Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1265.

Verstörte Heimat

Das Schlesien-Seminar in Groß Stein ist Jahr für Jahr ein Forum der Kritik und der Möglichkeiten

Zum dreizehnten Mal wurde in den Tagen vom 29. September bis zum 4. Oktober im Schloß Groß Stein im Oppelner Land das Schlesienseminar „Gestern, Heute, Morgen“ abgehalten, das von der Seelsorge der deutschen Minderheit, dem Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und dem Eichendorff-Konversatorium organisiert wird. Diesmal waren „Die Sprachen der Schlesier“ das Thema.

Als Schirmherr dieser Begegnungen der oberschlesischen – deutschen und polnischen – Intelligenz wirkt seit Anfang schon Erzbischof Nossol, der große Versöhner im Lande. Dieser wies in seinem Statement auf das menschliche Anliegen der Kultur und der Religion hin, das dem Politischen übergeordnet bleiben müsse und besonders in so schwierigen Räumen wie Oberschlesien die Aufgabe habe, zu harmonisieren und Spaltungen entgegenzuwirken. Die Kirche sei in ihrer Grundausrichtung gegen jegliches Politisieren und Ideologisieren des Menschlichen, weil sie den ganzen Menschen auch in seiner spirituellen Dimension wahrnehme. Dieser Vorgabe folgt das nunmehr bereits traditionsreiche Seminar seit seiner Entstehung.

Der Spiritus movens des Ganzen, der Ideengeber der Zusammenkünfte und eigentliche Organisator war und ist Prälat Globisch, der unermüdliche Beauftragte des Erzbischofs für die Seelsorge der deutschen Minderheit, auf dessen zahlreiche Verdienste hinzuweisen bei weitem den Rahmen eines schlichten Berichts sprengen würde.

Nach fast zwanzig Jahren weitgehender Freiheit der dem Deutschen zugeneigten Bevölkerung stellt man sich die Frage: Was ist erreicht worden in dieser Zeit im von den Zwängen der totalitären Entmündigung befreiten Land? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es ist wie mit dem halbvollen oder halbleeren Glas, einiges ist gelungen, anderes hinkt nach. Wie sich die Zukunft gestalten wird, weiß ohnehin niemand. Man kann sich nur wünschen, es möge friedlich bleiben wie bisher.

Leider blieb das wichtigste Problem des Rückgewinns der deutschen Sprache, der „Sprache des Herzens“, wie Erzbischof Nossol immer wieder postuliert hat, bisher ungelöst. Und immer sind es diese drei Faktoren, die raschere Fortschritte verhindern: Zum einen ist da mangelndes Engagement der Betroffenen selbst, die es versäumen, in den Familien die fünfzig Jahre verbotene Sprache zu reaktivieren, zum zweiten das alte Mißtrauen der Polen, das aus den Zeiten der intensiven Gehirnwäsche durch das totalitäre Regime stammt und als Angst vor den Deutschen summiert werden kann, sowie drittens die zögerliche Unterstützung von seiten der Bundesrepublik Deutschland, wo man den leisesten Verdacht eines Anspruchsdenkens zu vermeiden sucht. Die Spuren zweier Totalitarismen sind aus den Köpfen schwer zu verdrängen.

So gibt das Bildungswesen den meisten Grund zum Klagen. Es ist nicht zu fassen, daß eine Minderheit dieser Größenordnung – 1989 waren es noch 300000 (so viele Bewohner hat der Staat Island), die die sogenannten deutschen Listen des Johann Kroll unterschrieben – in fast zwanzig Jahren nicht imstande war, auch nur eine einzige deutsche Schule mit Abiturabschluß auf die Beine zu stellen. Der Bericht des Beauftragten für das Bildungswesen, Dr. Peter Baron, war ein einziges Lamento. Drei Stunden pro Woche muttersprachlicher Unterricht seien zu wenig, Züge bilingualer Schulklassen scheiterten am Mangel deutsch sprechender Fachlehrer. Deutsches Abitur – Fehlanzeige. Dabei gibt es inzwischen genügend gut ausgebildete Deutschlehrer.

