Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

Waisenkind der Weltkriegsgeschichte

Dass Ostpreußen schon 1914 ein Brennpunkt der Kriegshandlungen war, wurde lange vernachlässigt, zeigt das Kulturzentrum in Ellingen

Waisenkind-der-Weltkriegs„Deutschland blickte zu Beginn des Ersten Weltkrieges nur nach Westen.“ So begann Dr. Andreas Kossert von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin seinen Einführungsvortrag zur neuen Sonderschau „August 14 – Der Erste Weltkrieg in Ostpreußen. Triumph und Tragik“ im Kulturzentrum Ostpreußen im Barockschloss Ellingen. Nach dem bereits 1905 entwickelten Schlieffen-Plan, der die Grundlage der deutschen Operationen zu Beginn des Krieges bildete, war der Osten nur schwach verteidigt, denn der Plan sah einen Angriff mit raschem Sieg im Westen vor in der Hoffnung auf die langsame Mobilmachung der Russen im Osten, wo dann die freiwerdenden Kräfte eingesetzt werden sollten.

Die Bevölkerung in Ostpreußen hatte große Angst vor einem „Krieg vor der Haustüre“, denn das Land war an der rund 500 Kilometer langen Grenze von drei Seiten von Russland umschlossen. Die Russen fielen bereits zwei Wochen nach Kriegsbeginn ein und besetzten rund zwei Drittel des Landes, nachdem die 8. Armee unter Maximilian von Prittwitz die Njemen-Armee unter Paul von Rennenkampff und die Narew-Armee unter Alexander Wassiljewitsch Samsonow in der Schlacht bei Gumbinnen vom 19. und 20. August 1914 nicht hatte aufhalten können.

Als Hindenburg dem Kaiser mitteilte, die „Scharte von 1410“ bei Tannenberg sei ausgewetzt, setzte er dem eigenen Mythos zuliebe den Grundstein der antipolnischen Stimmung, von der die Nationalsozialisten profitieren sollten.

Von Prittwitz wurde daraufhin durch Generalmajor Erich Ludendorff und Generaloberst Paul von Hindenburg ersetzt, die mit dem Sieg in der Schlacht bei Tannenberg vom 26. bis zum 31. August die Sicherung von Ostpreußen einleiteten. Dabei gelang deutschen Truppen die Einschließung und weitgehende Vernichtung der Narew-Armee. Vom 6. bis zum 15. September folgte die Schlacht an den Masurischen Seen, die mit der Niederlage der Njemen-Armee endete. Die russischen Truppen räumten daraufhin den größten Teil Ostpreußens. (Noch vor dem Einführungsvortrag hatte Katharina Fürstin von Wrede, die Vorsitzende des Fördervereins Kulturzentrum Ostpreußen, zur Eröffnung der Sonderschau in ihrem Grußwort erwähnt, dass in ihrer eigenen Familie mit österreichisch-ungarischen Wurzeln acht Personen den Ersten Weltkrieg an der Front nicht überlebt haben und dass eine Tante aus dem Hause Wrede als Krankenschwester an der Front gedient hatte.)

Die Schlacht von Tannenberg wurde als Revanche für die Niederlage der Armee des Deutschen Ordens im Jahre 1410 gesehen. Bereits am 29. August 1914 habe Paul von Hindenburg dem deutschen Kaiser Wilhelm II. mitgeteilt, dass die „Scharte von 1410 ausgewetzt sei“, so der Berliner Historiker. Hindenburg arbeitete an seinem eigenen Mythos, da die Kämpfe eigentlich nicht wie 1410 bei Tannenberg, sondern bei Hohenstein stattfanden. Der „Retter Ostpreußens“ – Hindenburg – legte hier bereits den Grundstein der antipolnischen Stimmung, die später von den Nationalsozialisten für Propagandazwecke benutzt wurde und die hypothetische Behauptung zum Kern hatte, Deutschland sei „im Osten unbesiegbar“.

Für die Bevölkerung waren die Folgen der Kämpfe besonders schmerzlich, denn neben dem Oberelsass und Lothringen war diese Region die einzige im Kaiserreich, die von Kampfhandlungen direkt betroffen war. Die Landschaft lag in Trümmern, rund 800 000 Menschen waren unvorbereitet auf der Flucht, Gewalt und Zerstörung waren an der Tagesordnung, führte der Mitarbeiter der Berliner Stiftung weiter aus. Ende September 1914 erfolgte ein neuer Angriff auf Ostpreußen, und erst mit der Winterschlacht in Masuren zwischen dem 7. und dem 22. Februar 1915 konnte die Bedrohung aus dem Osten für die deutsche Provinz abgewendet werden.

Bereits Ende 1914 stellte eine Kriegsschadenskommission Schäden in Höhe von 1,5 Milliarden Mark fest. Mit Hilfe einer vom Kaiser am 27. August 1914 erlassenen Solidaritätsaktion „Ostpreußenhilfe“ wurden Milliardenbeträge für den Wiederaufbau aufgebracht.

Wolfgang Freyberg, der Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen, bezeichnete die große, speziell auf Ostpreußen ausgerichtete Sonderschau auf 160 Quadratmetern als einmalig in Deutschland. Bei allen anderen historischen Abrissen, die den Ersten Weltkrieg behandeln, sei dieser Landstrich nur mit wenigen Zeilen und Bildern erwähnt. Freyberg begrüßte unter anderen namentlich den Landtagsabgeordneten Manuel Westphal, Jürgen Danowski, den Landeskulturreferenten der Landsmannschaft Ostpreußen in Bayern, sowie Konrad Vanja, der bis 2012 Direktor des Museums Europäischer Kulturen in Berlin war. Sein Dank richtete sich an das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration sowie den Förderverein, die diese Ausstellung finanziert haben, sowie an sein Team.

Die mehrteilige Ausstellung beschreibt mit zahlreichen Bildtafeln die Vorgeschichte des Krieges mit den politischen Entwicklungen seit den 1880-er Jahren, die chronologische Zusammenfassung der Kampfhandlungen in Ostpreußen, die Folgen der Kriegszerstörungen und den anschließenden Wiederaufbau. Leihgaben aus Beständen des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg, des Westpreußischen Landesmuseums Warendorf und des Armeemuseums Białystok in Polen ergänzen die Präsentation bis zum 22. Februar 2015.

Manfred E. Fritsche (KK)

«

»