Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Vom Bilderstürmer zum Sammler und Bewahrer

Als Kommunist hat Zbigniew Czarnuch deutsche Spuren beseitigt, jetzt ist er ihr eifriger Sachwalter

Es gilt, über die Würdigung eines polnischen Bürgers aus der Neumark zu berichten, der sich seit Jahrzehnten zwischen Deutschen und Polen als Brückenbauer versteht. Es ist Zbigniew Czarnuch, ein ehemaliger Lehrer, der am 14. Oktober 2009 mit dem Georg Dehio-Kulturpreis 2009 (Ehrenpreis) des Deutschen Kulturforums östliches Europa ausgezeichnet wurde. Die Ehrung fand im Atrium der Deutschen Bank Unter den Linden in Berlin statt.

In der Begründung der Jury heißt es: „Zbigniew Czarnuch hat sich durch sein Lebenswerk erhebliche regional- und lokalhistorische Verdienste für die gemeinsame deutsch-polnische kulturelle Verständigung in der Neumark/Nowa Marchia, einer Region abseits der großen deutsch-polnischen Initiativen und kulturellen Zentren, erworben."

Hier hat er eine beachtliche Entwicklung durchgemacht: 1930 in einem kleinen Ort in der Woiwodschaft Lodz geboren, kam er im Zuge der Nachkriegswirren nach Vietz/Witnica, einer Kleinstadt zwischen Küstrin und Landsberg/Warthe an der ehemaligen Reichsstraße 1 und der Ostbahn. Er war ein Feind der Deutschen, als junger Mann klopfte er in seiner neuen Umgebung mit dem Hammer deutsche Symbole ab und übermalte deutsche Aufschriften. Als strammer Kommunist beteiligte er sich an der Beseitigung aller festen und beweglichen Gegenstände, die an den deutschen Charakter dieser Region erinnerten. So geschah es flächendeckend in den ehemaligen deutschen Provinzen von Ostpreußen bis Schlesien.

Aus dem Feind wurde ein Freund der Deutschen, der alles Deutsche vor dem Vergessen bewahren will. Davon zeugen zahllose Aktivitäten. In einer ehemaligen Fabrikantenvilla in Vietz, dem sogenannten Gelben Palais, richtete er eine Sammlung von Alltagsgegenständen aus der Zeit vor 1945 ein, die er in Zusammenarbeit mit ehemaligen deutschen Bewohnern zusammengetragen hat. 1995 gründete er einen Park der Wegweiser und Meilensteine der Zivilisation als Zeugnisse der Geschichte, Wirtschaft und Kultur der Neumark. Nach wie vor ganz wichtig ist sein Einsatz für den Erhalt des Schlosses Tamsel, das zum Verkauf steht und weiter vor sich hin modert. Es ist eines der wichtigsten architektonischen Denkmäler der Neumark, das immer mehr dem Zerfall preisgegeben wird, weil auch kleinste Pflegemaßnahmen offensichtlich unterbleiben.

Unvergessen ist, daß Czarnuch 2006 die Forderung der damaligen rechtskonservativen polnischen Regierung ablehnte, Leihgaben für die Ausstellung „Erzwungene Wege", die das Zentrum gegen Vertreibungen zusammengestellt hatte, zurückzufordern. Warum dieses Beispiel an Zivilcourage bei der Würdigung des Preisträgers nicht erwähnt wurde, ist unverständlich; ist es in bestimmten deutschen und polnischen Augen gar politisch nicht korrekt? Das wäre allerdings fatal.

Unzählig sind inzwischen die Kontakte und Treffen des Ausgezeichneten mit an Landeskunde interessierten Kreisen westlich der Oder. Aber auch gemeinsame deutsch-polnische Tagungen und Projekte z.B. in Landsberg an der Warthe sind zu nennen. Anschaulich berichtete er auf der Festveranstaltung über eine Führung, die er kürzlich für eine Schulklasse aus Rheinland-Pfalz in Vietz veranstaltete.

Einen großen Stellenwert für seine Aktivitäten hat in den letzten Jahren das Haus Brandenburg in Fürstenwalde/Spree gewonnen. Im Rahmen des dort angesiedelten Märkischen Gesprächsforums hielt er einen vielbeachteten Vortrag über „Deutsch-polnische Irritationen? Erfahrungen und Anmerkungen aus dem Raum Küstrin und Landsberg/Warthe", der zeigte, daß eine Verständigung zwischen den Nachbarn keine Einbahnstraße ist.

Alle, die Czarnuch kennen und mit ihm zusammenarbeiten, wünschen aufrichtig, daß er weiterhin Gesundheit und Kraft besitzt, die für die deutsch-polnische Nachbarschaft so wichtige Brückenarbeit fortzusetzen. Seine Liebe gilt der Kleinen Heimat Neumark, einem wunderschönen Land mit vielen Wäldern, Fluren und Seen und dabei siedlungsarm wie zu deutschen Zeiten vor den Toren Berlins.

Karlheinz Lau (KK)

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