Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

Von der Identität des deutschen Volkes

Gedanken im Anschluß an den Tag der Heimat

Zur Identität eines Volkes gehören mehrere Elemente. Da ist zunächst die durch die gemeinsame Volkszugehörigkeit bedingte Gemeinsamkeit der geschichtlichen Überlieferung und des geschichtlichen Erlebens. Das Gewicht der geschichtlichen Überlieferung hängt natürlich ab vom Bildungsniveau. Die Wirksamkeit des zeitgeschichtlichen Erlebens ist dagegen abhängig von den Einschnitten, die die Ereignisse der Zeitgeschichte bei den einzelnen Bürgern hinterlassen haben. Ein weiteres Element der Identität ist das auf eigenem Erleben und auf Erzählungen beruhende Bild von den Landschaften, die das Staatsgebiet des Volkes ausmachen. Wichtige Elemente sind natürlich auch im Alltag und besonders an Festtagen gepflegtes Brauchtum, das naturgemäß stark religiös geprägt ist. So kann es in einem Volk auch zu verschiedenen Ausprägungen des Brauchtums kommen, besonders wenn die Mobilität der Bevölkerung gering ist. Seit der Erfindung schneller Transportmittel (Eisenbahn, Automobil, Flugzeug) besteht ein solcher Mangel an Mobilität nicht mehr, so daß man unterschiedlich geprägte Teile des eigenen Volkes kennt.

Aus diesen Sachverhalten ergibt sich, was die Bundeskanzlerin in ihrem Vortrag am 22. August in Berlin zum Tag der Heimat auf die Formel gebracht hat: Die Erinnerung an den historischen deutschen Osten gehört zur Identität des ganzen deutschen Volkes. Dies ist eine Einsicht, die für das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Selbstbewußtsein des deutschen Volkes von großer Bedeutung ist. Ihr steht ein Verhalten entgegen, das in der DDR geradezu zur Staatsräson gehörte und in der alten Bundesrepublik Deutschland wie auch heute im vereinigten Deutschland weit verbreitet ist. Es ist ein Verhalten des Auslassens und Verschweigens, mit dem man offenbar glaubt, der politischen Gegenwart in Europa einen Dienst zu leisten. Nicht nur daß damit eine tiefgehende Kränkung von vielen Millionen eigenen Landsleuten, die auf diese Weise als Einwanderer oder, wenn man es anders ausdrücken will, als Staatsbürger mit Migrationshintergrund bezeichnet werden, verbunden ist, sondern es wird auch noch dem ganzen deutschen Volke eine Vergangenheit weggeschwiegen, die angesichts des großen Kulturbeitrages der heute nicht mehr zu Deutschland gehörenden Gebiete im Osten uns allen zur Ehre gereicht. Es scheint fast so, als werde es für hilfreich gehalten, unseren Wert herabzusetzen, der ja ohnehin durch das nun wirklich notwendige Bewußtsein von den Untaten des zwölfjährigen NS-Regimes in Mitleidenschaft gezogen worden ist und berechtigtermaßen weiterhin wird.

So ist es also wichtig, daß der von der Bundeskanzlerin geäußerten Einsicht nun endlich in unserem Lande umfassend Rechnung getragen wird. Es ist ein geradezu lächerlicher Ausdruck des geschilderten Fehlverhaltens, wenn zum Beispiel in unseren Medien von Hochwasser in Südwestpolen berichtet wird, während jeder deutsche Zuhörer sofort genau wissen könnte, welche Gegend und welche Flüsse von dem Hochwasser betroffen sind, wenn man sagte, daß es in Niederschlesien eingetreten sei. Da weiß man sofort, daß es sich um linke Nebenflüsse der Oder handelt, die von der Görlitzer bis zur Glatzer Neiße reichen. Oder ein anderes Beispiel: Wenn in Posen (Poznan) die Weltmeisterschaft im Rudersport stattfindet, so hört man in Rundfunk und Fernsehen erfreulicherweise, daß der Austragungsort der Wettkämpfe das polnische Posen sei. Das ist eine für den deutschen Zuhörer passende Ausdrucksweise. Wenn dagegen in der Nähe von Kattowitz in Oberschlesien ein Grubenunglück stattfindet, dann lautet die Ortsbezeichnung in unseren Medien Katowice. Und wenn etwas zu berichten ist über das Gebiet um die frühere ostpreußische Hauptstadt Königsberg, das heute als Oblast Kaliningrad zu Rußland gehört, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn ausschließlich der gegenwärtige Ortsname Kaliningrad gebraucht wird. Was soll damit denn vor allem ein junger Deutscher anfangen? Und wer weiß schon, zu welcher Verbrecherclique der Namenspatron Kalinin gehört hat? Es gehört sich einfach nicht in einem Lande, das den Vorsatz hat, eine aufgeklärte Demokratie zu sein, Informationen zu verbreiten, die dem Erfassen der ganzen Wahrheit hinderlich sind.

