Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

Vom „Kreuzweg der Nationen“ bis zu „Musa Dagh“

Fachtagung des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa über Flucht und Vertreibung in Bad Kissingen

52 Multiplikatoren und Lehrer aus Hessen – unter ihnen vor allem Historiker – waren zu der Tagung des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa auf dem Heiligenhof angereist.

Brigitte Walzer eröffnete die Tagung und begründete die Wahl des Themas, das aktueller kaum hätte sein können. Der Versuch des türkischen Konsuls im Januar 2005, die Kultusbehörde des Landes Brandenburg zu bewegen, den Völkermord an den Armeniern in der Türkei im Jahre 1915 als Beispiel für einen Genozid aus dem Geschichtslehrplan für die Oberstufe zu nehmen, sei öffentlich geworden und habe in den Medien bundesweit Beachtung gefunden. Die Türkei lasse Staatsbürger und auch Ausländer belangen, die das historisch erwiesene „Hinschlachten“ sehr vieler Armenier durch türkische Militärs behaupten. Dieses schwer nachvollziehbare Verhalten führe zunächst zu der Frage, was damals – 1915 – wirklich geschehen sei. Das solle das Seminar ergründen. Außerdem sollten ähnliche Geschehen in folgenden Abschnitten der Zeitgeschichte damit verknüpft werden, um deutlich zu machen, wie wichtig es sei, Deportation und Vertreibung zu ächten, um künftig solche „menschenfressenden“ Akte zu vermeiden. Das Seminar solle Lehrer und Multiplikatoren dazu befähigen, kompetent mit diesem Thema umzugehen.

Eine solche Kompetenz führte Prof. Dr. Rudolf Grulich gleich im ersten Referat vor. Sein Thema waren „Griechen, Armenier sowie die anderen Volksgruppen Kleinasiens und die Genese der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg“. Er ordnete die einzelnen Völker nach ihren Beziehungen zur Hohen Pforte und den wesentlichen ausländischen Mächten ein und konnte so die Zerreißprobe deutlich machen, in der das untergehende türkische Staatswesen stand. In dieser Konstellation siedelte er das Genozid an den Armeniern an und arbeitete anschließend heraus, welchen Aufwands und welcher glücklichen Umstände es nach 1918 bedurfte, um aus dem Scherbenhaufen des Osmanischen Reiches die Türkei werden zu lassen.

Jörg Schilling aus Meura in Thüringen stellte die Unterrichts-DVD „Riesengebirge –  die verlorene Heimat“ vor, erläuterte Entstehung und Aufbau der DVD und führte einige Ausschnitte vor, darunter eine Vielfalt von Zeitzeugen aus Klein-Aupa, dem Riesengebirgsort, der im Mittelpunkt dieser DVD steht.

Gerolf Fritsche hatte in einem kurzen Bildausflug mit dem Beamer auf Johannes Lepsius hingewiesen, der am Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Zeitzeugen gehörte, die den Genozid an den Armeniern nicht nur beobachteten, sondern auch international auf ihn aufmerksam machten. Er verbrachte seinen Lebensabend bis 1925 in Potsdam in seinem Haus an Fuße des Pfingstberges nicht weit von Schloß Cäcilienhof. Dort wird sein Haus gerade restauriert und als ein Armenienzentrum hergerichtet. Weniger bekannt ist, daß Lepsius seinerzeit auch ein Hilfswerk für die Armenier gegründet hat, eines der ersten Flüchtlingshilfswerke überhaupt.

Daran konnte Gerolf  Fritsche bei der Exkursion zum „Kreuzweg der Nationen“ anknüpfen. Dies ist ein Waldweg bei Wildflecken, an dem in einem Abstand von etwa hundert Metern 15 Granitkreuze und -stelen aufgestellt sind, die auf die vielen Toten der verschiedenen Nationen und Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs hinweisen. Er wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtet.

Rudolf Grulich sprach über Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ und seine Bedeutung für die Armenier. Er arbeitete heraus, daß der wesentliche Teil des Werkes die Darstellung des historischen Vorgangs, aber bestimmte Schlüsselfiguren des Romans Fiktion seien. Sidonia Dedina las aus ihrem eben erst erschienenen Werk „Der Pyrrhussieg des Dr. Beneš“, in dem sie eindrucksvoll die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei im komplexen historischen Zusammenhang schildert.

Der nächste Vormittag war der Vorführung des Unterrichtsprojekts „Kriegsende und Vertreibungen – Möglichkeiten der Umsetzung im Unterricht“ durch Christiane Schneider gewidmet. Vier Schüler hatte sie dazu aus ihrer Schule in Weimar mitgebracht. Auf diese Weise konnte ein Blick in die Unterrichtspraxis getan werden. Anschließend berichtete Magdaléna Bittnerová über „Die Aussiedlung der Deutschen aus Reichenberg und die Situation der verbliebenen Deutschen“. Sie hat die Untersuchung noch als Schülerin in ihrer Reichenberger Gymnasialklasse angefertigt.

Gerolf Fritsche wies schließlich auf die nächsten Veranstaltungen des PAMO hin. Vom 14. bis zum 21. Oktober findet eine Begegnungsreise „Auf den Spuren der Armenier und der Kreuzfahrer durch die kilikische Türkei zu Werfels Musa Dagh“ statt. Falls es die finanziellen Mittel zulassen, wird außerdem vom 2. bis zum 12. November eine kulturelle PAMO-Bildungswoche mit Prof. Gilmanow durchgeführt. Er wird in Deutschland weilen und steht Schulen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen mit seinen Fachvorträgen über die Nachkriegszeit Königsbergs – er ist schließlich „eingeborener Kaliningrader“ –, die Pflege des Deutschen an der Albertina und die Größen der Königsberger Kulturgeschichte zur Verfügung.

Interessenten, die ihn in Anspruch nehmen möchten, sollten sich rechtzeitig melden. Beim PAMO liegt eine Liste von 29 Vortragsthemen bereit, die man auswählen kann.

Franz Gissau (KK)

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