Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1264.

Was „zwei Hände tragen“ konnten, läßt sich nicht ermessen

Rund 12,5 Millionen Deutsche kamen in Folge des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge oder Vertriebene ins zerstörte Deutschland. Viele Einheimische empfanden sie als Fremde, die man nur ungern aufnahm. Die Neuankömmlinge selbst sehnten sich danach, in ihre vertraute Heimat zurückzukehren. Letztendlich schrieben alle gemeinsam eine Integrations-Erfolgsgeschichte, an deren bewegende, heute meist vergessene Anfänge die Ausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseums erinnert. Einzelne Lebensgeschichten lassen jene Zeit wieder lebendig werden.

Koffer, grob gezimmerte Holzkisten und Leinensäcke türmen sich wandhoch in der Ausstellung: Sie alle waren Flucht- oder Vertreibungsgepäck, in dem die Menschen beim Verlassen ihres Zuhauses das Notwendigste unterbrachten. Innerhalb kürzester Zeit mußten sie entscheiden, was sie mitnahmen und was zurückblieb. Diejenigen, die Glück hatten, konnten immerhin mehrere Gepäckstücke in einen Waggon oder auf ein Fuhrwerk laden. Schlechter stand es um alle, die ihre Sachen selbst tragen mußten. Meist waren es Frauen, Kinder und alte Menschen, denn die Männer befanden sich noch im Krieg oder in Gefangenschaft. Elsa Koch, die als Neunjährige die Flucht erlebte, berichtet: „Meine Mutter und ich hatten mehrfach Kleiderstücke übereinander angezogen, alles, was wir anziehen konnten, trug man auf dem Leib.“ Am härtesten traf es wohl diejenigen, die erst nach Jahren in Zwangsarbeits- und Internierungslagern nach Deutschland ausreisen durften. Zu ihnen gehört Georg Demand, der  21 Jahre alt war, als er endlich zu seinem Vater nach Deutschland ausreisen durfte: „Das Vermögen, das ich damals mitbrachte, konnte ich mit meinen zwei Händen tragen.“

Daß Millionen Heimatlose für immer in Deutschland bleiben würden, schien in den ersten Monaten nach Kriegsende unvorstellbar. Die Bevölkerung litt unter extremem Wohnraummangel in den zerstörten Städten, es herrschte Hunger, überall suchten Menschen nach Angehörigen, während Verkehr und Kommunikation weitgehend lahmgelegt waren. Die Flüchtlinge mußten sich in beengten Notunterkünften einrichten. Alltägliche Dinge wie Nähmaschine, Handwagen oder Ofen konnten unter solchen Bedingungen zu wahren Schätzen werden, gegenseitige Hilfe, Improvisationstalent und Arbeitswille zum wichtigsten Kapital. Bis zur Währungsreform 1948 blühte der Tauschhandel. „Wolle von den Bauern wurde gesponnen, da bekamen wir Brot“, erinnert sich Katharina Rippert, die damals Anfang 20 war. Konflikte zwischen Einheimischen und Neuen waren in dieser Lage keine Seltenheit, dennoch gab es auch viele Gesten der Hilfsbereitschaft. So beschenkten freundliche Nachbarn den Flüchtlingsjungen Adam Hoffmann, den es aus der ebenen Batschka nach Stuttgart verschlagen hatte, mit den ersten Skiern seines Lebens.

Es sollte viele Jahre dauern, bis allen Flüchtlingen und Vertriebenen klar war, daß sie für immer in Deutschland bleiben würden. Während die Bundesrepublik das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre erlebte, wohnten überall noch Menschen in Baracken und warteten auf eine Rückkehrmöglichkeit. Katharina und Stefan Uslebers Hoffnung währte bis zur Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956, wie sich ihre Tochter Maria erinnert: „1956 war alles an den Koffern am Packen.“ Mit der endgültigen Entscheidung für die neue Heimat Deutschland erlangte das aus dem Herkunftsort Mitgebrachte eine besondere Bedeutung. Manches wurde nun als Symbol der verlorenen Heimat öffentlich gezeigt, zum Beispiel farbenprächtige Trachten bei Umzügen und bemalte Möbel in Heimatstuben. Anderes, wie bestimmte Speisen und Traditionen, wurde eher innerhalb der Familie weitergegeben. Manche Menschen entschieden sich bewußt für ein Leben mit zwei Heimaten: Sie hielten Kontakt zu einstigen Nachbarn, reisten Jahr um Jahr in ihr Herkunftsland oder begründeten grenzüberschreitende Städtepartnerschaften. Einigen ergeht es bis heute so wie der 79jährigen Maria Kling, die feststellt: „Wenn ich nach Ungarn fahre, fahre ich heute noch ‚heim‘!“

Die Ausstellung zeigt bis zum 11. Januar 2009 überwiegend Dinge, die sich noch vor kurzem in Privatbesitz befunden haben. Dadurch wird das private Familiengedächtnis vieler Menschen erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zu diesen Exponaten gehören Dokumente, Fotografien und Gegenstände von unterwegs und aus den ersten Notjahren in Deutschland. Zu sehen sind aber auch die wertvollen Dinge aus dem Heimatgepäck der Neubürger, zum Beispiel die bunten, in Deutschland jedoch allzu auffälligen Trachten der Donauschwaben. Nicht zuletzt wird an Beispielen deutlich, wie die allmähliche Eingliederung verlief: Trachtenröcke wurden in modische Kleider umgeschneidert, die einstigen Fremden wirkten am deutschen Wiederaufbau mit, Einheimische heirateten Flüchtlinge – so formte sich allmählich die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Die Publikation erinnert an die Anfänge der rückblickend so erfolgreich wirkenden Integration von über 12 Millionen Ostflüchtlingen im Nachkriegsdeutschland. Zu ihnen gehörten rund 200000 Donauschwaben, Angehörige der deutschen Minderheit in Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Der größte Teil von ihnen gelangte in die amerikanische und die sowjetische Besatzungszone (später Baden-Württemberg, Bayern und DDR). Das Buch erzählt anhand konkreter Fallgeschichten einfühlsam und informativ von den Erlebnissen der Flüchtlinge und Vertriebenen zwischen alter und neuer Heimat. Zusätzliche Hintergrundinformationen liefern drei volkskundliche Beiträge.

(KK)

Heimat im Koffer – Flüchtlinge und Vertriebene aus Südosteuropa im Nachkriegsdeutschland. Begleitbuch zur Ausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseum. Hg. von Henrike Hampe. Ulm 2008, 68 S., 85 farb. Abb., 8,80 Euro

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