Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1379.

Von Kriegstaten und Taten der Frömmigkeit

Ein halbes Jahrtausend Glaube und Zweifel: Geschichte des Protestantismus in Schlesien

Zartheit und Zärtlichkeit in Lindenholz:
Madonna aus Steinau an der Oder,
15. Jahrhundert
Bilder: der Autor

„500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien – das ist eine vielschichtige, in mancher Hinsicht widerspruchsvolle Geschichte, eine Geschichte von Not und Bedrängnis, von Kriegstaten und Taten der Frömmigkeit und der Nächstenliebe, von Unterdrückung und Aufbegehren, von dramatischen Umwälzungen und Vertreibungen. Phasen stiller und ungestörter Entwicklung gab es selten“, betonte Markus Bauer, der Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz (SMG), bei der Eröffnung der Reformationsausstellung „Kirchfahrer, Buschprediger, Betende Kinder – 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien“, die bis zum 8. Oktober im Haus Schlesien Königswinter zu sehen ist.

Die deutsch-polnische Wanderausstellung mit Bild- und Texttafeln wurde durch zahlreiche Exponate aus den hauseigenen Beständen ergänzt. Es sind übrigens Raritäten, von denen einige erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden. Als Blickfang ist ein Lutherrock zu sehen, den der Pfarrer Erich Zakrzowski trug, der bis 1948 Dienst im niederschlesischen Gottesberg leistete, bevor auch er seine Heimat verlassen musste. „Der Lutherrock, den ich trug mit dem Kruzifix auf der Brust, hat mich vor Überfällen geschützt“, schrieb der Pfarrer in seinem Lebenslauf. Ausgestellt ist auch das Modell der evangelischen Kirche in Gottesberg.

Markus Bauer führte die Vernissagegäste mit einem ausführlichen Vortrag in die Thematik ein. Zur Entstehung der Ausstellung mit schlesischem Schwerpunkt, die das SMG und die Kulturreferentin für Schlesien, Dr. Annemarie Franke, konzipiert haben, betonte er: „Die Reformation hat auch die Geschichte Schlesiens über viele Generationen und bis auf den heutigen Tag zutiefst geprägt. Die Idee, zu diesem Thema eine zweisprachige, leicht transportable Wanderausstellung zu machen, entstand im Gespräch mit Freunden und Bekannten aus der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Man wollte dort, in den Diözesen Breslau, Kattowitz und Teschen, im Reformationsjahr 2017 gleichfalls die evangelische Geschichte Schlesiens in Erinnerung bringen, auch wenn die beschränkten finanziellen Möglichkeiten keine aufwendige Feier wie in Deutschland möglich machen. Die Präsentation entstand in enger Zusammenarbeit mit den drei Diözesen im polnischen Schlesien, ferner mit der Kirchlichen Stiftung Evangelisches Schlesien in Görlitz. Dass wir sie realisieren konnten, ist vor allem der Kooperation mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam zu verdanken.“

Die in drei Kopien vorhandene Ausstellung wurde Ende März auch in der Taufhalle der Friedenskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Schweidnitz/Swidnica eröffnet. Weitere Stationen der Wanderausstellung sind Breslau/Wrocław, Liegnitz/Legnica, Kattowitz/Katowice, Teschen/Cieszyn, Oppeln/Opole und Hirschberg/Jelenia Góra.
In der Ausstellung wird die Auseinandersetzung zwischen katholischem und evangelischem Bekenntnis in Schlesien mit Bild- und Texttafeln sowie mit Informationen über Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten dargestellt. Aufgezeigt wird u. a., wie sich seit den 1520-er Jahren die Lehre Martin Luthers im Bürgertum und im niederen Adel ausbreitete. Schlesische Fürsten und Ratsherren wurden einflussreiche Förderer. Sie sympathisierten mit der neuen Lehre, weil sie sich einen erheblichen Zuwachs an Macht und eine Ausweitung ihrer Kompetenzen versprachen. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts waren drei Viertel der Gemeinden Schlesiens evangelisch geworden. Für mehr als 200 Jahre war das Land von Glaubensdiversität geprägt.

Die Friedens- und Gnadenkirchen etwa stehen für den Kampf des schlesischen Protestantismus um Selbstbehauptung im Zeitalter der Gegenreformation. Weitere sichtbare Zeichen für protestantisches Gedankengut waren die „Kirchfahrten“. Das waren jeden Sonntag landesweite Demonstrationen für Glaubensfreiheit. Es ist heute kaum mehr nachzuvollziehen, mit welcher Heftigkeit, zuweilen Erbarmungslosigkeit die konfessionellen Gegensätze im 17. Jahrhundert ausgetragen wurden. Übrigens: Ein weit verbreiteter Kupferstich, der die Kirchfahrt zur Friedenskirche in Schweidnitz als Teil der biblischen Geschichte von Christus und den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus zeigt, wurde als Plakatmotiv für die Ausstellung gewählt.

Manchmal bedrängt das Dekor den Kern: Anbiete-Teller aus der Krister Porzellanmanufaktur mit Ansicht der Gnadenkirche Hirschberg

Trotz der Gewährung der Friedenskirchen befanden sich die schlesischen Protestanten am Ende des Dreißigjährigen Krieges in einer verzweifelten Lage, weil der Triumph der Gegenreformation unabwendbar schien. Die Situation entspannte sich erst in der späten Habsburgerzeit und änderte sich von Grund auf mit der preußischen Eroberung.
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Schlesien zu einem bikonfessionellen Land, wobei sich die „schlesische Toleranz“ durchsetzte, einer der Schlüsselbegriffe in der Geschichte des schlesischen Protestantismus, der sich auf das geregelte Nebeneinander der Konfessionen im Oderland bezog. Seit den Anfängen der Reformation gehörten die schlesischen Protestanten zu den gemäßigten Kräften. So waren beispielsweise die Breslauer Reformatoren Johannes Heß und Ambrosius Moibanus überzeugte Humanisten, die jedoch den Bruch mit der römischen Kirche lange scheuten und in vielem Melanchthon näher standen als Luther.

Zu den herausragenden Exponaten, die das Gastgeberhaus in die Ausstellung integrierte, gehört die „Gedächtnistafel“ (Kupfer, vergoldet, 1716) für den Breslauer Handelsmann und Bürger-Captain Christian Ducius, gebürtig aus Oberschlesien, und seine Ehefrau Rosina, geb. Neumännin. Zu sehen ist auch ein silberner, innen vergoldeter Deckelpokal (Schweidnitz, 1829) mit der Inschrift „Dem Senior Ministerii an der evang. Friedenskirche zu Schweidnitz Herrn C. G. Lehmann zur Feier seines 50. jaehr. Amtsjubiläums“ und eine Tasse aus der Krister Porzellanmanufaktur (Waldenburg, 1852) mit der Ansicht der Dreifaltigkeitskirche in Schweidnitz. Ebenfalls in der Krister Porzellanmanufaktur wurde auch der Anbiete-Teller mit der Ansicht der Gnadenkirche Hirschberg nach 1850 produziert. Nicht zu übersehen ist auch die aus Lindenholz in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts geschnitzte „Gotische Madonna“ aus der Gegend von Steinau an der Oder.

Von Mai bis September sind in Königswinter thematische Führungen, Vorträge, eine Studienreise und eine Buchpräsentation geplant.

Dieter Göllner (KK)

«

»