Diese Beispiele sind natürlich nur Randerscheinungen. Zentral für die vollständige Identität unseres Volkes ist die Pflege des Bewußtseins des für ganz Europa bedeutsamen Beitrages der ehemaligen deutschen Ostgebiete zur deutschen Kultur. Hier hat die Öffentlichkeit eine bedeutende Aufgabe, mit deren Erfüllung nicht nur dem deutschen Volke, sondern ganz Europa ein Dienst geleistet wird. Es gereicht unseren polnischen Nachbarn zur Ehre, wenn sie zum Beispiel in Breslau das Schloß Friedrichs des Großen in seiner ursprünglichen Gestalt wiederherstellen und in dessen Räumen die preußisch-deutsche Geschichte Schlesiens vom 18. bis ins 20. Jahrhundert zur Darstellung bringen. Ebenso ist es lobend hervorzuheben, daß die russischen Bewohner Königsbergs nicht nur den Philosophen Immanuel Kant durch sein Grabmal und ein Denkmal vor der Universität in Ehren halten, sondern auch den Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Domes erlauben und unterstützen.

Wir sind in Europa eine Völkergemeinschaft, die in vielen Jahrhunderten der Geschichte noch enger verbunden war, als sie es heute nach den Wirren des 20. Jahrhunderts nun durch kluge politische Entscheidungen ist. Wenn wir eine Zukunft gestalten wollen, die die guten Abschnitte unserer europäischen Geschichte übertrifft, dann gehört die ganze Wahrheit über alle Länder Europas ans Licht.

Es war in dem Festakt des Bundes der Vertriebenen zum Tag der Heimat in Berlin auch ermutigend, daß der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily in seiner Dankansprache für die Verleihung der Ehrenplakette des BdV in Anlehnung an Goethes „Märchen" das Gespräch anmahnte, um Vor- und Fehlurteile besonders in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu vermeiden. Mit Recht hatte die Präsidentin des BdV, Erika Steinbach MdB, in ihrer Begründung der Ehrung festgestellt, daß der Bundesinnenminister Schily die Mauern durchbrochen habe, die zwischen dem deutschen Vertreibungsschicksal und der politischen Linken in Deutschland seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgebaut worden sind.

Freilich war es bedrückend zu erleben, daß so wichtige Fortschritte in der Gemeinsamkeit des Denkens unserer Mitbürger erst zu einem Zeitpunkt zu verzeichnen sind, als die wirklich von dem Schicksal der Vertreibung, d. h. einer Entwurzelung aus der Heimat, Betroffenen, die auch im Saale anwesend waren, bereits das 75. Lebensjahr überschritten hatten. Das legt den Gedanken nahe, ob nicht dem Sinn dieses Tages der Heimat in Zukunft besser dadurch gedient werden könnte, daß ein Tag der Heimat für alle Deutschen festlich begangen wird. Einen Ansatz dazu gibt es bereits in den Präsentationen der verschiedenen Bundesländer am Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober. Aber zu den Bundesländern gehören eben nicht die historischen deutschen Ostgebiete, soweit sie jenseits der heutigen deutschen Ostgrenze liegen. So bleibt bei der Präsentation unserer Gegenwart eine Vergangenheit unberücksichtigt, die auch den heute lebenden Generationen bewusst sein sollte. Man wird sich Gedanken machen müssen, wie sich das verbessern läßt im Hinblick auf die Wahrheit der Aussage, daß das Bewußtsein vom historischen deutschen Osten einen Teil der Identität des ganzen deutschen Volkes ausmacht, den man nur zum Schaden einer gedeihlichen europäischen Zukunft vernachlässigen kann.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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