Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Wacklige Altäre

Seminartagung zu Geschichtsmythen am Heiligenhof

Zum Thema „Nationale Geschichtsmythen und ihre Entzauberung“ fand auf dem Heiligenhof, Bad Kissingen, eine Seminartagung der Bundesarbeitsgemeinschaft für ostdeutsches Kulturerbe (BAG) in Zusammenarbeit mit dem Heiligenhof statt. Gustav Binder, Studienleiter in dieser Einrichtung, und Adolf Fiedler, Vorsitzender der BAG, begrüßten die angereisten Teilnehmer und führten in die Tagungsthematik ein.

Dr. Otfried Pustejovsky, Waagkirchen, stellte zu dem Thema „Erinnerungskulturelle Diskurse“ einen wissenschaftstheoretischen Rahmen her und ging der Rolle von Gedenkveranstaltungen für ein kollektives Gedächtnis einer Gesellschaft, eines Volkes nach. Kollektive und individuelle Erinnerungen unterliegen einer gewissen Relativierung und damit einem zeitbedingten Wandel, was Mode, Essensgewohnheiten, Wohnkultur und Umgangsformen von Menschen erkennen lassen.

In einem zweiten Vortrag beschäftigte sich Dr. Pustejovsky mit „Deutsch(Sudetendeutsch)-tschechischen Mythenvergleichen“. Einen Schwerpunkt legte er aus sudetendeutscher Sicht auf „Aussig“, „Postelberg“ und „Bergersdorf“, für die tschechische Seite führte er an „München 1938“, „Lidice“ und „Theresienstadt“. Knapp, jedoch anschaulich schilderte er die Massaker an deutscher Zivilbevölkerung an ersteren drei Orten und deren Aufarbeitung in der heutigen Tschechischen Republik. Im tschechischen (tschechoslowakischen) Kollektivbewußtsein wurden bzw. werden die letzteren drei Orte und die dort geschehenen Morde zum Mythos der „Befreiung von nationalsozialistischer Fremdherrschaft“ hochstilisiert. „München 1938“ ist im kollektiven Bewußtsein der Tschechen zu einem „München-Komplex“ geworden, zum Synonym für den Beginn der Zerschlagung der CSR. Das Schicksal der Orte Lidice und Lezarky im Sommer 1942 ist nach den Worten des Referenten im tschechischen Kollektivbewußtsein zum Mythos für die „brutale NS-Terrorherrschaft“ geworden. Theresienstadt sei nach Pustejovsky ein weiterer Ort tschechischer Mythenbildung. In Wirklichkeit ist das KZ Durchgangslager für Juden nach Auschwitz gewesen. 1945 diente es als Lager für Deutsche.

Im Rückblick auf die Geschichte des Verhältnisses von Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren führte der Referent noch zahlreiche historische Ereignisse an, die zur Interpretationsmasse und so zum Material für die Befeuerung nationalen Selbstbewußtseins gemacht worden sind.

Adolf Fiedler, Frankenberg/Eder, hielt zwei Referate, das eine zum Thema „Geschichtsmythen und ihre Instrumentalisierung“, das andere über  „Bismarckbilder in der deutschen und internationalen Historiographie“. In seinem ersten Vortrag stellte der Referent das Selbstverständnis der beiden deutschen Staaten 1949 dar. Die DDR verstand sich als der deutsche Staat. Zudem erhob die DDR den Anspruch, der „fortschrittlichere demokratischere Staat auf deutschem Boden zu sein“, der aufgrund der „antifaschistisch-demokratischen Umwälzung“ bereits nach 1945 den Faschismus für alle Zeiten besiegt und unmöglich gemacht habe. Alle sogenannten fortschrittlichen Traditionen der deutschen Geschichte habe die DDR für sich beansprucht. Die Bundesrepublik berief sich hingegen auf ihre demokratische Legitimation durch das Volk, die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches und damit auf den Alleinvertretungsanspruch (Nichtanerkennung der DDR als Staat).

Der Referent unterzog sodann die Gründungsmythen beider deutschen Staaten einer kritischen Analyse, indem er sie den geschichtlichen Faktoren gegenüberstellte.

