Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1273.

Vom Schweidnitzer Keller zum halbglobalen Gulag

Die Leipziger Buchmesse zeugt von der Virulenz verdrängter Themen und der kreativen Potenz derer, die gegen Verdrängung anschreiben

Es ist erstaunlich, mit welcher kontroversen Vehemenz das Jahrhundertthema Flucht und Vertreibung in der deutschen Öffentlichkeit noch immer diskutiert wird. Wäre das Thema abgeschlossen, das seit nunmehr 64 Jahren Verstand und Herzen erregt, abgeschlossen und in ferne Geschichtsräume verschoben wie beispielsweise der Dreißigjährige Krieg, der für die Deutschen ein ähnlich tiefer Einschnitt war, so könnte man es getrost den Fachhistorikern überlassen. So aber ist dieses Thema, auch fast zwei Jahrzehnte nach der Aufhebung  deutscher Zweistaatlichkeit, Teil deutscher Geschichtspolitik. Wer unermüdlich nach Spuren ostdeutscher Geschichte und Kultur suchte, konnte auch 2009 auf der Leipziger Buchmesse fündig werden. So ist zunächst auf ein Buch Thomas Marucks, „Der Schweidnitzer Keller“, zu verweisen, das im Würzburger Bergstadt-Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (gegründet 1732 in Breslau) erschienen ist. Die reich illustrierte Monographie bietet in elf Kapiteln nicht nur die Geschichte dieses berühmten Traditionsrestaurants, sondern auch die seiner Rezeption in der Literatur. Schlesische Geschichte bietet auch der be.bra-Verlag in Berlin mit dem neuen Buch von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Wolfdietrich von Kloeden über Edith Stein. Der Berliner Stapp-Verlag wird im Mai 2009 das bisher verschollene und in den Kriegswirren um 1945 verloren geglaubte „Tagebuch vom Jahre 1799“ des ostpreußischen Adligen Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff (1727–1811) unter dem Titel „Am Hofe der Königin Luise“ veröffentlichen. Dieses in französischer Sprache geführte Tagebuch bietet ein „Sitten- und Gesellschaftsbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts“.  Auch das 1950 in Marburg/Lahn gegründete Herder-Institut war auf der Leipziger Buchmesse mit eigenem Stand vertreten. Hier wird seit über einem halben Jahrhundert die Geschichte Ostmitteleuropas erforscht, wobei so gewichtige Werke entstanden wie Christoph Schuttes Buch „Die Königliche Akademie in Posen (1903–1919)“, das 2008 erschien, und der „Städteatlas Schlesien“, ein gewaltiges Werk in 33 zweisprachigen Einzelbänden (in Vorbereitung). Ein Pfund, mit dem die Nachkriegsdeutschen in ihrer Geschichtsvergessenheit viel zu wenig wuchern, ist das literarische Erbe Ostdeutschlands. Immerhin erscheint seit Jahrzehnten eine „Kritische Gesamtausgabe“ der Schriften des schlesischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834), der 1799 mit seinem Buch „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ bekannt wurde. Innerhalb der Werkausgabe im Berliner Walter-de-Gruyter-Verlag wurde 2008 der „Briefwechsel 1804–1806“ ediert, bearbeitet von Andreas Arendt und Simon Gerber, der 343 Briefe enthält.

Zum literarischen Erbe gehören auch die Gedichte Oskar Loerkes oder Paul Celans. Während der im westpreußischen Jungen an der Weichsel geborene Bauernsohn Oskar Loerke zu seinem 125. Geburtstag am 13. März 2009 kaum gewürdigt wurde, gibt es zum lyrischen Werk des aus Czernowitz im Buchenland in Rumänien stammenden Paul Celan im Suhrkamp Verlag einen Sonderprospekt und die „Tübinger Ausgabe“ seiner Werke, ediert von Jürgen Wertheimer, in neun Bänden sowie eine historisch-kritische „Bonner Ausgabe“ in 16 Bänden, ediert von Beda Allemann, außerdem liegen zehn Bände mit Briefwechseln vor.  Axel Dornemann vom Stuttgarter Hiersemann-Verlag, der 2005 die bisher umfassendste Bibliographie zum Thema Flucht und Vertreibung erarbeitet hat, hat nun unter dem Titel „Der ewige Tourist“ (Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt) eine Sammlung von Reisefeuilletons des in der lettischen Hauptstadt Riga geborenen, heute vergessenen Sigismund von Radecki herausgebracht.

