Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Von der Selbstbespiegelung zur Selbstreflexion

Das ist ein beschwerlicher Weg, von dem auch das 20. Deutsch-tschechische Brünner Symposium handelte

Beim inzwischen 20. Deutsch-tschechischen Brünner Symposium – Dialog in der Mitte Europas, federführend organisiert von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard Bolzano Gesellschaft, ging es um die Frage, was europäische Gesellschaften zusammenführt und zusammenhält. Deutlich wurde, daß besonders die gemeinsamen Werte und die gemeinsame Geschichte – freilich mit bisweilen unterschiedlichen Rollen und Erlebnissen – solche verbindende Elemente sein können.

Weit über 200 Teilnehmer verfolgten im Theater Reduta die Vorträge und Diskussionen. Immer wieder zur Sprache kam die deutsch-tschechische Erklärung von 1997. Dieser widmete sich in seinem Einführungsreferat auch der Dichter und Botschafter a.D. Jiri Grusa. Er würdigte diese als „Ende einer langen Rivalität“ und zeichnete die deutsch-tschechischen/böhmischen Beziehungen vor allem seit dem 19. Jahrhundert nach. „Der tschechische Revanchismus war ohne Pardon und Parallelen“, beschrieb Grusa die Zeit am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Vertreibung der Deutschen stattfand, was für viele Tschechen jedoch zu einem Trauma wurde.

Die Wende 1989 hat für die Tschechen laut Grusa nur fürs erste ein Umdenken und ein Ende der antideutschen Haltung gebracht. Nach einigen Jahren seien die lange tabuisierten Themen wieder in den Vordergrund gerückt. „Tschechien mußte über die eigenen Negativa nachdenken“, verdeutlichte der frühere Botschafter. Das betraf auch das Thema Vertreibung der Deutschen. „Wir müssen Selbstreflexion machen, unsere eigene Schuld beschreiben“, empfahl der Referent, was auf deutscher wie auf tschechischer Seite mit der Erklärung von 1997 geschehen ist. „Das war und ist eine gemeinsame Perspektive, aus Gegensätzen wurde ein Einklang geboren“, faßte Grusa zusammen.

Dennoch gab es vor und auch nach dieser Erklärung immer wieder verpaßte Chancen sowie Tabus im deutsch-tschechischen Dialog. Diese nannten der Historiker Dr. Miroslav Kunstat auf tschechischer und Dr. Peter Becher auf deutscher Seite. Folgende verpaßte Gelegenheiten zur Verbesserung des Verhältnisses führte Kunstat an: die nicht ausdiskutierte Debatte über Vaclav Havels Impuls (Rede in München) 1989/90, die Nichtbeteiligung der Tschechoslowakei an den Vorbereitungsverhandlungen zum Zwei-plus-vier-Vertrag, die lange Absenz der ehemaligen DDR bzw. neuen Bundesländer in den Parametern der tschechischen Wahrnehmung, die lange Ausarbeitung des deutsch-tschechischen Vertrages von 1992, der nach der Aufspaltung in die Tschechische und die Slowakische Republik nicht so richtig mit Leben gefüllt werden konnte. Auch wenn nach der Erklärung von 1997 nicht alle Aspekte auch nur zufriedenstellend gelöst sind, sieht Kunstat die Erklärung als „Basis für Optimismus“. Peter Becher wies auf „anhaltende Empfindlichkeiten und Ressentiments“ hin: die Verletzungen der Tschechen durch die NS-Okkupation und die Vertreibung der Sudetendeutschen. Als Defizit auf deutscher Seite nannte er das Fehlen einer Geste sowie die fehlende selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bei den Sudetendeutschen. Zwar habe inzwischen der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt MdEP, die Mitschuld der Sudetendeutschen eingestanden, dies sei aber, so Becher, erst viele Jahre nach Havels Entschuldigung geschehen.

Zum Thema „Bayern – Rückgrat einer lebendigen deutsch-tschechischen Nachbarschaft?“ referierte Markus Sackmann MdL, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Er machte deutlich, daß Ministerpräsident Seehofer mit seinem Besuch in Tschechien ein „neues Kapitel und neue Wege“ im Verhältnis zwischen Tschechien und Bayern bzw. Deutschland aufgetan habe. Als „echten Meinungsaustausch“ würdigte der Staatssekretär die Gespräche. Ebenso wichtig ist für den Landespolitiker aber der Dialog der Bürger über die Grenzen hinweg. „Menschen sind Brückenbauer“, führte Sackmann aus und dankte der Ackermann-Gemeinde für den seit Jahrzehnten geübten deutsch-tschechischen Dialog. Dieser müsse aber, so der Staatssekretär, die Identität und Kultur des jeweils anderen respektieren.

