Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1260.

Vom Hehmann und den Venusmännchen – und -weibchen

„Der Hehmann“, „Der Otternkönig“, „Das Kegelspiel der Venusweibchen“ – nicht jeder Überschrift einer Sage ist anzumerken, um welches Thema es sich handelt. Der „Hehmann“ durfte nicht verspottet werden, indem ihn jemand mit seinem „He-He!“ nachäffte. Ein Knecht auf der Heimfahrt mit dem vollbeladenen Heuwagen wagte es dennoch einmal. Und die Sage ging: „Kaum aber war sein Ruf verklungen, da stürzte ein riesiger Kerl mit kohlrabenschwarzem Gesicht aus dem Wald. Er hielt einen Baumstamm in den Armen, mit dem rammte er den Heuwagen. Dieser kippte um und begrub den Knecht, der sich bei dem Sturz ein Bein brach. Er mußte wochenlang liegen und blieb sein ganzes Leben lahm.“

Schauerlich sind manche dieser Geschichten, die man sich, wie „Der Hehmann“, im Erzgebirge und im Böhmerwald erzählte und die sich dort teilweise noch heute lebendig erhalten haben. Vertriebene haben sie mit in ihre neue Heimat genommen und vielleicht auch weitererzählt. Nicht so bekannt wie der Rübezahl ist der Hehmann. Aber viele Sudetendeutsche und Egerländer erzählen sich noch von beiden. Den Hehmann nehmen sie – ob mit Erfolg, sei dahingestellt – als Warnfigur für unfolgsame Kinder: „Wart nur, der Hehmann wird kommen und…!“ Zählt dieser zu den unheimlichen und Unheil stiftenden Phantasiegestalten im West- und Nordböhmischen, ist in der Lausitz, im Iser- und Riesengebirge ein nicht weniger „unheimliches“ Tierwesen daheim: der Otterkönig. Diese Schlange trägt ein goldenes Krönchen auf dem Haupt. Und das war für Arme wie Reiche gleichermaßen ein Objekt der Begierde. Meistens aber büßte es der Räuber mit dem Leben, daß er die Kühnheit besaß, den Otterkönig zu bestehlen. Die Tiere, so lehrte diese Sage, besitzen Macht über den Menschen. Wie in jeder gebirgigen Gegend gab es auch in Mährisch Schlesien Zwergensagen. Eine davon ist „Das Kegelspiel der Venusweibchen“. Dies sind hilfreiche Wesen, die dem Menschen gut gesonnen sind und erst bei Dunkelheit aktiv werden, um unerkannt zu bleiben. Rund um die Ortschaft Schwarzwasser gehen mehrere Sagen. Zum Beispiel die: In einer Höhle nahe des Dorfes Pittarn kegelten Venusweibchen und Venusmännchen mit Kegeln und Kugeln aus Gold. Der nächtens aufgehaltene Wanderer wurde zum Mitspielen eingeladen. Er mußte drei Fragen beantworten, dann schenkte man ihm einen der Kegel aus Gold. Gab er aber keine Antwort oder wußte nur eine falsche, mußte er sich in ein Venusmännchen  verwandeln lassen. Er war dazu verdammt, ewig bei den Kobolden zu bleiben. Böse, unheimliche, aber auch gute Mächte stellen sich den Menschen entgegen, beherrschen sie oder sind zu ihrem Heil aktiv. Alle Sagen – auch die, die der Würzburger Schriftsteller und Pädagoge Heinrich Pleticha (selbst aus Böhmen stammend) in diesem als Geschenkbuch geeigneten Band  gesammelt und neu erzählt hat – sind an einen bestimmten Ort gebunden. Landschaft und Mensch, Tier und Wetter, Himmel und Hölle treffen sich in der Sage. Viele Motive kehren abgewandelt immer wieder. Sagen sind mündlich überliefert. Die Brüder Grimm sammelten sie und veröffentlichten zwischen 1816 und 1818 zwei Bände „Deutsche Sagen“. Magisches, Numinoses, Dämonisches und Mythisches finden sich, oft in eigenartigen Verschränkungen, auch in den aus dem Böhmischen und Mährischen überlieferten Sagen. Sie werden belebt von Hexen und Teufeln, Riesen und Zwergen, Käuzen und Originalen und sind jeweils an einen Realitätshintergrund und an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden. Daher ist es sinnvoll, den Sagen Informationen über die regionalen Verortungen anzuhängen.

Das geschieht hier unter der Rubrik „Übrigens…“. Zu den drei ausgewählten Sagen heißt es: „Venusweibchen gehören zur Gruppe der Venusleute, das sind zwergengroße Wesen, die sich recht gut mit den Menschen verstehen und ihnen auch gerne helfen. Schwarzwasser liegt in Mährisch-Schlesien.“ – „Der Otterkönig gehört zu den unheimlichen Tierwesen. Beheimatet ist er vor allem im nordböhmischen Grenzgebiet zur Oberlausitz und zu Schlesien.“ – „Der Hehmann ist eine bekannte Sagenfigur vor allem im Erzgebirge und im Böhmerwald. Seinen Namen erhielt er wegen seines Rufes ‚Heh, heh!‘ oder ‚Hoh, hoh!‘.“ Seinen besonderen Reiz erhält das zum Vorlesen (auch für Kinder) und Selberlesen gleichermaßen geeignete Buch durch die mancher Sage beigegebene altertümliche  Illustration, wobei die Quellen aber nicht genannt werden. Es dürfte sich um populäre Zeitschriften oder Zeitungen handeln, die früher gerne Porträts oder Landstriche, Städteansichten oder auffällige Naturdenkmale brachten. Diese Illustrationen machen die Sage nicht unbedingt „greifbar“, doch sie regen die Leserschaft zum Aufsuchen der landschaftlichen Schönheiten und Besonderheiten an. So etwa der Ruine Schreckenstein, die Ludwig Richter gezeichnet hat, oder der Burg der Rosenberger im Südböhmischen. „Noch heute“, so heißt es dazu beim Historiker Pleticha, „erinnert das Wappen mit der fünfblättrigen Rose an diese Familie, von der auch Adalbert Stifter in seinem Roman ‚Witiko‘ erzählt. Die Weiße Frau, die auf den Schlössern der Familie geistert, ist Berta von Rosenberg, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte und wegen ihrer Wohltätigkeit beim Volk ungemein beliebt war.“

Hans Gärtner (KK)

Heinrich Pleticha (Hg.): Sagen aus Böhmen und Mähren. Verlagshaus Würzburg (Flechsig) 2008. 136 Seiten, illustriert, 17,90 Euro

 

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