Ein überaus wichtiger Vermittler des literarischen und historischen Erbes sind in jedem Jahr die „Ostdeutschen Gedenktage“ der Bonner Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, von denen die Jahrgänge 2007 und 2008 im letzten Jahr, wie immer sorgsam redigiert von Ernst Gierlich, erschienen sind. Man möchte sie jedem Wißbegierigen, der Ostdeutschland mit Mitteldeutschland verwechselt, überreichen mit der Bitte, sich selbst ein Bild von der reichen Kultur Schlesiens, Pommerns und Ostpreußens und der anderen östlichen Siedlungsgebiete zu machen. Beide Bände sind verfügbar. Ein eher unsinniges und jeder historischen Kontinuität widersprechendes Verfahren nach dem „Belegenheitsprinzip“ wird im „Literarischen Führer Deutschland“ (1470 Seiten) von dem Saarländer Publizisten Fred Oberhauser und dem Lüneburger Germanisten Axel Kahrs angewandt, der 2008 im angesehenen Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig erschienen ist. Im Geleitwort des einstigen DDR-Schriftstellers Günter de Bruyn wird lobend erwähnt, daß „hier Deutschland nun auch literaturtopographisch wieder vereinigt“ würde. Es fragt sich nur, um welchen Preis! Gerade Günter de Bruyn macht die Aporien eines solchen Auswahlprinzips deutlich erkennbar, wenn er über Alfred Döblin schreibt, daß man ihm „nicht nur in seinem Sterbeort Emmendingen begegnen (könne), sondern auch am Schauplatz seines berühmten Romans am Alexanderplatz in Berlin“, wobei unerwähnt bleibt, daß man ihm an seinem Geburtsort, der pommerschen Hauptstadt Stettin, in diesem Lexikon nicht begegnen kann. Das politisch, nicht literaturgeschichtlich ausgerichtete Prinzip dieses Nachschlagewerks hat zur Folge, daß ein hochrangiger Denker, der die geistige Entwicklung der Menschheit vorangebracht hat, der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant aus Königsberg in Preußen, dessen Denkmal noch heute vor der Kaliningrader Universität steht, in diesem Buch nicht vorkommt, denn schließlich hat er in seinem ganzen Leben Ostpreußen niemals verlassen, der DDR-Kulturfunktionär und Schriftsteller Hermann Kant dagegen siebenmal genannt wird. Die wissenschaftliche Leistung, die Fred Oberhauser, Axel Kahrs und ihre drei Mitarbeiter mit diesem umfangreichen Band erbracht haben, steht außer jedem Zweifel. Aber es schmerzt, wenn gewichtige Passagen der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte ausgeschlossen bleiben, nur weil ihre Verfasser jenseits von Oder und Neiße geboren wurden und an der Memel oder an der Weichsel ihre Gedichte geschrieben haben, ohne zu ahnen, daß ihnen das nach Jahrhunderten schaden könnte.  Im Berliner Karl-Dietz-Verlag, dem alten SED-Parteiverlag bis 1989/90, hat man, reichlich spät, auf die bisher totgeschwiegenen Verbrechen des Stalinismus  mit dem Buch „Weggesperrt. Frauen im Gulag“ reagiert, worin aber offensichtlich nur die Schicksale sowjetrussischer Frauen (das Buch erscheint im Juni) geschildert werden. Nina Kamm, die Übersetzerin und Herausgeberin der Texte, ist 1957 geboren und hat in Moskau und Rostow am Don studiert. Die Buchankündigung des Verlags ist so abgefaßt, als würde hier ein völlig neues und unerhörtes Thema aufgegriffen, wo doch in den zwei Jahrzehnten seit dem Mauerfall 1989 eine Fülle von Aufklärungsliteratur erschienen ist. Die 1924 geborene Breslauerin Christa Ludes war für fast fünf Jahre in ein sibirisches Bergwerk zur Zwangsarbeit verschleppt worden, nachdem sie vorher mehrmals vergewaltigt worden war. Ihren Bericht darüber, „Ein schlesisches Schicksal“ (erschienen 2008 beim Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel) konnte sie erst im Alter von 84 Jahren veröffentlichen. Das trifft auch für Hartmut Schattes Ostpreußenroman „Gestorbenes Land“ zu, der 2009 im Westkreuz-Verlag erschienen ist.

