Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1268.

Von München bis Lissa und Riga

Die internationalen Jüdischen Kulturtage in München halten die Erinnerung an Leid und Leidenschaften wach

Die internationalen 22. Jüdischen Kulturtage in München 2008 präsentierten sich auch diesmal, wie die Veranstalterin Ilse Ruth Snopkowski, Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, vorher angekündigt hatte, „vielfältig und kontrovers, modern und traditionsbewußt“. Die seit 1987 stattfindenden Kulturtage, deren Ausstrahlung inzwischen weit über die Grenzen Deutschlands reicht, brachten ein weitgefächertes Programm mit Musik, Theater, Kunstausstellungen, Filmabenden, Lesungen, Vorträgen und Gesprächen.

Wie in vergangenen Jahren war man darum bemüht, einen wirksamen künstlerischen Beitrag zu leisten zur Verständigung zwischen den Völkern bzw. den Religionen. Eine andere  Zielsetzung der aus Spanien, Polen, Jordanien, der Schweiz, der Türkei, den USA, dem Libanon, aus Israel und Deutschland angereisten Musiker, Schauspieler, Autoren und Literaturwissenschaftler galt der Erinnerung an zwei historische Ereignisse: die Reichspogromnacht vor 70 Jahren und die Staatsgründung Israels vor 60 Jahren.

So folgte dem Eröffnungskonzert der bekannten Schweizer Klesmergruppe Kolsimcha (hebr. Stimme der Freude) mit ihrer rhythmisch sprühenden, doch manchmal auch melancholischen Musik, am Tag danach der französische Dokumentarfilm über „Ariel Scharons letzten Kampf“, ein Stück Zeitgeschichte Israels von Michael Prazan und Luc Rosenzweig (derzeit gerade wieder schmerzlich aktuell) sowie eine mahnende Buchpräsentation. In einem Kooperationsprojekt des Jüdischen Historischen Instituts Warschau (Leitung Prof. Feliks Tych), der Universität Leipzig und des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ konnten Protokolle, die man 1944–1948 in Warschau, Krakau, Lemberg, Lodz, Brody, Luck, Bialystok, Bukarest und anderen Städten aufgezeichnet hatte, unter dem Titel „Kinder über den Holocaust“ als erschütternde Zeitdokumente  in einem deutschsprachigen Sammelband herausgebracht werden.

So spannte sich der vielfältige Bogen der Veranstaltungen vom jüdisch-christlich-muslimischen Trialog „Wir Urenkel Abrahams“ mit Jalda Rebling, Burkhart Seidemann und Saddek El Kebir bis zu dem richtiggehend berauschenden Konzert des Middle East Peace Orchestra (USA), wo die beiden hervorragenden Vokalsolisten, der jüdische Kantor Jack Kessler und der libanesische Sänger Maurice Chedid, begleitet von acht jüdischen und arabischen Instrumentalisten, hören und spüren ließen, wie versöhnend und einend gute Musik sein kann. Bei einem Konzert vor den Vereinten Nationen hatte dieses Orchester „standing ovations“ erhalten; in München wollte der Beifall nicht enden, und so sang Jack Kessler zum Abschluß noch solo die „Ode an die Freude“.

Unter den Höhepunkten der Veranstaltungsreihe sollte hier auch das Konzert mit Werken vergessener jüdischer Komponisten erwähnt werden, wo die beiden renommierten Künstler Julia Rebecca Adler (Viola) und Axel Gremmelspacher (Klavier) wenig bekannte Juwelen von einst hoffnungsvollen Musikern spielten, deren vielversprechende Karrieren durch die Nazis jäh beendet wurden: Karl Weigl, Joseph Joachim, Frederick Jacobi, Léo Weiner und außerdem Mieczyslaw Weinberg, der neben Dimitri Schostakowitsch als einer der bedeutendsten modernen Komponisten Rußlands gilt.

Multikulturell und völkerverbindend im besten Sinne dieser strapazierten Begriffe waren auch das Eröffnungskonzert des Symposiums „Américo Castro und das Spanien der drei Kulturen heute“, wo das Ensemble Fontegara, Madrid, spanische, jüdische, christliche und muslimische Werke aus der Zeit des spanischen Mittelalters und der Renaissance spielte. Eine ähnliche Thematik aus der jüdisch-arabischen Welt behandelte dann der Vortrag über das „Judentum in Marokko und in der Türkei gestern und heute“, den Prof. Michael Studenmund-Halévy (Hamburg) hielt.

Von den literarisch-künstlerischen Veranstaltungen sei hier noch der Vortragsabend von Dieter Kühn erwähnt, der an Leben und Werk der Lyrikerin Gertrud Kolmar (1894–1943) erinnerte, die in Auschwitz ermordet wurde – ihr Todesdatum ist unbekannt. Als Gertrud Chodziesner in Berlin geboren, wo ihr Vater, der aus Posen stammte, ein bekannter Rechtsanwalt war, hinterließ sie ein bedeutsames dichterisches Werk, das heute neben dem von Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Hilde Domin und Ingeborg Bachmann steht. „Heute abend: Lola Blau“, das „Musical für eine Frau und ein Klavier“ von Georg Kreisler (mit Bettina Schönenberg, Regie Barry L. Goldman), gehörte ebenfalls zu den herausragenden Momenten dieser Kulturtage. Die Aufführung wurde musikalisch meisterhaft begleitet von Walter Kiesbauer (Klavier) und Thomas Gschrey (Klarinette, Saxophon).

Die festliche Verleihung  des Simon-Snopkowski-Preises, der zum zweitenmal vergeben wurde, hatte die Kulturtage eingeleitet. Diesmal  wurde die Gustav-Wale-Schule, Würzburg, für das deutsch-polnisch-lettische Gemeinschaftsprojekt „Würzburger Juden werden im November 1941 über Lissa nach Riga deportiert“, die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch/Bad Hindelang für das Projekt „Krieg und Frieden – Nazideutschland“ sowie eine Autorengruppe für ihre Dokumentation über das Schicksal der Schwabinger Juden ausgezeichnet. Beendet wurden die Veranstaltungen unter anderem mit einem Film über Daniel Barenboims außergewöhnliches West-Eastern Divan Orchestra, ein künstlerisches Begegnungs- und Friedensprojekt junger Musiker aus Israel, aus arabischen Ländern und aus Europa. Es war ein Ausklang, dessen Klänge nicht verhallen dürfen.

Claus Stephani (KK)

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