Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1219.

Von Benns „unendlich geliebtem Land“ zum „Kosmonauten von Kaliningrad“

Neu- und Wiedererscheinungen ostdeutscher Literatur auf der Leipziger Buchmesse

Wer auf der Leipziger Buchmesse nach ostdeutscher Literatur sucht, nach Literatur also aus Schlesien, Ost-Brandenburg, Hinterpommern und Ostpreußen, muß ein gewisses Vorwissen mitbringen, wenn er aufspüren will, was aus oder über ostdeutsche Provinzen veröffentlicht wurde.

Beginnen wir mit dem Berliner Arzt und Lyriker Gottfried Benn (1886–1956), der kaum im Kontext „Ostdeutschland“ vermutet werden dürfte. Er ist am 2. Mai 1886 im mitteldeutschen Mansfeld/Prignitz geboren, seine Eltern aber, sein Vater war in dritter Generation Pfarrer, verzogen 1887 nach Sellin/Neumark, wo er aufgewachsen ist und wo er bis zum Abitur gelebt hat. Daß er eine ostdeutsche Kindheit hatte, ist seit Jahren bekannt. Jetzt kann man in zwei Biographien, „Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit“ von Helmut Lethen (Rowohlt) und „Gottfried Benn. Genie und Barbar“ von Gunnar Decker (Aufbau), Näheres über die ersten 18 Lebensjahre in diesem „unendlich geliebten Land“ (Gottfried Benn) nachlesen.

Geboren in Ost-Brandenburg dagegen, 1929 in Landsberg an der Warthe, ist die spätere DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, von der jetzt eine Sammlung von Erzählungen „Mit anderem Blick“ (Suhrkamp) erschien.

Auch das Romanwerk des Pommern Wolfgang Koeppen (1906–2002), geboren am 23. Juni 1906 in Greifswald, aufgewachsen im ostpreußischen Ortelsburg, wird vom Suhrkamp Verlag betreut. Zum 100. Geburtstag erscheinen nicht nur der erste Band einer umfassenden Werkausgabe  (14 Bände), sondern auch der Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld (584 Seiten) und als Taschenbuch die „Liebesgeschichten“ (April 2006), herausgegeben von Hans-Ulrich Treichel.

Eine pommersche Autobiographie muß noch erwähnt werden, auch wenn sie von einem DDR-Kommunisten stammt. Geschrieben und 2005 veröffentlicht unter dem Titel „So viele Träume. Mein Leben“ (Rowohlt) wurde sie von Lothar Bisky, dem heutigen PDS-Vorsitzenden, der 1941 in dem hinterpommerschen Dorf Lüllemin im Kreis Rummelsburg geboren wurde. Im ersten Kapitel „Gegen den Strom“ berichtet er kurz über die Kriegsjahre in Hinterpommern und die Flucht über Stettin nach Brekendorf in Schleswig-Holstein, ausführlicher dann aber über das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen im nördlichsten Bundesland, Erlebnisse, die Arno Surminski schon in seinem Roman „Kudenow oder An fremden Wassern weinen“ (1978) verarbeitet hat.

Im Berliner Siedler Verlag legt der am Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitende Andreas Kossert (geboren 1970) nach seinem Buch „Masuren. Ostpreußens vergessener Süden“ (2001) einen Folgeband „Ostpreußen. Geschichte und Mythos“ (2005) vor, das sicher in der Presse der Heimatvertriebenen, wie schon das erste Buch, berechtigte Kritik finden wird.

Der in Lyck/Masuren geborene Erzähler Siegfried Lenz konnte auf der Leipziger Buchmesse seinen 80. Geburtstag feiern. Der Stand seines Verlages, Hoffmann und Campe in Hamburg, war denn auch mit Fotos des Autors geschmückt und bot den Lesern eine umfassende Ausgabe der Erzählungen auf 1536 Seiten. Im Lüneburger Verlag zu Klampen erschien Erich Maletzkes Buch „Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung“, worin auch Kindheit und Jugend des Autors in Ostpreußen bis zur Desertion von der Wehrmacht 1945 beschrieben werden.

Die deutsche Kulturlandschaft Böhmen und Mähren war in Leipzig mit vier Autoren vertreten. Da war zunächst die 1916 in Prag geborene Lenka Reinerová, die am 17. Mai ihren 90. Geburtstag feiern kann. Der 1933 in Schlesien geborene und heute in Jena lebende Literaturkritiker Günter Gerstmann hat es unternommen, unter dem Titel „Jedes Wort ein Flügelschlag“ im Notschriften-Verlag Radebeul zum 85. Geburtstag (20. September 2005) Gedichte und Prosatexte des im mährischen Jägerndorf geborenen Lyrikers und Tagebuchschreibers Hanns Cibulka (1920–2004) zu sammeln. Der Rostocker Hinstorff-Verlag, bis 1989 Anlaufstelle junger DDR-Autoren, hat sein literarisches Programm stark eingeschränkt, der einzige DDR-Schriftsteller, den er noch führt, ist der im böhmischen Rochlitz geborene Franz Fühmann (1922–1984), von dem aus dem schier unerschöpflichen Nachlaß immer wieder ein neues Werk auftaucht wie neuerdings „Das Ruppiner Tagebuch“.

