Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1265.

Vom Klassenkampf der Genossen gegen die Volksgenossen

Der tschechische Journalist Vladimir Votypka hat schon drei Bücher über den „böhmischen“ Adel geschrieben. Das Werk, das jetzt in deutscher Übersetzung bei Böhlau erschienen ist (leider recht verspätet ins Deutsche übertragen), beschränkt sich auf die Adelsfamilien, die seiner Meinung nach abstammungsmäßig dem tschechischen Volk zuzurechnen sind oder sich zu ihm bekennen. So sind hier Ausschnitte aus den Familiengeschichten der bedeutenden Adelsgeschlechter unter anderem der Lobkowicz, Sternberg, Kinsky, Schwarzenberg, Schlik, Czernin u.a. wiedergegeben, die der Autor zum Teil schon in der kommunistischen Zeit nach 1968 unter Schwierigkeiten aufgesucht und um Lebens-, in diesem Falle oft Leidensberichte über die Zeit unter den verschiedenen politischen Systemen gebeten hat. Teilweise begegneten sie ihm deshalb mit großem Mißtrauen. Die Aufzeichnungen wurden zensurbedingt erst in den 90er Jahren ergänzt und veröffentlicht.

Nachdem die meist reiche, über sehr großen Grundbesitz verfügende Schicht schon in der ersten tschechoslowakischen Republik (1918 bis 1938) von rigorosen staatlichen Enteignungen betroffen war, befand sie sich während der deutschen Besetzung (1939 bis 1945) erst recht unter Druck, da die Besatzer bei Verweigerung der Zusammenarbeit die Schlösser unter Zwangsverwaltung stellten. Aktive Widerständler wie einige Grafen Borek-Dohalsky oder Franz Kinsky litten in NS-Lagern.

Allerdings sollte sie dies nicht vor den systematischen Verfolgungen und brutalen Beraubungen schützen, die nach 1948 mit der Machtergreifung der Kommunisten unter Gottwald begannen. Sie erlitten dann Grausamkeiten, wie sie die Adelsfamilien deutscher Herkunft und deutscher Staatsangehörigkeit wie die Clam-Gallas, des Fours, Metternich, Salm-Salm, Liechtenstein Wisenberg, Beaufort-Spontin und viele andere durch die Benes-Dekrete (1945) in Form von Vertreibung und Enteignung schon erlitten hatten. Von diesen Familien ist aufgrund der ethnischen (wenn auch gerade beim böhmischen Adel sehr zweifelhaften) Zuordnung nicht die Rede.

Eine Familie wie die Schwarzenbergs, die über Jahrhunderte eine herausragende Rolle gespielt hat und aus der der gerade amtierende Außenminister Karl Schwarzenberg stammt, hat ihren Stammsitz in Franken bei Würzburg. Karl von Schwarzenberg aus der Worliker Linie wuchs nach der Emigration 1948 in Österreich auf, wurde von seinem Onkel Heinrich von Schwarzenberg aus der Linie Frauenberg-Krummau adoptiert, der in Österreich begütert war. Im Jahre 1990 wurde er Kanzler des Präsidenten Václav Havel. Sein Verwandter Ernst von Schwarzenberg, der nach 1945 in Böhmen geblieben war, verlor Schloß Tochowitz, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und mußte nach 1957 von 400 Kronen „Pension“ leben. 1992 erhielt seine Tochter, die emigriert war, Tochowitz zurück.

Ähnliche Schicksale erlitten Josef Kinsky, Graf Georg Borek-Dohalsky, Baron von Hruby und Gelenj, Zdenek Graf Sternberg und viele andere. Jahrelang schufteten sie im Uranbergbau von Joachimsthal und Schlackenwerth, den Kohlegruben von Karwin, vegetierten in den Gefängnissen von Ruzyne und Pankrac. Ihre Schlösser wurden ausgeplündert, wertvolle Kunstschätze verschleudert oder verschleppt oder dem sogenannten „Fonds für nationale Rückgewinnung“ zugeführt. Nach den Haftzeiten konnten sie nur untergeordnete Tätigkeiten ausüben, so arbeitete Graf Sigmund Schlik (Jicin) als Tankwart, Graf Sternberg als Kulissenschieber, Hugo Graf Strachwitz als Heizer und Lokomotivführer. Das kommunistische Regime trieb die meisten Adligen ins Exil nach Österreich, Deutschland oder Übersee. Nach dem Zusammenbruch der KPC-Herrschaft erhielten sie – im Unterschied zu Adligen deutscher Herkunft – ihre zum Teil ruinierten Schlösser zurück, so die Schwarzenberg, Kinsky, Hruby, Sternberg, Czernin, Wratislaw, Bubna und andere.

In den hier vorgestellten Lebensbeschreibungen offenbart sich der grausame „Klassenkampf“, der Menschen und Familien zerstörte, die Kulturleistungen von Jahrhunderten vernichtete und Kunstdenkmäler verkommen ließ. Votypka schildert eine weitere böhmische Tragödie in einfühlsamer Weise.

Etwas verwunderlich ist, daß dabei die Verfolgung der Sudetendeutschen zwischen 1945 und 1947 nur sehr selten einbezogen wird. Immerhin äußert sich Graf Zdenek Sternberg über diese Vorgänge als Zeuge des Prager Aufstandes und der dabei verübten Verbrechen an Deutschen: „Man kann dabei nicht wirklich von Heldentum sprechen. Stark hat aber auf mich all die Unmenschlichkeit gewirkt, die ich nie zuvor erlebt habe und die in meinem Leben einen Bruch bedeutet hat … Mit eigenen Augen habe ich im Wasser (der Moldau) acht vorbeitreibende Leichen gesehen … Menschen, die an Kandelabern aufgehängt worden sind … nur ungern habe ich mir eingestanden, daß mein eigenes Volk einer so grausamen Sehnsucht nach Rache verfallen war.“

Rüdiger Goldmann (KK)

Vladimir Votypka: Böhmischer Adel. Familiengeschichten. Böhlau-Verlag, Wien 2007. 383 Seiten, 24,90 Euro

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