Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1333.

Verständigung ist verständig, nicht verschwommen

Josef Joachim Menzel, dem Beförderer der historischen Wahrheit, zum 80.

In diesen Monaten feiern gleich mehrere schlesische Persönlichkeiten des kulturellen und kirchlichen Lebens ihren 80. Geburtstag. Sie waren bei der Vertreibung 1945/46 zwölf oder 13 Jahre alt. Zu den damaligen „Flüchtlingsjungen“, die sich aus armseligen Verhältnissen hochgearbeitet haben, gehört Professor Dr. Josef Joachim Menzel, der am 19. Juni 1933 in Mühlsdorf, Kreis Neustadt, Oberschlesien, als Sohn eines Landwirts geboren wurde. Dort erlebte er im  Frühjahr 1945 den Einmarsch der Sowjets und anschließend die nicht minder furchtbare „Machtübernahme“ durch die Polen. Diese Monate und die Vertreibung aus seiner Heimat im Sommer 1946 haben sein Leben geprägt.

Zunächst lebte er mit seinen Angehörigen auf einem Dorf bei Dülmen in Westfalen, bis er ein Gymnasium in Recklinghausen besuchen konnte, an dem er 1954 die Reifeprüfung ablegte. Danach studierte er Geschichte, Altphilologie und Germanistik an den Universitäten Münster und Heidelberg.

In die schlesische Geschichtsforschung wurde Menzel nach seinem Staatsexamen (1959) durch ein zweijähriges Stipendium des Herder-Forschungsrates, Marburg, eingeführt, das ihm ermöglichte, bei Professor Dr. Heinrich Appelt in Graz für das „Schlesische Urkundenbuch“ zu arbeiten. An der dortigen Universität promovierte er 1962 über ein Thema der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte („Jura ducalia“). Mit seinem Doktorvater Appelt, dem Herausgeber der Diplome Kaiser Friedrich Barbarossas in den „Monumenta Germaniae Historica“, ging er anschließend nach Wien an das Institut für österreichische Geschichtsforschung der dortigen Universität. Der sechsjährige Aufenthalt in Österreich vermittelte dem jungen Wissenschaftler nicht nur unmittelbare Einblicke in die Geschichte Österreichs, zu dem bekanntlich Schlesien von 1526 bis 1740 gehört hat; in Wien lernte er auch seine Frau kennen, die inzwischen zu einer halben Schlesierin geworden ist.

VerständigungIm Jahre 1966 wechselte Menzel nach Mainz, wo Professor Dr. Ludwig Petry, ein ehemaliger Kollege Heinrich Appelts in Breslau, seit 1950 als Mediävist und Landeskundler lehrte. Hier habilitierte er sich 1970 mit der Arbeit „Die schlesischen Lokationsurkunden des 13. Jahrhunderts“ im Fach Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. 1972 wurde er außerplanmäßiger Professor und sechs Jahre später Universitätsprofessor.

Durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zählte der Jubilar bald zu den führenden schlesischen Historikern. Kein Wunder, dass er zum Nachfolger Petrys in der Leitung der Historischen Kommission für Schlesien gewählt wurde, der er nun schon über ein halbes Jahrhundert angehört, davon 36 Jahre als Geschäftsführer bzw. Vorsitzender. Jahrzehntelang liefen in seinem Haus in Mainz-Ebersheim die Fäden der schlesischen Geschichtswissenschaft zusammen. Er gab die dreibändige „Geschichte Schlesiens“ allein bzw. mit Kollegen heraus, auch einige Bände der „Schlesischen Lebensbilder“, die Reihe „Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte“ und das „Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau“.

Der Einsatz des Jubilars für seine Heimat Schlesien ragt über jenen in der Historischen Kommission hinaus: Lange Jahre war er stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Kulturwerk Schlesien und des Gerhard-Möbus-Instituts für Schlesienforschung an der Universität Würzburg. Ferner wurde er in den Wissenschaftlichen Beirat des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und  Kulturgeschichte in Regensburg und zum Stiftungsratsvorsitzenden des Ostdeutschen Kulturrats in Bonn, heute Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, Königswinter, berufen. Neben weiteren Ämtern sei das Präsidium des Heimatwerks schlesischer Katholiken in Münster nicht vergessen.

Menzel geht seinen Weg stets gradlinig und unbeirrbar. Wo die meisten Mitglieder der Stiftung Kulturwerk Schlesien devot resignierten, kämpfte er mit dem Autor und wenigen anderen Getreuen bis zuletzt für den Erhalt der Vierteljahresschrift „Schlesien“, die der Herausgeber aus unentschuldbaren Gründen 1996 eingehen ließ. Genauso unbeirrbar bleibt der Jubilar gegenüber leichtfertigem Nachgeben, was die historische Wahrheit insbesondere über die ehemaligen deutschen Ostgebiete betrifft. Als von einer deutsch-polnischen Schulbuchkommission umstrittene, teilweise einseitige „Empfehlungen“ ausgearbeitet und propagiert wurden, verfasste Menzel mit zwei anderen Historikern 1979 „Alternativ-Empfehlungen zur Behandlung der deutsch-polnischen Geschichte in den Schulbüchern“. Dieses mutige Schwimmen gegen den Strom hat ihm damals nicht nur Freunde verschafft, doch die politische Entwicklung nach der Wende hat ihm recht gegeben. Der Jubilar tritt für Verständigung und Versöhnung gerade mit den polnischen Nachbarn ein und betont immer wieder, dass sich eine wirkliche Versöhnung nur auf der Grundlage der historischen Wahrheit vollziehen könne. Auf Tagungen und in Leserbriefen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vertritt er offen diese Meinung.

Noch manche Leistung des Jubilars wäre zu nennen, doch muss sich der Laudator, ein Mitstreiter seit den schlesischen Nachwuchstagungen Ende der fünfziger Jahre, auf das Wichtigste beschränken. Zwei Punkte dürfen keineswegs vergessen werden: Das ist die rund 600 Seiten umfassende Festschrift, die ihm 1998 unter dem Titel „Opuscula Silesiaca“ 30 Freunde und Weggefährten zu seinem 65. Geburtstag widmeten, und die Mitarbeit seiner genauso unermüdlichen Frau, Dr. Maria Menzel, ohne die er, wie er selbst sagt, ein solch umfangreiches Lebenswerk nicht vollbracht hätte.

In Dankbarkeit sei beiden, ihm zum 80. und ihr zum 70. Geburtstag, ein Wunsch sowohl in Latein als auch in der Sprache der polnischen Kollegen im heutigen Schlesien ausgesprochen: „Ad multos annos“ und „Sto lat“!

Helmut Neubach (Sh/KK)

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