Den Beitrag ostdeutscher Literatur auf der Leipziger Buchmesse rundeten die Schlesier Herbert Hupka und Monika Taubitz mit Büchern ab, die schon in der KK besprochen worden sind.

Über den Einmarsch der „Roten Armee“ in Schlesien und die Flucht der Schlesier schrieb der 1926 in Hindenburg/Oberschlesien geborene Schriftsteller Werner Heiduczek in seinem DDR-Roman „Tod am Meer“ (1977), der nach der ersten Auflage nach Einspruch des Sowjetbotschafters Pjotr Abrassimow verboten wurde. Dieser Roman war einer der vergeblichen Versuche in der DDR-Literatur, Flucht und Vertreibung ohne ideologische Vorbehalte aufzuarbeiten. Jetzt kann man in Werner Heiduczeks Autobiographie „Die Schatten meiner Toten“ (Faber und Faber) nachlesen, wie ein Schriftsteller behandelt wurde, der angeblich die „ruhmreiche Sowjetarmee“ beleidigt hatte.

Im neugegründeten Antaios-Verlag, der in Albertsroda ansässig ist, wird von Götz Kubitschek eine Reihe „Die vergessene Bibliothek“ betreut, wo nach dem Jahrhundertroman „Baltische Tragödie“ (1933/35) des Deutschbalten Siegfried von Vegesack (1888–1974) jetzt auch der verschollene Roman „Schwarze Weide“ (1937) des Schlesiers Horst Lange (1904–1971) ediert wurde. Auch der Lusatia-Verlag in Bautzen bietet Schlesisches: Dort erscheinen, in erweiterter Auflage, Michael Guggenheimers Buch „Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft“ und Hannelore Lauerwalds Erzählung „Goethes Minchen in Görlitz“ über Goethes Geliebte Minna Herzlieb, die in einer Görlitzer Nervenklinik starb. Über den fast vergessenen Oberschlesier Hans Niekrawietz (1896–1983), den „Sänger der Oder“, gibt es inzwischen eine polnische Dissertation von Joanna Bzdok an der Universität Breslau über seine nahezu vier Jahrzehnte „Exil“ in Westdeutschland. Auch dieses Buch ist ein Beweis dafür, wie intensiv die polnische Germanistik die schlesische Literatur wissenschaftlich erschließt und aufarbeitet, während die deutsche Germanistik hier weitgehend abseits steht.

Der verdienstvolle Westkreuz-Verlag in Bad Münstereifel, der seit Jahrzehnten ostdeutsche Literatur verlegt, bietet 2006 zwei neue Bücher an: Zunächst ein Erinnerungsbuch über Schlesien, über Flucht und Vertreibung von Joachim Otto aus Lauban, der seit 1972 in Ludwigsburg bei Stuttgart lebt, „Meine Wurzeln in deiner Heimat“ (160 Seiten); das zweite Buch heißt „Kosmonaut in Kaliningrad“ (352 Seiten) und stammt von Andreas Metz, der Russisch Ostpreußen bereist und die Verwandlung des preußischen Königsberg in eine russische Provinzstadt beobachtet hat.

Im Berliner Karl Dietz Verlag, dem einstigen SED-Parteiverlag, erschien ein dickleibiges Werk über „Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000“ (2005) mit einem Aufsatz Alexander von Platos über „Flüchtlinge und Fluchtverarbeitung in Ost und West“. Von dem in Genf lebenden Historiker Alfred Maurice de Zayas (1945), einem gebürtigen Amerikaner, gibt es die fünfte Auflage seines Buches „Die deutschen Vertriebenen – Keine Täter, sondern Opfer“ (Ares-Verlag, Graz) mit einem Vorwort Erika Steinbachs, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Bei der in Bonn ansässigen Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen erschien im Herbst 2005 ein neuer Band (Jahre 2003/04) des unverzichtbaren Kompendiums „Ostdeutsche Gedenktage“.

Schließlich sollte noch an die Lebenserinnerungen zweier Frauen erinnert werden, die keine geborenen Ostpreußinnen sind, aber einige Jahre in der Hauptstadt Königsberg gelebt und darüber auch geschrieben haben: Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) und Hannah Arendt (1906–1969). Die Lyrikerin und Erzählerin Marie Luise Freifrau von Kaschnitz-Weinberg wurde im badischen Karlsruhe geboren, wuchs in Potsdam und Berlin auf und lebte mit ihrem Mann, einem Archäologen, in den Jahren 1932/37 in Königsberg. Es gibt Aufzeichnungen von ihr, worin sie über diese Jahre berichtet. Die Philosophin Hanna Arendt ist in Hannover geboren, aber in Königsberg aufgewachsen. Sie mußte 1933 über Frankreich in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo sie mit dem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ ihre wissenschaftliche Laufbahn begründete. Auch von ihr gibt es Aufzeichnungen über die Königsberger Jahre, die es zu entdecken gilt.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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