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Ausgaben: Ausgabe 1323.

Vive la république – des lettres

Diese war auch Friedrich dem Großen genehm, erkennt man in Berlin

Gleich am Eingang steht er – der veritable Schreibtisch des Königs aus dem Schloß
Sanssouci, das titelgebende Möbelstück für die Kabinettausstellung „Homme de lettres – Federic. Der König am Schreibtisch“, die letzte der in diesem Jahr von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin und Potsdam gezeigten Ausstellungen zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen (Berlin-Tiergarten, Staatl. Museen zu Berlin/Kulturforum, bis zum 30. September 2012.)

Die beiden Veranstalter, das Geheime Staatsarchiv und die Staatsbibliothek, haben
es sich zur Aufgabe gemacht, aus ihrem schier unerschöpflichen Fundus an
schriftlichen Zeugnissen, Büchern und Bildern anhand von ausgewählten Beispielen dem König über die Schulter zu schauen und aus dieser eher ungewohnten Perspektive Anteil zu nehmen an seiner Regierungstätigkeit
wie auch an seinen privaten Zerstreuungen. Gemessen an den anderenPrunkschauen des laufenden Jahres ist diese Darbietung wohl die unscheinbarste und intimste, zugleich aber auch die anregendste.
Die kleine Auswahl (rund 200 Stücke), die hier zusammengetragen wurde, kann selbstverständlich nicht alle Tätigkeitsfelder abdecken, auf denen Friedrich sich mit jener unvergleichlichen Virtuosität bewegt hat, für die er schon zu seinen Lebzeiten gerühmt worden ist. Sie bleibt der Versuch, des Königs Leistungen auf den Gebieten der Politik, der Landesverwaltung, der Kriegskunst sowie der Literatur, Dichtkunst, Philosophie und Musik sinnlich erfahrbar zu machen, indem sie sämtlich auf den Ort ihres Entstehens – eben den Schreibtisch – zurückgeführt
werden. Dieser Arbeitsplatz bildete, etwas überspitzt ausgedrückt, über weite
Strecken die Machtzentrale des preußischen Staates.

Eindeutig zu loben ist die Ausstellung wegen ihrer strikten Begrenzung auf die wichtigsten Arbeitsbereiche und Stationen im Lebensweg des Königs. Etliche der gezeigten Dokumente kennt man aus der allgemeinen Literatur, etwa die grundlegenden Verfügungen zu Toleranz, Religion oder Zensur, zum Finanz- und Rechtsgebaren und zu den Herrscherpflichten – manches „geflügelte“ Wort ist darunter. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Schriftstücke, die überhaupt
erstmals ans Tageslicht kommen und durchaus Überraschungen bereit halten: ein Indiz dafür, wie viele Schätze im Arkanum des preußischen Hausarchivs noch verborgen sind.

Die Themenfolge ist gleichsam hierarchisch angelegt. Den Anfang machen Belege über die Regierungspraxis Friedrichs und die Formen des äußeren  Verwaltungsablaufs im (privaten) Arbeitskabinett. Hier begegnen die typischen Randverfügungen des Königs auf den eingegangenen Schreiben: die Abzeichen der alleinigen, unumschränkten Regierungsgewalt, die unverändert bis zu seinem Lebensende fortbesteht. Die damit einhergehende genaue Kenntnis der Situation im Lande befähigte ihn auch zur Reflexion über die politischen Gegebenheiten, was besonders in seinen kriegstheoretischen Traktaten und in seinen Politischen Testamenten zum Ausdruck kommt. Daß er sich zusätzlich noch zum Historiographen des ganzen Landes aufschwang (die ersten Texte zur „Geschichte meiner Zeit“ und zur „Geschichte des Hauses Brandenburg“ entstanden schon in den 1740er Jahren), zeugt geradezu von einer Besessenheit, schon seinen Zeitgenossen gegenüber die Grundlagen und Ziele seines Handelns in Kriegs- wie in Friedenszeiten aufzuzeigen und sich zu rechtfertigen. Unter den Fürsten seiner Epoche, die sich gleichfalls der Aufklärung verpflichtet fühlten, erlangte Friedrich eine unbestrittene Vorreiterrolle, indem er seine Ansichten und Ideen schriftlich ausbreitete und sich argumentierend an das gelehrte Publikum wandte: der Schreibtisch wurde zur „Werkstatt“ der Aufklärung, dokumentiert durch die stattliche Reihe der z.T. raren und äußerst qualitätvoll gestalteten Druckwerke, der „OEuvres du Philosophe de Sans Souci“.

Die anschließende Korrespondenz mit seinen Familienangehörigen gewährt z.T. erstaunliche Einblicke in die Gefühlswelt Friedrichs, bei der Freude und Trauer, Großzügigkeit und Ärger gleichermaßen anzutreffen sind. Neben allen anderen Aufgaben nahm der König die Verantwortung als Familienoberhaupt
sehr ernst. Ebenso ist aus Briefen, besonders während der Feldzüge,
die große Sorge der Geschwister um das Leben des Monarchen herauszulesen.

Einen ganz anderen Zuschnitt besaßen die Briefwechsel mit seinen vertrauten Freunden, allen voran Voltaire, dem einflußreichsten Geist der Aufklärung. Hier präsentiert sich die „république des lettres“ in ihrer ganzen geistig-moralischen Vielfalt, und in diesem intellektuellen Umfeld entstanden die poetischen, historischen und philosophischen Werke Friedrichs. Fast alle seine Weggefährten
von Sanssouci sind vertreten; in den ihnen zugedachten Briefen schwingen
sowohl Ernst und Gedankentiefe als auch Humor und Ironie mit.

Zwei Themenbereiche, die gar nichts miteinander zu tun haben, runden das Persönlichkeitsbild Friedrichs ab: der Umgang mit seinen Hunden und die Beschäftigung mit der Musik. Während die Hundehaltung an den europäischen Fürstenhöfen im 18. Jahrhundert zur Norm gehörte, ging Friedrichs Vorliebe für seine windhundähnlichen Gefährten über das gewöhnliche Maß hinaus und führte zu manchen Absonderlichkeiten, die auch bildlich dargestellt und am Schreibtisch thematisiert wurden. Weitaus nachhaltiger hat dagegen Friedrichs musikalische
Begabung gewirkt. Sein Flötenspiel – oft im Bild festgehalten – wurde seinerzeit
gerühmt, seine rund 150 Kompositionen ebenfalls, wobei er zugleich bedeutende
Lehrer und Komponisten um sich scharte. Ihrer wird in der Ausstellung ausführlich
gedacht, ebenso des Opernbetriebs, dessen Ausstattungen oft beträchtlicheSummen verschlangen, wie die beiliegenden Rechnungen ausweisen.

Aus der Riesenfülle an Schriftlichem, das Friedrich der Große in seinem Leben verfaßt hat, sind in dieser Schau nur wenige, dafür kostbare Mosaiksteinchen ausgebreitet. Vieles davon bringt uns diesen in seiner Epoche einzigartigen Fürsten näher, trägt zur Klärung bei, zwingt wohl auch zum Nachdenken. Die Ausstellung besitzt allerdings den Nachteil, daß sich die Inhalte der Dokumente vermutlich nur wenigen Besuchern erschließen werden, da sie durchweg auf französisch abgefaßt sind, es keine deutschen Übertragungen gibt und in den Objektbeschreibungennur vereinzelt aus den Texten zitiert wird. Hier hilft der Katalog etwas weiter, der fundierte Hintergrundinformationen bietet und Personen und Ereignisse aufeine überschaubare und gut lesbare Weise verknüpft.

Peter Letkemann (KK)

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