Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

Vertreibung als Schritt zur Sowjetisierung

Der tschechische Kulturminister Daniel Herman hat ein Leben auf der anderen Seite der Barrikade geleistet

Vertreibung-als-SchrittEinen nicht alltäglichen Lebenslauf weist der als Kulturminister in der Tschechischen Republik tätige Daniel Herman (51) auf, Grund genug, diese Biografie näher zu beleuchten. Unter dem Titel „Tschechen und Deutsche: was uns verbindet – was uns trennt“ stellte sich der tschechische Politiker in einem biografischen Gespräch den Fragen des Journalisten Kilian Kirchgeßner.
Der im Jahr 1989 zum Priester geweihte und sogleich mit hohen Funktionen (Sekretär von Bischof Miloslav Vlk in Budweis, dann Sprecher der Tschechischen Bischofskonferenz) betraute Daniel Herman ließ sich im Jahr 2007 laiisieren und führte von 2010 bis 2013 das Institut zur Erforschung totalitärer Regime, das auch die Ereignisse im Kommunismus beleuchtet. Seit Januar 2014 ist er als Vertreter der Christdemokraten Minister für Kultur im Kabinett von Bohuslav Sobotka, und er ist inzwischen auch Vorsitzender der in Tschechien aktiven Sdružení Ackermann-Gemeinde.

Herman hat jenseits dieser beachtlichen Palette an Stationen einer beruflichen Karriere auch starke Bezüge zu anderen Nationalitäten und Ethnien. Er stammt aus einer halbjüdischen Familie, in der gleichermaßen Tschechisch und Deutsch gesprochen wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Konvertierung einiger seiner Vorfahren zum Katholizismus. Darüber hinaus ist er an der böhmisch-bayerischen Grenze aufgewachsen – etwa fünf Kilometer vom Grenzstreifen entfernt, in der Nähe des Dreisesselberges. „Ich habe viele Freunde bei den Böhmerwäldlern sowie bei vielen Heimatvertriebenen und -verbliebenen“, bekennt er. Kontakte nach München hat er, weil dort seine Nichte lebt. „Noch vor der Wende bin ich viel zur Grenze gewandert“, blickt er zurück – Sehnsucht nach Freiheit, die sich dann 1989 erfüllte.

Die Verfolgung seiner Familie erst durch die Nationalsozialisten, später durch die tschechischen Kommunisten hat auch ihn geprägt. „In der katholischen Kirche habe ich die besten Freunde gefunden, zumal das Regime antitheistisch orientiert war“, beschreibt er seinen Bezug zu den Katholiken und verweist auch auf einige Verhöre bei der Staatspolizei, im Rückblick „eine wichtige Erfahrung für das Leben in der praktischen Politik“. Die „Welt des Glaubens“ wurde für ihn eine positive, tief in der Geschichte verwurzelte Alternative zum kommunistischen Regime.   „Es ging darum, dem Regime zu zeigen: Wir sind keine Freunde. Ich bin auf der anderen Seite der Barrikade. Und da war der Priesterberuf meine Antwort“, schildert er seinen Weg zum Kleriker. Nach dem Abitur arbeitete er erst noch in einer Bäckerei, 1984 trat er ins Priesterseminar in Leitmeritz ein, erhielt im Juni 1989 die Priesterweihe und begann als Kaplan seine seelsorgliche Tätigkeit – kurz darauf kam das Ende der CSSR. „Das war eine unglaubliche Zeit, das Regime ist zusammengebrochen, das war unser Traum, ein Gipfel meines Lebens“, blickt er nach 25 Jahren auf diese entscheidenden Tage und Monate zurück. Bischof Vlk sagte ihm damals vieldeutig: „Du hast eine andere Aufgabe.“

Das war zunächst zu einem guten Teil Medien-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wo Herman schon vor der Wende erste Erfahrungen (Radio Freies Europa) gesammelt hatte. „Es war sehr spannend, es öffnete sich eine neue Welt, ein weiter Raum, den es zu erfüllen galt. Der Raum der Freiheit war da“, charakterisiert er diese Umbruchzeit. Er stellte alsbald fest, dass die Themen Religion und Geschichte in der Tschechoslowakei tabuisiert waren, so dass ein wesentliches Augenmerk der Medienarbeit auf diese Bereiche zu richten war. Die Entschuldigung Václav Havels für die Vertreibung der Deutschen begrüßte Herman, betrachtet er doch die „Vertreibung als zutiefst unmoralische Tat der Rache. Die Vertreibung war der erste Schritt zur Sowjetisierung des Landes.“ Als seine Aufgabe sah er die Aufarbeitung der Vergangenheit, was er als Direktor des Instituts zur Erforschung totalitärer Regime (1938 bis 1989) umsetzen konnte.

Den Bereich Kultur, den er nun als Minister im tschechischen Kabinett vertritt, sieht er als „eine der Prioritäten für das Leben der Gesellschaft. Das Ressort muss gut gepflegt werden, die Kultur muss leben“, lautet seine Maxime. Und wichtig ist dabei auch die Kultur der Erinnerung, das Verstehen der Wurzeln der eigenen und fremden Identität. „Wir gehören zusammen, leben zusammen im Herzen Europas. Und unsere gemeinsame Geschichte ist länger als 70, 80 Jahre.“ Leider hat der Kommunismus tiefe Spuren hinterlassen. So wird es länger als eine Generation dauern, bis die Folgen dieser „Gehirnwäsche“ beseitigt sind.

Ein noch unbefriedigend gelöstes Problem ist die Restitution der Kirchen. „Das Gesetz muss jetzt mit Leben erfüllt werden“, verdeutlicht der Kulturminister. Populistische Umtriebe stehen dem immer wieder entgegen. Trotz einer stark säkularen Gesellschaft in Tschechien stellt Herman vor allem bei Jugendlichen eine Suche nach Orientierung fest. Und dies sieht er als wichtige Aufgabe für die Kirchen und religiösen Gemeinschaften. „Die Kirche gehört zum Mosaik des alltäglichen Lebens. Und sie hat eine große Chance, die eigene Position in einer freien Gesellschaft zu finden.“

„Wir müssen Hand in Hand als Nachbarn in die Zukunft gehen. Vor allem geht es um menschliche Diplomatie, wir müssen miteinander sprechen“, lautet sein Rat für die Begegnungs- und Verständigungsarbeit. Als positives Beispiel nennt er den Böhmerwald, der von einem Ort der Trennung zu einem Ort der Versöhnung geworden ist. Natürlich wird der Schwerpunkt der Kontakte – auch angesichts der Geschichte – bei Bayern und Österreich liegen.

Markus Bauer (KK)

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