Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1320.

Vom Doppelsinn des Schöpfens

Die papierene und doch so lebendige Entdeckung der Elbinger Künstlerin Marie-Luise Salden in Japan

Von den tradierten Handwerkskünsten hat das handgeschöpfte Papier – „Washi“ genannt – auch im hochtechnisierten Japan eine anerkannt hohe Bedeutung. Traditionell hergestellt aus Fasern lebendigen Holzes, besonders des Kozo-Baumes (Papiermaulbeer), dient es u. a. als Trägermaterial für religiöse und weltliche Schriften, für traditionelle Tür- und Fensterbespannung, Kleidung, Accessoires oder als hochwertiges Verpackungsmaterial.

Schönheit und Einzigartigkeit bei staunenswerter Vielfalt werden besonders in der Gestaltungskunst offenbar und machen das „Wesen“ von Washi erfahrbar. Dahinter steht der einzelne Künstler/die Künstlerin mit einem hohen Anspruch an das eigene Werk.

Während meines ersten Japanaufenthaltes 1998 erfuhr ich, daß mit dem Studium der Holzschnitt-Technik auch das Erlernen des Papierschöpfens einhergeht, und zwar nicht nur, um das geeignete Papier zum Drucken herzustellen, sondern vielmehr, um eine eigene autonome Kunstform zu schaffen. Bei einem bekannten Meister entdeckte ich damals diese faszinierende Technik.

Meine jüngste Erfahrungdurfte ich im März 2012 bei Professor Yasuhiro Kasugai machen, dessen Werkstatt mir zum vierten Mal zu Studium und Arbeit offenstand. Er lebt und arbeitet als Meister des Papierschöpfens und -gestaltens und als Lehrer in dem idyllischen Obara in den Bergen nördlich von Nagoya. Es befindet sich hier ein beeindruckend schönes Papierkunst-Museum, dem eine große Washi-Werkstatt mit Vortragsraum und ein Museumsladen angegliedert sind.

Belebt ist der Ort durch knapp 20 ansässige Künstlerinnen und Künstler mit vielseitigen Arbeitsweisen. In die Welt dieses stillen Künstlerdorfes einzutauchen setzt neue Maßstäbe. Ich stelle meine bisherige Arbeit auf einen neuen Prüfstand. Das liebevoll gestaltete traditionelle Wohnhaus mit seiner Bilderfülle wie auch der hinter dem Haus ansteigende verwunschene Berggarten sprechen zu mir. Ich lasse die Atmosphäre von Entrücktheit mit meinen inneren Bildern verschmelzen. Hier entstehen meine neuen Papier-Schöpfungen im Format der traditionellen Schiebetüren unter Verwendung von Kozo-Fasern, Mitsumata-Fasern, Nori, einer klebrigen Absonderung des Tororoaoi (Abelmoschus), und dem wichtigsten Bestandteil: dem klaren Bergwasser.

Die Wurzel des Tororoaoi wird auf einem Stein am Boden mit einem Holzhammer zerklopft, dann gewässert und nach etwa einer Stunde in einem Leinensack in einen Eimer Wasser gehängt. Sie sondert eine zähe, schleimige Flüssigkeit ab, die als klebriger Stoff die Holzfasern bindet. Dieses natürliche Bindemittel wird Nori genannt. Während es sich bildet, wird der weichgekochte Bast des Kozo-Baumes, der aus längeren dünnen Bahnen besteht, ebenfalls mit dem Holzhammer auf einem Stein so lange geklopft, bis die Fasern zerfallen. Nun kann die breiartige Fasermischung, Pulpe genannt, hergestellt werden: Kozo-Fasern, Nori und Wasser werden in Eimern vermischt, mit einem Bambusstab heftig gerührt und schließlich mit der Hand verquirlt. Letzteres ist für die Verteilung der Fasern in der Pulpe besonders wirksam.

Interessante Daten aus der Wissenschaft der Papierherstellung seien hier erwähnt: Die Lebensdauer von Kozo-Washi beträgt etwa 400 Jahre, die von Mitsumata-Washi rund 600 Jahre und die von Gampi-Washi etwa 1500 Jahre bei größter Reißfestigkeit.

Da das etwa zwei Quadratmeter große Sieb, das mit feiner Kunststoffgaze bespannt ist, nicht in die Pulpe getaucht werden kann, wird der Papierbrei mit dem Eimer auf das Sieb geschüttet und dieses zum Verteilen der flüssigen Masse sacht hin und her bewegt. Dabei fließt das Wasser in das darunter befindliche große Becken. Auf der Gaze bleiben die festen Bestandteile der Pulpe als weiche Schicht liegen. Grobe Fasern und Schmutzteilchen werden mit einer Pinzette vorsichtig entfernt. Die Bildgestaltung kann beginnen: Lange Kozo-Fasern, partiell aufgetragene zusätzliche Pulpe, mit Tuschen getönte Fasern oder Pulpe werden zur Umsetzung der Bildidee auf die feuchte Oberfläche gelegt, gespritzt oder geschüttet. Mit den Händen gestalte ich gelegentlich Spuren und Linien.

Da ich in meiner jetzigen Arbeitsphase Akzente mit 97prozentigem Blattgold setze, wird vor dessen Auftragen eine leichte Schicht von Mitsumata-Pulpe über die gesamte Arbeitsfläche gegossen. Diese kurze Faser mit schwacher Reißfähigkeit gibt der Washi-Oberfläche eine seidige Verfeinerung und läßt die Goldpartikel besser haften. Äußerste Konzentration verlangt das Auftragen des Goldstaubs. Das Blattgold wird mit einem kurzborstigen Pinsel in einem kleinen Bambussieb zerrieben und der Bildkomposition entsprechend aufgestreut. Als letzter Arbeitsschritt wird reines Wasser über dem Gold zerstäubt.

Nach Fertigstellung des Bildes trocknet es auf dem Sieb tagelang im Raum oder draußen an der frischen Luft. Dann kann es abgelöst und mit einem großen Washi-Bogen auf der Rückseite verstärkt werden.

Die Stille, das sanfte, leicht zu handhabende Material, die Klänge des fließenden und tropfenden Wassers machen die Gedanken weit: Ich schöpfe aus dem Augenblick. Papierschöpfen gleicht einer Meditation. Ich bin und arbeite in der unbegrenzten, pulsierenden Stille. Gedankt sei dem Meister für seinen anregenden Unterricht und die nachhaltige Inspiration. In gleicher Weise Dank seiner Mutter, dem guten Geist des Hauses, für die herzliche Gastfreundschaft.

Yasuhiro Kasugais farbige Washi-Bilder von sanfter Ausdruckskraft berühren durch seine einfallsreiche Gestaltung und zeitlose Botschaft. Sein romantischer Zug verweist auf einen Wesensaspekt japanischer Kunst. Aus dem fortgesetzten Dialog während der Arbeit entstand der Wunsch, daß die Washi-Kunst von Yasuhiro Kasugai, das Kunstmuseum in Obara und Ergebnisse unserer Zusammenarbeit in naher Zukunft in Deutschland vorgestellt werden.

Marie-Luise Salden (KK)

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