Es könnte aber auch anders sein. Johanna Lemke, Deutschlehrerin aus Thüringen, mahnte aus dem Publikum. Sie charakterisierte die Entwicklungen und die zahlreichen vertanen Chancen. Sie selbst und ihr inzwischen 15jähriges Engagement in Oberschlesien sind beispielhaft. Johanna Lemke kam und gewann die Sympathie der deutschen und der polnischen Schlesier gleichermaßen, sie lernte Polnisch, motivierte ihre Schüler zum Studium, nahm mit ihnen  teil an Wettbewerben des Körber-Instituts und gewann prompt Preise. Unlängst erstellte sie mit ihren Schülern eine Broschüre über den Aufenthalt Pilsudzkis in Magdeburg. Das Kulturamt der Woiwodschaft Oppeln finanzierte den Druck. Zu ihr, die, inzwischen pensioniert, am bilingualen Gymnasium weiter wirkt, stieß ihr Ehemann Manfred Prediger und begann sich ebenfalls zu engagieren. Zehn derart engagierte Lehrer hätten der Situation eine Wende geben können.

Vieles hätte anders werden können, wenn vor allem die Führung der deutschen Minderheit von Anfang an ein Minimum an Verständnis für den Rückgewinn der Identität, für Sprache und Kultur gezeigt hätte, der Meinung waren alle. Doch die alte Riege, der ökonomische Zwecke wichtiger schienen, gibt allmählich auf. In den letzten Wahlen wurde Norbert Rasch zum Vorsitzenden der Sozial-kulturellen Gesellschaft gewählt, ein gebildeter junger Mann, der gut Deutsch, Polnisch und die oberschlesische Mundart spricht und dem Rückgewinn der Sprache Priorität einräumen will. Ein Hoffnungsträger, dem man Glück wünschen möchte.

Von polnischer Seite war nach der Wende 1989 für den Deutschunterricht grünes Licht gegeben worden. Jacek Kuron, ein geschätzter Oppositioneller, später an der Regierung beteiligt, stellte offiziell fest, man habe den Deutschen die deutsche Sprache genommen und es sei moralische Pflicht der Polen, ihnen zu deren Rückgewinn zu verhelfen. 2005 ratifizierte der polnische Sejm die Minderheitenrechte, das betrifft außer dem Schulwesen und der Zulassung des Deutschen als Nebensprache in den Ämtern auch das Problem der zweisprachigen Ortsschilder, das die Gemüter stark bewegt.

Die Ortsschilder gelten zu Recht als Zeichen der Gleichberechtigung in der Heimat, die seit dem Krieg von einer Mehrheitsbevölkerung dominiert wird, die oft wenig Verständnis für die Einheimischen zeigt. Rafal Bartek, der jugendliche Chef des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, wies in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit von Informationstafeln zur Geschichte der Ortschaften hin. Diese würden Aggressionen abbauen helfen, denn oft geht die Ablehnung einfach auf Unkenntnis zurück. Eine hervorragende Idee, die dem Geist des Gleiwitzer Hauses entspricht, das sich seit seinem ersten Leiter, dem leider früh verstorbenen Tadeusz Schäpe, der Vermittlung historischer und kultureller Gegebenheiten Oberschlesiens verschrieben hat.

Kaum anderswo in Europa hat der nationalistische Ungeist in der unmittelbaren Nachkriegszeit soviel Unheil angerichtet wie in Oberschlesien, nirgendwo fand eine so rücksichtslose Zwangsassimilierung statt. Das ergab sich aus der Podiumsdiskussion mit den Vertretern anderer Minderheitengruppen aus Südtirol und dem Elsaß sowie Ukrainern aus Polen. Erwähnt wird der Umgang mit der deutschen Minderheit in Rumänien. Aber auch sonst nirgendwo ein Kahlschlag wie hier in Oberschlesien.

Um so wichtiger die hochkarätigen Vorträge dieses Seminars, die der Vergangenheit gewidmet waren und sich vor allem an die heranwachsende Intelligenz richteten. So referierte Dr. Helmut Neubach über die Amtssprachen in Oberschlesien in den vergangenen Jahrhunderten – eine Geschichte voller großzügiger Toleranz. Prof. Dr. Josef Joachim Menzel hielt einen Vortrag über die sprachliche Vielfalt in Oberschlesien bis 1945, Prälat Globisch über die deutsche und lateinische Sprache in der Kirche seit 1989. Dr. Maria Menzel sprach über die deutschsprachige schlesische Literatur in der Vergangenheit, Dr. Mathias Kneip über den Kampf um den Erhalt der deutschen Sprache in Polen bis 1939 und Dr. Bernard Linek vom Schlesischen Institut in Oppeln über die Methoden zur Auslöschung der deutschen Sprache nach 1945.

Die Wunschadressaten dieser intellektuellen Leckerbissen – zumal aus der einheimischen Jugend – ließen sich allerdings kaum blicken. Wo blieben zum Beispiel die Studenten der Germanistik der Oppelner Universität?

Renata Schumann (KK)

«

»