicht wieder aufgebaut. Es wurde den deutschen und polnischen Glogauern klar, daß diese Stadt ihre einstige Pracht wiedererlangen und zu einem einladenden Ort der Begegnung beider Völker werden soll. Eine Vision, die erst nach dem Fall der Mauer Wirklichkeit werden konnte.

Um sich diesen Prozeß zu vergegenwärtigen, befaßten sich die Teilnehmer der Tagung mit der Geschichte der vertriebenen deutschen und der neuangesiedelten polnischen Glogauer. Zunächst gab der Kulturreferent am Schlesischen Museum in Görlitz, Dr. Michael Parak, in seinem einführenden Referat einen allgemeinen Überblick über die Situation und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Deutschland nach 1945. Im Anschluß daran erläuterte der Vorsitzende des Glogauer Heimatbundes, Prof. Alfred Palissa aus Berlin, welches Schicksal die deutschen Glogauer in dieser Zeit erfahren mußten. Dabei waren rund 30000 Menschen betroffen, die ab Juni 1946 in großen Flüchtlingsströmen ihre Stadt verlassen mußten und unterwegs durch Hunger, Frost und Müdigkeit dezimiert wurden. Die Überlebenden sind im ganzen Bundesgebiet verstreut.

Dem stellte die aus Oberschlesien stammende Historikerin Evelyne A. Solga aus Köln den Verlauf der Ansiedlung von Polen in Schlesien nach 1945 gegenüber. Hierbei muß man drei große Gruppen unterscheiden: die Umsiedler aus Zentralpolen, die sogenannten „Repatrianten“, also Übersiedler aus den der Sowjetunion zugefallenen polnischen Ostgebieten, und polnische Remigranten, die aus den westeuropäischen Industriegebieten, insbesondere Frankreich und Deutschland, zurückkamen. Durch diese Entwicklung wurde Schlesien in den ersten Jahren nach 1945 zum „Wilden Westen“, in dem hohe Kriminalität und Instabilität herrschten. Rund 45 Prozent aller polnischen Umsiedler fanden dort ihre neue Heimat.

Der Vorsitzende des Bundes des Glogauer Landes, Antoni Bok, referierte im Anschluß ausführlich über den Aufbau und die Entwicklung der zerstörten Stadt nach 1945. Die 1946 durchgeführte Volkszählung ergab, daß im Glogauer Kreis rund 30000 Menschen lebten, was einen dramatischen Einbruch bei der Bevölkerungszahl bedeutete. Die ursprünglich landwirtschaftlich orientierte Region wandelte sich ab den 60er Jahren zum Zentrum der polnischen Kupferindustrie, weshalb sich in der Stadt immer mehr Menschen ansiedelten. So war es den kommunistischen Machthabern wichtig, die Entwicklung der Region aus industriellen Erwägungen voranzutreiben.

Zu welchen politischen Veränderungen es in Glogau nach 1988 gekommen ist, davon sprach der Leiter des Archäologisch-Historischen Museums der Stadt, Leszek Lenar-czyk. Er stellte einen langen und schwierigen Prozeß dar: Zunächst mußten die Menschen das vom Regime konstruierte Bild des bösen revanchistischen Westdeutschen ablegen und sich vergegenwärtigen, daß ihr Lebensraum keinesfalls ein „urpolnisches“ Gebiet ist, sondern eine lange deutsche Geschichte hat. Durch die Begegnung mit Deutschen, insbesondere mit vertriebenen deutschen Glogauern, konnten sie sich davon überzeugen, daß diese den polnischen Bewohnern nicht schaden, sondern im Gegenteil helfen wollen, indem sie sich für die Entwicklung der Stadt und die Annäherung der Region an die Europäische Gemeinschaft engagierten.

Den langen Weg zur Verständigung und zum Dialog zwischen Deutschen und Polen erläuterte Dr. Klaus Schneider aus Leipzig, auf den die ganze Initiative zurückgeht. Schneider reiste 1985 zum ersten Mal seit seiner Vertreibung nach Glogau und erlebte einen großen Schock, als er sah, in welchem Zustand sich die Stadt befand. Bei zahlreichen Begegnungen mit den Einheimischen wurde der Wunsch artikuliert, Glogau wiederaufzubauen und die wechselvolle Geschichte der Stadt zu betonen. Es dauerte rund zwanzig Jahre, bis dieser Wunsch Schritt für Schritt realisiert werden konnte. Dabei besteht die große Leistung darin, daß nicht nur das historische Glogau aus den Ruinen gehoben werden konnte, sondern ehemalige deutsche und heutige polnische Bewohner der Stadt aufeinander zugingen und seither gemeinsame Projekte durchführen.

Von diesen Unternehmungen, die seit 1990 realisiert wurden und werden, berichteten in einem Rundtischgespräch der ehemalige Bürgermeister Jacek Zielinski, der amtierende Bürgermeister Zbigniew Rybka sowie Dr. Schneider und Manfred Liersch. Durch viele Veranstaltungen und sichtbare Zeichen in Form von Gedenksteinen wurde der Öffentlichkeit die mannigfaltige Geschichte der Stadt nahegebracht, welche durch Deutsche und nachher Polen, sowohl Katholiken wie auch Protestanten und Juden, geprägt worden ist. Dabei versucht man, auch die Jugendlichen für die Annäherung von Deutschen und Polen bei der Aufarbeitung der Geschichte und der Ausrichtung auf die Zukunft einzubeziehen. Bezeichnend ist der diesjährige Wettbewerb, bei dem sich Schulklassen im Glogauer Rathaus einfanden, um Stücke aus der klassischen deutschen Literatur in der Originalsprache vorzutragen.

Optisch verdeutlicht wurde die Thematik der Tagung durch eine Exkursion in die Glogauer Altstadt und in die umgebende Region, die voller Spuren gemeinsamer Geschichte und der deutsch-polnischen Annäherung ist. Auf dem Programm stand die Besichtigung des Renaissanceschlosses in Klein Tschirne (Czerna), der ehemaligen protestantischen und heute katholischen Jakobuskirche in Jakobskirch (Jakubów), welche in der Nähe einer bedeutenden Quelle steht, einer Dorfkirche in Wiesau (Radwanice), an der vor einigen Jahren eine Gedenktafel für die ehemaligen deutschen Bewohner angebracht wurde, und schließlich der prächtigen barocken Johannes-der-Täufer-Kirche im Wallfahrtsort Hochkirch (Grodowiec), welche heute ein Mariensanktuarium ist.

Die Teilnehmer der Tagung konnten bereichert nach Hause fahren, denn an diesem konkreten Beispiel der gelebten Annäherung von Deutschen und Polen wurde allen deutlich, daß wenige Menschen viel bewirken können und daß jede noch so kleine Unternehmung große Früchte tragen kann.

Gregor Ploch (KK)

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