Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Was bedeutet der Paragraph 96 BVFG heute?

Aufgaben der künftigen Kulturarbeit bezüglich der Vertreibungsgebiete

Der Paragraph 96 BVFG leidet bereits unter seiner Überschrift. Denn was ist „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete"? Kulturgut ist im allgemeinen dingliches Kulturgut. Das dingliche Kulturgut der Vertreibungsgebiete befindet sich jedoch zum größten Teil nach wie vor in diesen Gebieten und kann nicht unter unserer Regie betreut werden.

Natürlich ist ein Teil der Kulturgüter aus den Vertreibungsgebieten entweder zur Sicherung während des Krieges oder im Zuge der Vertreibung in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland gelangt. Diese Teile des erwähnten Kulturgutes galt es zu sichern, zu bewahren und zu erforschen. Die Aufgabe der Erforschung kann als fortdauernd angesehen werden, während Sicherung und Bewahrung im wesentlichen als abgeschlossen gelten können. Bei dem vermeintlichen Kulturgut, das im Bewußtsein des deutschen Volkes und des Auslandes erhalten werden soll, handelt es sich dagegen um die von den Deutschen in und aus den Vertreibungsgebieten erbrachten Beiträge zur Kultur, die großenteils europäischen Rang und damit eine Bedeutung für die ganze Menschheit haben. Diese schöpferischen Leistungen in Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben im Bewußtsein zu erhalten ist und bleibt die allerwichtigste Aufgabe, denn nur daraus wird deutlich, daß der kulturelle Wert der Vertreibungsgebiete und ihrer ehemaligen deutschen Bewohner ein Bestandteil der Identität des ganzen deutschen Volkes ist.

Was dagegen die im Gesetzestext zum Ausdruck gebrachte „Weiterentwicklung" des Kulturgutes der Vertreibungsgebiete anbetrifft, so wird man sich schwertun, wenn man sagen soll, was an Sinnvollem damit gemeint war und ist. Die Baudenkmäler zum Beispiel im historischen Osten Deutschlands können natürlich heute und in Zukunft nicht nur restauriert, sondern auch verändert werden. Dies aber fällt nicht mehr unter die Verantwortung deutscher Behörden, über deren Wahrnehmung in Deutschland öffentlich berichtet werden könnte. Was nun die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Forschung, künstlerischer oder technischer Gestaltung anbetrifft, so vollzieht sie sich im heutigen Deutschland ohne fortdauernden Bezug auf die nicht mehr zu Deutschland gehörenden Gebiete und deren ehemalige Bewohner. Man kann also diese vermeintliche Aufgabe außer acht lassen.

Was bleibt dann an kulturellen Aufgaben in bezug auf die in den ehemals deutschen Gebieten oder von aus ihnen stammenden Menschen erbrachten Leistungen?

1. Es muß eine wissenschaftlich gesicherte Darstellung dieser Leistungen bis zum Jahre 1945 geben. Dafür ist es notwendig, nicht nur durch Institute, sondern auch durch Lehrstühle an Universitäten die umfassende Landeskunde dieser Gebiete nach ihren regionalen Besonderheiten in Zusammenarbeit mit den Gelehrten der Nachbarländer zu erforschen und sine ira et studio darzustellen. Dies ist eine erstens dauerhafte und zweitens in voller Verantwortung der öffentlichen Hände liegende Aufgabe. Zur Erfüllung dieser Aufgabe gehört auch, daß bei verschiedenen Einrichtungen im Lande (Bibliotheken, Archiven und Museen) Stellen geschaffen werden müssen, für die man sich durch das Studium der Landeskunde bestimmter nicht mehr zu Deutschland gehörender Regionen qualifizieren kann. Niemand wird vernünftigerweise ein Fach studieren, dessen Beherrschung weder von staatlicher noch von privater Seite honoriert wird. Ob darüber sinnvollerweise jährlich berichtet werden muß oder in größeren Zeitabständen, mag dahinstehen, aber hier liegt eine Aufgabe des Staates, die von zeitbedingt herrschenden politischen Richtungen gänzlich unabhängig ist.

2. Um das Bewußtsein des deutschen Volkes und der anderen Völker über die Erfüllung der genannten großen Aufgabe wachzuhalten, ist eine Breitenarbeit erforderlich, die durch geeignete Publikationen, Ausstellungen, Tagungen und Erinnerungsveranstaltungen den Zugang zur wissenschaftlich fundierten Darstellung des Beitrages des historischen Ostens zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte erschließt. Dazu bedarf es der Förderung von Kultureinrichtungen, in denen möglichst viele Persönlichkeiten mitwirken, die durch ihre Herkunft einschließlich der Vorfahren und durch die von ihnen geleistete Arbeit ein enges Verhältnis zu den ehemals deutschen Ostgebieten und zu den früheren Siedlungsgebieten Deutscher im östlichen Europa haben. Die Kraft, die aus einem bloßen Sachinteresse hervorgeht, ist naturgemäß geringer als die durch Herkunft und bereits erbrachte eigene Leistungen entstandene Begeisterung für die genannten Aufgaben.

Es ist klar, daß es für jede eigengeprägte Region mindestens eine solche Einrichtung zur Bewußtseinsbildung und -erhaltung geben muß und mehrere überregionale Einrichtungen, teils auf einzelne Sachgebiete, teils allgemein ausgerichtet, die sich der Verbreitung des Wissens über die Gesamtheit der ehemals deutschen oder deutsch geprägten Gebiete widmen.

Es ist ratsam, den Paragraphen 96 des BVFG in Gegenwart und Zukunft in angemessener Weise unmißverständlich neu zu fassen. An der Bedeutung und daher Notwendigkeit dieser Aufgabe kann es für ein Kulturvolk in der Mitte Europas wohl kaum einen sachlich begründeten Zweifel geben.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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