Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1217.

Von der „Kameliendame“ bis zu „Charleys Tante“, von Allenstein bis Teschen

Die Sammlung historischer Theaterzettel in der Staatsbibliothek zu Berlin bietet manch überraschenden kulturgeschichtlichen Einblick

Wie verbrachte der Königsberger Bildungsbürger den Silvesterabend des Jahres 1899? Vielleicht besuchte er das Stadttheater, wo man ab halb sieben am Abend ein buntes Programm bot. „Zur Feier der Jahrhundertwende“ wurde zunächst „An des Jahrhundert’s Neige“ gebracht, eine „dramatische Scene in einem Aufzuge“ des heute vergessenen Königsbergers Richard Heymann; es folgten Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und die „Cavalleria Rusticana“ nach Giovanni Verga. „Ende nach 9½“ – da verblieb dem Königsberger noch ausreichend Zeit bis zum Beginn der Neujahrsnacht.

Innerhalb des ohnehin dichten Spielplans bot dann bereits der 12. Januar den ersten Höhepunkt: das Königsberger Stadttheater lud zur „Ersten Gastvorstellung der K. K. Hofschauspielerin Frl. Adele Sandrock vom K. K. Hofburgtheater“, in der der Wiener Theaterstar die Marguerite Gauthier in Dumas’ „Kameliendame“ gab. Mit einem Eklat hatte sich die Sandrock im Jahr zuvor aus Wien verabschiedet und begab sich nun auf Tourneereisen, die sie auch nach Königsberg führten.

Solch detaillierten Aufschluß über die Spielpläne deutscher Theater liefern vor allem die Theaterzettel der jeweiligen Aufführung. Die Staatsbibliothek zu Berlin verfügt über 300000 historische Original-Theaterzettel, die seit kurzem als tabellarische Übersicht auf der Homepage der Handschriftenabteilung grob verzeichnet sind: www.handschriften.staatsbibliothek-berlin.de/de/
einblattmaterialien/theaterzettel.html.

Die Liste ist nach Orten alphabetisch sortiert und kann nach Veranstaltungsstätten (Theatern) durchsucht werden. Außerdem gibt sie Auskunft über den Zeitraum und die Anzahl der jeweils vorhandenen Zettel. Trotz umfangreicher Kriegsverluste gehört diese Sammlung zu den bedeutendsten im deutschen Sprachbereich. So sind aus dem ostpreußischen Raum das Landestheater bzw. das Stadttheater in Allenstein mit neun bzw. 143 Theaterzetteln aus den Jahren 1943/44 bzw. 1913/14 und 1918/19 vertreten; von Bedeutung sind aber mehr noch das Neue Schauspielhaus und das Stadttheater in Königsberg mit 120 bzw. 1050 Theaterzetteln aus den Jahren von 1911 bis 1914 bzw. 1899 bis 1917. Aus den Vertreibungsgebieten bzw. aus Städten mit deutschsprachigen Theatern liegen darüber hinaus Theaterzettel vor aus Beuthen, Breslau, Brieg, Bromberg, Brünn und Bunzlau, aus Gleiwitz, Graudenz, Landsberg a. d. W., aus Leobschütz, Liegnitz, Marienwerder, Stettin, Stolp und Teschen.
Zurück nach Königsberg zur Jahreswende 1899 auf 1900. Ein ganz willkürlicher Blick auf das damalige Theatergeschehen soll verdeutlichen, welch reichhaltige Schätze für die Königsberger Theatergeschichtsschreibung ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung harren. Nahezu täglich, mitunter mehrmals täglich erschien ein großformatiges, einseitig bedrucktes Blatt, das den Autor, die Besetzung, die Uhrzeit, die Preise der Plätze (Stehparterre 1 Mark, Parquet 3 Mark) und manche Verhaltensmaßregeln („Die Damen werden dringend gebeten im Theater die Hüte abzulegen“) wiedergibt. Musik- und Sprechtheater wechselten sich ab: Webers „Freischütz“ stand neben Lortzings „Czaar und Zimmermann“, dem „Tannhäuser“ und dem „Fliegenden Holländer“.

Die Theaterzettel stellen eine der gern zitierten Fundgruben zur Erforschung der Königsberger Theatergeschichte dar, die nur wenige Fragen offenlassen. Welche Bedeutung maß das Königsberger Stadttheater etwa den einheimischen ostpreußischen, aber auch den schlesischen Dramatikern bei? Freilich, der Erfolgsautor Oscar Blumenthal, Verfasser des „Weißen Rößl“, dominierte mit seinen Schwänken und Lustspielen auch die damalige Königsberger Theaterszene, aber auch der Lokalmatador Hermann Sudermann stand um die Wende des neuen Jahrhunderts u. a. mit seinen Dramen „Fritzchen“ und „Die drei Reiherfedern“ ständig auf dem Programm. Gerhart Hauptmanns „Fuhrmann Henschel“ gab man als „Nachmittagsvorstellung zu halben Preisen“; am 20. Dezember 1899 kam „zum Besten des Gustav Freytag-Denkmalfonds“ Gustav Freytags Drama „Die Journalisten“ zur Aufführung.

Dasselbe Bild zeigt sich auch in Breslau bei den insgesamt 2076 Theaterzetteln des Stadt-Theaters, des Lobe-Theaters und des Thalia-Theaters. Die Landeskinder Carl und Gerhart Hauptmann beherrschen die Szene, und am Silvesterabend 1899 spielt man den Sozialkritiker Henrik Ibsen ebenso wie den Schwank um „Charleys Tante“.

Der überwiegende Teil der Berliner Theaterzettelsammlung wurde zwischen 1899 und 1922 vom Berliner Verlag Breitkopf und Härtel (später Verlag Oesterheld) als Arbeitsgrundlage für die Zeitschrift „Deutscher Bühnenspielplan“ angelegt. 1925 übernahm die damalige Preußische Staatsbibliothek die damals aus 3000 gebundenen Bänden bestehende Sammlung, die zusätzliche Bedeutung durch handschriftliche Notizen der Theaterbüros über Änderungen im Spielplan und in der Rollenbesetzung erhält.

Martin Hollender (KK)

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