Es ist nicht die Lebensgeschichte des 1945 in Leipzig geborenen, in Guben an der Neiße aufgewachsenen und heute in Cottbus lebenden Verfassers, sondern die eines in Rußland geborenen Deutschen, der bis 1945 in Tilsit gelebt hat und von dort nach Neubrandenburg vertrieben wurde.  An Biographien und Autobiographien ostdeutscher Autoren war in Leipzig kein Mangel.  Zum 70. Todestag des 1894 in Brody bei Lemberg geborenen Erzählers Joseph Roth veröffentlichte Wilhelm von Sternburg das Buch „Joseph Roth“. Des 25. Todestags des Erzählers und Lyrikers Franz Fühmann ist am 8. Juli 2009 zu gedenken. Das Buch „Franz Fühmann. Die Kunst des Scheiterns“ von Gunnar Decker, Hinstorff-Verlag Rostock, ist die dritte Biographie nach den Fühmann-Büchern von Uwe Wittstocks und Hans Richter.  Wenige Tage nach der Leipziger Buchmesse, am 18. März 2009, konnte Christa Wolf, geboren jenseits der Oder in Landsberg an der Warthe, ihren 80. Geburtstag feiern, der in allen überregionalen Zeitungen und am 20. März auf einer Feier in der Berliner Akademie der Künste gewürdigt wurde. Dort wurde ihr auch von Therese Hörnigk, der Herausgeberin, der Sammelband „Sich aussetzen. Das Wort ergreifen“ mit 70 Beiträgen von Freunden und Kollegen überreicht.  Die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel aus Königsberg ist vielleicht nur noch der älteren Generation ein Begriff. Die Literaturwissenschaftlerin  Marianne Kopp hat mit Ulf Diederichs den ersten Briefband ediert. Unter dem Titel „Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung“ im Maro-Verlag Augsburg sind die Briefe gesammelt, die sie zwischen 1901 und 1922 an die Freundin und Dichterkollegin Lulu von Strauß und Torney geschrieben hat. Der 1953 in Ostberlin geborene Autor Reinhard Jirgl ist Ostpreußen auf andere Weise verbunden. In seinem neuen Roman „Die Stille“ verfolgt er das Schicksal zweier deutscher Familien von der Kaiserzeit über zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung und geteiltes Deutschland bis zur Wiedervereinigung.  Drei Brüder aus Oppeln in Oberschlesien gehen im Winter 1945 mit ihrer Mutter Hedwig auf die Flucht vor der nahenden Front. Jakob, 1939 geboren, ist der jüngste von ihnen. Zuflucht finden sie zunächst in Rangsdorf bei Berlin.

Unter dem Titel „Mamas rosa Schlüpfer“ (2006) hat der heute im fränkischen Ebermannstadt wohnende Lehrer Joachim Kortner über diese aufregende Zeit einen Roman veröffentlicht (Books on Demand Norderstedt). Was ein richtiger Leser ist, für den besteht und ersteht Geschichte aus Lebensgeschichten.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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