Im zweiten Vortrag gab der Referent zunächst einen Überblick über das Urteil zu Bismarcks Innen- und Außenpolitik in der historischen Fachliteratur. In den nach 1980 erschienenen Biographien von Lothar Gall und Ernst Engelberg wird das politische Handeln Bismarcks, das zur Reichsgründung führte, durchweg als „historisch notwendig“ gesehen, und der deutsch-amerikanische Historiker Otto Pflanze ordnet die Einigungskriege in einen gesamteuropäischen und nordamerikanischen historischenZusammenhang der Gründung neuzeitlicher Nationalstaaten ein und kommt zu dem Schluß, daß die Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 nicht „singulär“ zu sehen seien und nicht mehr Opfer gefordert hätten, als andere Nationen in ihren Einigungskriegen hatten.

Gerhard Wonner referierte über das Thema „Geschichte und Mythos – Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft“. Die fast tausendjährige Lücke in der rumänischen Identitätsfindung suchte man durch Rückgriff auf Ursprünge des rumänischen Volkes zu schließen. Der Emanzipation gegenüber Ungarn diente die These von der „reinrassigen Latinität“ der Rumänen, die wiederum im Laufe der Geschichte – insbesondere in den Fürstentümern Walachei und Moldau – abenteuerliche Blüten trieb. Aufgrund der prekären Quellenlage läßt sich das Problem der Herkunft der rumänischen Ethnie vorerst nicht lösen. Dieser Umstand läßt breiten Raum zum Fabulieren. Zwar gab es immer wieder Ansätze zu einer kritischen Reflexion, doch gelangte diese nie zu einem dauerhaften Durchbruch.

In seinem Referat „Leitbild, mythenfreies Geschichtsbuch“ stellte Dr. Robert Maier, Georg-Eckert-Institut, Braunschweig, vier Mythen vor: zwei aus der ehemaligen Sowjetunion, einen aus Deutschland und einen aus Japan. In stalinistischer Zeit wurde der Bergmann Stachanow, der im August 1933 102 Tonnen Kohle aus dem Berg geschlagen und damit seine Norm um 1547 % übererfüllt hatte, zum Kult hochstilisiert, ebenso die achtzehnjährige Schülerin Zoja Anatol Komsodemjanskaja, die sich im Oktober 1941 einer Partisanengruppe angeschlossen hatte und nach einem misslungenen Anschlag auf deutsche Soldaten nach grausamer Folter hingerichtet wurde. Im Falle der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. klaffen Ereignis und Mythologisierung zeitlich auseinander, und der erste Schritt zu deren Mythologisierung liegt im Jahre 1520: Ulrich von Hutten brachte Luthers Kampf gegen Rom mit dem Cheruskerfürsten in Verbindung. Dieser Traditionsstrang wurde dann mit der Reichsgründung 1871 aufgegriffen im nationalen Sinne, von den Nazis überhöht und mißbraucht, heute im Tourismus kommerzialisiert. Als letztes Beispiel führte Dr. Maier „Die Stimme des Kaisers“ als Mythos an. Es handelt sich hier um die Bekanntgabe des Kriegsendes am 15. August 1945 durch den Tenno im Rundfunk. Nach japanischer Version war der Zweite Weltkrieg an diesem Tag beendet und nicht auf dem Schlachtschiff Missouri, der Kaiser hatte nicht als Staatsoberhaupt oder Oberbefehlshaber der Streitkräfte gesprochen, sondern als „Hoher Priester“.

Dr. Dirk Moldt, Berlin, hielt ein Referat  über Mythen der DDR. Zentral war die These von der DDR als antifaschistischem Staat und dessen Gründungsmythos vom antifaschistischen Widerstand. Da die DDR bzw. 1945 die SBZ im Zuge des Sieges über Hitler-Deutschland von der Sowjetarmee besetzt worden war, brauchte man einen Mythos, der die Selbstbefreiung vom Nationalsozialismus durch die Arbeiterklasse dokumentiert. Diesen schuf man durch die Errichtung des Buchenwalddenkmals 1958. Insofern wurde diese Erzählung zusammen mit der Identifikationsfigur Nr. 1, Ernst Thälmann, zum Sinnbild für den antifaschistischen Widerstand, auf den die DDR aufgebaut hat. Im übrigen knüpfte der SED-Staat an alle sog. „fortschrittlichen Traditionen“ der deutschen Geschichte an.

Ein weiterer zentraler Mythos der ehemaligen DDR war die „Arbeit“. Dieser wurde ein hoher gesellschaftlicher und individueller Stellenwert zugewiesen. Individuelle Freiheit wurde verstanden als ein Recht, das mit dem kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft in Einklang stehen müsse.

In der anschließenden Diskussion ergänzten einige Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR aus eigenem Erleben die Ausführungen des Referenten.

Adolf Fiedler (KK)

 

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