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Ausgaben: Ausgabe 1398.

Was blühte im Prager Frühling?

Gar manches, den Kirchen jedoch nicht nur Gutes – daran arbeitet sich auch die Ackermann-Gemeinde ab

Die Referenten: in der ersten Reihe der Prager Weihbischof Václav Malý, Bambergs Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Dr. Otfried Pustejovsky, AG-Diözesanvorsitzender Hans-Peter Dörr, in der zweiten Reihe Monsignore Anton Otte
Bild: der Autor

Eines der vielen Gedenken in diesem Jahr gilt dem „Prager Frühling“. Auch die Ackermann-Gemeinde der Diözesane Würzburg erinnerte in Kooperation mit der Domschule Würzburg an dieses Ereignis. „Panzer gegen Freiheit und Demokratie – der Prager Frühling vor 50 Jahren. Auslöser damals – Folgen für heute“ lautete das Thema des von 60 Teilnehmern besuchten Symposiums im Würzburger Burkardushaus. In die damaligen Zeitumstände ordnete Moderator Matthias Dörr, Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, in seiner Einführung die Vorgänge ein, wobei auch ein Blick auf die Kirchen gerichtet werden sollte.

Dies übernahm in Bezug auf das Tagungsthema der Prager Weihbischof Václav Malý. Er machte darauf aufmerksam, dass die Endphase des Zweiten Vatikanums und die Ursprünge des Prager Frühlings zeitlich nahe beieinander lagen und der Prager Frühling zur Belebung, ja Erneuerung der Kirche beitrug. „Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes hörte alles auf“, nannte der Weihbischof eine deutliche Zäsur. Bis in die späten 70er Jahre wurde die katholische Kirche unterdrückt und verfolgt: Laien durften nicht tätig werden, nahezu kein Religionsunterricht und keine kirchliche Presse, „ein eher klerikales Bild der Kirche“, so Malý. Hoffnung gab Papst Johannes Paul II., die Gläubigen organisierten Vorträge in Wohnungen, inoffizielle theologische Literatur wurde verbreitet und Kardinal František Tomášek veröffentlichte sein Programm zur geistigen Erneuerung. Malý ging auch auf die Untergrundkirche ein mit geheimen Weihen von Frauen und verheirateten Männern zu Priestern sowie heimlichen Bischofsweihen. Rückblickend meinte er, es sei nicht einfach gewesen, Beziehungen zwischen diesem Teil der Kirche und der offiziellen Kirche herzustellen. Mit dem Ende des Kommunismus hätten sich für die katholische Kirche viele neue Aufgaben und Herausforderungen ergeben. Hoffnung für die Zukunft sieht Malý in vielen neuen Konvertiten. Als Defizit sieht er das geringe Engagement der Laien – eine Folge der langen Kleruszentrierung. Zudem sei die katholische Kirche in Tschechien eher eine „Kirche der Intellektuellen – es fehlen die Arbeiter und Handwerker. Damit ist sie teilweise von der Gesellschaft abgeschnitten“, beklagte Malý. „Die Aufgabe der Kirche bei uns ist es, das Evangelium anzubieten und die Suchenden zu begleiten. Wir dürfen aber nicht erwarten, dass sie gleich zu Konvertiten werden.“

Die Zeitspanne von 1948 bis 1968 beleuchtete der frühere Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde im Erzbistum München-Freising, Dr. Otfrid Pustejovsky. Eingangs zitierte er aus der ersten Rede des KPC-Abgeordneten Klement Gottwald am 21. Dezember 1929 vor der Tschechoslowakischen Nationalversammlung. Schon hier stellt sich Gottwald auf die Seite der Sowjetunion und kündigt einen Kampf gegen Kapitalisten und Faschisten an. Pustejovsky nannte den tschechoslowakisch-sowjetischen Beistandsvertrag vom 12. Dezember 1943, der auch eine enge Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit festlegte. Auch im Kaschauer Regierungsprogramm vom 5. April 1945 wird diese Verbundenheit nochmals betont. Mit Duldung Stalins sei die Vertreibung der Deutschen erfolgt. „Danach versuchte die Kommunistische Partei, die künftigen Staatsstrukturen unter Nutzung der demokratisch vorhandenen Möglichkeiten vorzubereiten. Bis Februar 1948 versuchten die anderen Parteien, die Krise nach bewährten Mustern zu lösen“, beschrieb Pustejovsky die Vorgehensweise. Am 24./25. Februar 1948 seien die Kommunisten am Ziel gewesen. Die Entdogmatisierung habe im Dezember 1962 begonnen und zuerst ihren Schwerpunkt in der Slowakei gehabt. Spür- und sichtbar sei dies geworden in der Presse, bei Historikern, angesichts von Lockerungen in Kirche und Wirtschaft oder durch Gespräche mit Vertretern des Westens und ab 1967 bei den Studenten. Als im März/April 1968 Schriftsteller und Geistliche freigelassen wurden, sich die kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus verstärkte, sei auch die Führung der Sowjetunion unruhig geworden – mit der Okkupation und „Normalisierung“. Und mit dem Truppenstationierungsvertrag vom 16. Oktober sei, so Pustejovsky abschließend, die Besetzung der CSSR bis 1990 festgeschrieben worden.

