Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

„Wälder und Menschen“ auf Russisch

Das entbehrt nicht einer unterschwelligen Stringenz, wird aber auch realiter realisiert: Wiechert-Initiativen in Königsberg

Es war eigentlich Zufall, bedingt durch Terminprobleme, dass am 1. Juni 2016 im Deutsch-Russischen Haus (DRH) in Königsberg/Kaliningrad ein Abend über den ostpreußischen Dichter Ernst Wiechert (1887–1950) stattfand. Geplant gewesen war ein solcher Abend für den Spätherbst 2016, doch dann ergaben sich Termin-
überschneidungen, und man entschied sich spontan für den Sommeranfang.

Die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG), 1989 gegründet, hat 150 Mitglieder aus elf Nationen und ihren Sitz in Westdeutschland. Zum Deutsch-Russischen Haus besteht seit Jahren ein guter und enger Kontakt. Ernst Wiechert, geboren im Forsthaus Kleinort im Kreis Sensburg, Masuren, lebte dreißig Jahre in Königsberg, ging dort aufs Gymnasium, studierte an der Albertina und unterrichtete als Studienrat am Hufengymnasium. Heute befindet sich dort ein College für Architektur und Bauwesen, das die Tradition des Hauses sorgfältig pflegt.

Es hat nichts vom Forsthaus Kleinort, das Deutsch-Russische Haus in Königsberg/Kaliningrad, und doch ist es ein „schicklicher Ort“ für das Andenken des in jenem Haus geborenen Dichters Bild: DRH

Es hat nichts vom Forsthaus Kleinort, das Deutsch-Russische Haus in Königsberg/Kaliningrad, und doch ist es ein „schicklicher Ort“ für das Andenken des in jenem Haus geborenen Dichters
Bild: DRH

Dass Ernst Wiechert im Jahre 2016 im DRH thematisiert werden sollte, hängt mit einem geplanten Übersetzungsprojekt zusammen. Der seinerzeit prominente deutsche Dichter und Bestsellerautor lebte von 1933 bis 1948 in Wolfratshausen bei München und schwieg nicht zu dem Unrecht im NS-Regime. 1933 und 1935 hielt er jeweils eine Rede an der Münchner Universität. Er meldete deutliche Kritik an den Machthabern an. Man hatte ihn deshalb schon lange „im Visier“, und als er 1938 gegen die Einweisung des Theologen Martin Niemöller in ein Konzentrationslager protestierte, war ein Grund für seine Verhaftung am 6. Mai 1938 gegeben. Er war vom 8. Juli bis zum 30. August im KZ Buchenwald und schrieb darüber das bis heute aktuelle und auflagenstarke Buch „Der Totenwald. Ein Bericht“.

Nun ist eine Übersetzung dieses Buches ins Russische in Planung, die zusammen mit den Münchner Reden des Dichters zu seinem 130. Geburtstag 2017 vorliegen soll, und es entstand die Überlegung, die russischen Leser mit einigen Wiechert-Veranstaltungen heranzuführen.

Unbekannt ist Wiechert dem russischen Publikum längst nicht mehr. Die Germanistin Lidia Natjagan aus Königsberg/Kaliningrad hat bereits seine Lebenserinnerungen „Wälder und Menschen“ und „Jahre und Zeiten“ übersetzt. Mit dem Band „Ostpreußen im Werk Ernst Wiecherts“, in dem sie Texte des Dichters über Ostpreußen und Erzählungen, die in Ostpreußen spielen, zusammengestellt hat, schenkte sie den Lesern in der Kaliningrader Oblast literarische Bilder ihrer Heimat. Pünktlich zum 25. Jubiläum der IEWG 2014 erschien der Band und wurde im DRH am 2. April 2014 vorgestellt. Seither wurde das Buch im ganzen Gebiet verteilt.

Bei den Terminplanungen im Mai 2016 stellte sich heraus, dass Ernst Wiechert und mit ihm seine IEWG im Laufe der Jahre fast ein dutzendmal im DRH zu Gast waren. Die Übersetzungen wurden von Lidia Natjagan mehrmals bei gut besuchten Leseabenden vorgestellt. Klaus Weigelt, der stellvertretende Vorsitzende der IEWG, hielt einen Vortrag über den Schweizer Philosophen Max Picard, der ein prägender Freund Wiecherts war. Zum 125. Geburtstag des Dichters am 18. Mai 2012 fand eine Abendveranstaltung im DRH statt, an der wichtige Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens Kaliningrads teilnahmen. Die Festrede hielt Professor Dr. Waldimir Gilmanov.

Am 28. Oktober 2015 stellte Dr. Bärbel Beutner, die erste Vorsitzende der IEWG, „Ernst Wiecherts Königsberger Periode“ im DRH vor. Lidia Natjagan übersetzte und zeigte eine gut ausgearbeitete Bildpräsentation zu seinem gesamten Lebenslauf. Doch auch das Umfeld des Dichters tritt im DRH zutage. In der letzten Maiwoche 2015 reiste der Neffe des Zeichners, Grafikers und Porträtisten Emil Stumpp (1886–1941) nach Kaliningrad. Im DRH zeigte er Werke seines berühmten Onkels und schilderte ein Künstlerleben, das durch die Nationalsozialisten vernichtet wurde.

Emil Stumpp war ein Kollege und Freund Ernst Wiecherts am Hufengymnasium in Königsberg, lebte nachher in Berlin und zeichnete und porträtierte alle Prominenten seiner Zeit bis hin zu Albert Einstein, Präsident Roosevelt, Strawinsky und Thomas Mann. Ein Hitlerporträt erregte das Missfallen der Nationalsozialisten, er wurde beruflich stark eingeschränkt und 1940 wegen „freundlichen Umgangs mit Kriegsgefangenen“ verhaftet. Er starb 1941 im Gefängnis.

Die Präsentation im DRH durch seinen Neffen im Mai 2015, die Konrad Behrend, ehemaliger Schüler des Hufengymasiums und Mitglied der IEWG, organisiert hatte, fand so großen Anklang, dass 2016 im Rahmen der Kant-Tage zum Geburtstag des Philosophen, der zum neunten Mal im DRH gefeiert wurde, am 21. April eine Emil-Stumpp-Ausstellung eröffnet wurde. Damit wurde ein weiterer vom NS-Regime geächteter Künstler im DRH geehrt, nachdem 2015 dort eine Käthe-Kollwitz-Ausstellung stattgefunden hatte.

Zu dem Wiechert-Abend am 1. Juni 2016 fand sich denn auch ein zahlreiches und interessiertes Publikum ein. „Ernst Wiechert – Dichter der inneren Emigration“ lautete das Thema des Vortrages von Dr. Bärbel Beutner. Die Zuhörer lernten das Schicksal des Dichters im „Dritten Reich“ kennen und erhielten einen Einblick in seine Botschaft von Menschlichkeit, Mitleid und Recht angesichts der Gewaltherrschaft. Seine bewegenden, eindringlichen Worte kamen auf Deutsch zu Gehör, übersetzt von Andrej Portnjagin, dem Direktor des Hauses. Bald werden die russischen Wiechert-Leser sie in ihrer Muttersprache lesen können.

Die Kaliningrader Presse war durch zahlreiche Journalisten vertreten. Wieder haben die Wiechert-Gesellschaft und das Deutsch-Russische Haus ein Stück gemeinsamen Weges zurückgelegt.

Bärbel Beutner (KK)

«

»