Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Vor Gesichts- und Geschichtsverlust bewahren

Das im Riesengebirge am Fuße der Schneekoppe gelegene Hirschberger Tal war im 19. Jahrhundert, vor allem in der Zeit der Romantik, das beliebteste Reiseland nördlich der Alpen. So errichtete hier auch die preußische Königsfamilie ihre Sommerresidenzen, Künstler wie Caspar David Friedrich oder Ludwig Richter hielten die Schönheit der Landschaft  in Bildern fest, Theodor Fontane verbrachte in dieser Gegend regelmäßig seinen Urlaub, Carl und Gerhart Hauptmann ließen sich 1890 im Hirschberger Tal nieder, wo Gerhart Hauptmann u. a. das Drama „Die Weber“ schrieb und bis zu seinem Tode 1946 in Agnetendorf lebte.

Auch heute ist diese Landschaft mit den sanften Hügeln, den schroffen Felsformationen und gigantischen Wasserfällen wieder ein beliebtes Urlaubsgebiet.  Wie war es aber vor über 200 Jahren, als der 41jährige Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe 1790 eine Koppenwanderung unternahm und dort den Sonnenaufgang erlebte, Heinrich von Kleist 1797 seine „Hymne an die Sonne“ in das Koppenbuch der Hampelbaude schrieb oder Theodor Körner 1809 den „Sonnenaufgang auf der Schneekoppe“ bedichtete? Nicht nur zeitgenössische Schriften geben uns einen Einblick, sondern auch und um so bildhafter die zahlreichen Kupferstiche und Lithographien aus dieser Zeit. Wir bekommen auf einer der Lithographien sogar eine Vorstellung von der bescheidenen Hampelbaude, in der einst Goethe übernachtete. Die Graphiken beweisen auch, daß es schon Anfang des 19. Jahrhunderts in Stonsdorf außer einem sogennannten Gesellschaftshaus einen Biergarten gab, der bevorzugt von den Badegäste aus Warmbrunn aufgesucht wurde.

Es war nicht nur die Schönheit der Natur, die die Menschen immer wieder in diese Gegend zog, es war auch die Verbindung von Natur und Kultur, die das Hirschberger Tal mit der Burgruine Kynast, den Schlössern, Herrenhäusern und ihren Parkanlagen zu einer einzigartigen Kulturlandschaft machten. Das wird auch an der großen Zahl von Souvenirbildern dieser Zeit deutlich, die u.a. die Schlösser Erdmannsdorf, Fischbach, Schildau und Lomnitz zeigen.

Und heute? Das Hirschberger Tal blieb von den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verschont. Doch mit Flucht und Vertreibung und Neubesiedlung setzte der Verfall der historischen Bauwerke ein, vor allem solange sie leer standen und der Plünderung ausgesetzt waren. Hinzu kam, daß es bis 1962 keine verbindlichen Vorschriften für den Denkmalschutz gab. Das sollte sich 1989 mit der politischen Wende ändern. Inzwischen ist ein Teil der Schlösser und Herrenhäuser in Privatbesitz übergegangen und zum Teil vorbildlich restauriert. Oft sind aber auch heute noch Objekte in schlechtem Zustand, da der finanzielle Aufwand für die Renovierung den neuen Besitzer überfordert.

Das nun von der Fundacja Dominium Lomnica herausgegebene zweisprachige Buch „Blick auf das Hirschberger Tal einst und jetzt“, illustriert mit vorwiegend historischen Ansichten, will nicht nur die Geschichte dieser besonders schönen Gegend Schlesiens in Erinnerung rufen, sondern auch der heutigen Bevölkerung die historische Bedeutung und damit das kulturelle Erbe dieses einzigartigen Tales näherbringen. Nur wenn dies in das Bewußtsein der Menschen übergeht, ist es möglich, das Hirschberger Tal vor Gesichtsverlust durch beliebige Bauaktivitäten zu bewahren und das kulturelle Erbe für die zukünftigen Generationen aufzuheben. Das wird auch aus dem Vorwort des einstigen Generalkonservators Polens, Prof. Dr. Andrzej Tomaszewski, deutlich.

Angelika Marsch: Kotlina Jeleniogórska dawniej i teraz / Blick auf das Hirschberger Tal einst und jetzt. Fundacja Dominium Lomnica, Lomnica /Lomnitz  2007, 136 S., 97 Abb., erhältlich in: Schlesische Schatztruhe, Brüderstraße 13, 02826 Görlitz, 9 Euro.

(KK)

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