Das vieltürmige Prag dunkelt der Erkenntnis entgegen: Kirche ist mehr als Bischöfe
Bild: IKGS

Die Entwicklungen in den zwei Jahrzehnten nach dem Prager Frühling erläuterte die an der Technischen Universität Reichenberg wirkende Dr. Katerina Portmann. Bis weit ins Jahr 1969 habe die Bevölkerung weiter auf Demokratisierung gehofft, auch weil Gustáv Husák, neuer KPC-Generalsekretär, für viele „1969 noch eine akzeptable Persönlichkeit war“, so Portmann. Jedoch seien fast alle Reformer im Herbst 1968 umgeschwenkt. Die „Normalisierung“ setzte ein, doch auch Verfolgungen unterschiedlicher Zielgruppen, Säuberungen in der KPC selbst, scharfe Grenzsicherung und -kontrollen. „Zu Beginn der 70er Jahre war die Hoffnung bei der Bevölkerung weg, die Stimmung ziemlich deprimierend und lethargisch. Viele zogen sich in die innere Emigration zurück“, beschrieb Portmann die Lage. Dem sei die Regierung mit gezielten Maßnahmen für Familien begegnet. Mit der Charta 77 sei eine neue, verschiedene Meinungen und Personen umfassende Gruppe öffentlich aufgetreten, deren Hauptprotagonisten trotz Verfolgung und Verhaftungen durchgehalten haben. Mit Michail Gorbatschows Politik sei die CSSR-Führung distanzierter umgegangen. Noch 1989 sei es zu Auflösung von Demonstrationen und zu Verhaftungen gekommen. Die Ereignisse in der Deutschen Botschaft in Prag (Ausreise der DDR-Flüchtlinge) hätten die Behörden in Alarmstimmung versetzt, so dass die Demonstration am 17. November erlaubt wurde, die zum Ausgangspunkt der Samtenen Revolution wurde.

Bei der Tagung gab der Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kommission Weltkirche in der Deutschen Bischofskonferenz ein Statement zu den Grundlagen des Dialogs mit den Kirchen in Mittel- und Osteuropa. „Osteuropa war nicht so sehr im Fokus, eher etwas zurückgesetzt. Wir müssen Osteuropa wieder als Schwerpunkt der weltkirchlichen Arbeit nehmen.“ Er bekennt aber auch, dass es bei den Bischöfen in Mittel- und Osteuropa „in einigen wichtigen Themenfeldern unterschiedliche Auffassungen“ gebe – etwa in den Fragen Ehe/Familie, europäische Einigung und Identität der eigenen Nation. Im künftigen Dialog sollen folgende Themen stehen: Säkularität und Säkularismus, Familie und Jugend, geistliche Berufungen und Entwicklung der Orden, Umwelt und Schöpfung. Besonders bei Begegnungen sollen diese Themen bearbeitet werden. Einen Blick wollen die Bischöfe auch auf die Nachfolgestaaten Jugoslawiens richten, zumal hier „Initiativen der Versöhnung“ ganz besonders nötig erscheinen. „Kirche ist aber mehr als die Bischöfe“, machte Erzbischof Schick deutlich und erinnerte an die Vereine und Verbände bzw. Jugendlichen, die bereits – zum Teil seit langer Zeit – in der Begegnung Richtung Mittel- und Osteuropa aktiv sind.

Markus Bauer (KK)

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