Das Thema „Ängste der Tschechen vor einem starken Deutschland“ behandelte die Publizistin Dr. Alena Wagnerová. „Wir müssen keine Angst vor einem demokratischen Deutschland haben“, brachte es Wagnerová auf den Punkt. Sie ging auch auf das Bild der Sudetendeutschen in der Zwischenkriegszeit ein, wo es auch „Tschechoslowaken deutscher Nationalität“ – Gegner Hitlers und Henleins – gegeben habe. Für notwendig hält es die Publizistin, die Überreste des Denkens aus dem Kalten Krieg zu überwinden.

Der Frage „Was hält Europas Mitte zusammen?“ ging Ferdinand Trauttmannsdorff, Österreichs Botschafter in Prag, nach. Er nannte den Kultur-, Verkehrs- und Wirtschaftsraum, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer, die Sprachkenntnisse und die Auseinandersetzung mit den unmittelbaren Nachbarn als Gegenpol zur Globalisierung. Die deutsch-tschechische Erklärung sah er als „haltbare Basis für Versöhnung und Nachbarschaft. Die EU und ihre Institutionen bilden den Rahmen. Aber es kommt auf die Öffnung des Herzens von allen an, die mit uns in einer gemeinsamen Region leben“, faßte Trauttmannsdorff zusammen.

Die bis heute nicht gelösten Probleme zwischen Slowaken und Ungarn thematisierte Dr. Rudolf Chmel, der Vizepremier der Slowakei für Menschenrechte und Minderheiten. Er schloß daraus, daß auch Mitteleuropa nicht funktioniere. Auf die Bedeutung der Automobilindustrie und der Energiewirtschaft für Mitteleuropa machte der Philosoph Dr. Martin Muránsky aufmerksam, auf den Wert von Literatur, Kultur und Geschichte der Literaturtheoretiker und -historiker Prof. Dr. Jiri Travnicek. Den paneuropäischen Gedanken brachte Rainhard Kloucek, der Generalsekretär der Paneuropabewegung Österreich, ein.
Konkret auf das Verhältnis von Deutschen und Tschechen bezogen das Tagungsthema Dr. Walter Rzepka, der Ehrenvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Monsignore Anton Otte, der langjährige Geistliche Beirat und Leiter des Prager Büros der Ackermann-Gemeinde, und der Politikwissenschaftler und frühere tschechische Minister Dr. Jaroslav Sabata. Rzepka sah die deutsch-tschechische Erklärung als juristisches Faktum, auf dem Gesten, Aktionen und Einrichtungen gründeten – mit verschiedenen Erfolgen und Wirkungen. „Die Entwicklung ist insgesamt positiv gelaufen, und die Geschichte ist nicht ausgeblendet“, faßte Rzepka zusammen. Er empfahl die weitere Erforschung der gemeinsamen Geschichte. „Im praktischen Zusammenleben müssen wir weitermachen und Themen anpacken, die heute das Zusammenleben belasten können“, blickte er nach vorne. Anton Otte sieht auch bei den aktuellen Fragen und Problemen Lösungen nur im europäischen und grenzüberschreitenden Kontext. Auf ein geteiltes Echo stieß Jaroslav Sabata mit seiner Aussage von der „segensreichen Hegemonie“ Deutschlands in Europa – vor allem wirtschaftlich. Bezüglich des deutsch-tschechischen Verhältnisses sprach Sabata von einem zunächst angespannten, nun aber gelösten Verhältnis. „Heute steht die sudetendeutsche Frage nicht mehr im Vordergrund“, stellte er fest und schlug vor, den Sudetendeutschen Tag in naher Zukunft zum Beispiel in Brünn abzuhalten.

Die Frage, wie ein gemeinsames historisches Gedächtnis in Mitteleuropa aussehen könnte, stand zum Abschluß auf dem Programm. Der Input oblag Prof. Dr. Manfred Kittel, dem Gründungsdirektor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Er nannte neben den Sudetendeutschen und Tschechen weitere europäische Völker und Volksgruppen, die im 20. Jahrhundert das Schicksal der Vertreibung erlitten haben. „Unsere Ausstellung vergleicht die verschiedenen Vertreibungen und arbeitet die Ursachen heraus“, machte Kittel deutlich, betonte aber auch den Verlust oft langer kultureller Traditionen, durch den die europäische Kultur insgesamt ärmer geworden sei. „Für Europa gibt es nur einen europäischen Weg, und der heißt, Brücken zu bauen“, empfahl Kittel.

Dr. Michal Kopecek, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in Prag, verwies darauf, daß in Tschechien das Erbe des Kommunismus und die Erinnerung daran auch heute noch eine Rolle spielen. Das Konzept des in Aussig angesiedelten Collegium Bohemicum stellte die Direktorin Blanka Mouralová detailliert vor, der stellvertretende Vorsitzende des Karpatendeutschen Vereins der Slowakei, Dr. Ondrej Pöss, ging auf die seiner Minderheit gewidmete Abteilung im slowakischen Nationalmuseum ein. Wichtig erscheint ihm zum einen das Erfahren von Empathie, zum anderen aber auch der Mut zur Wahrheit.

Markus Bauer (KK)

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